Ernst Jandl
Ernst Jandl: Letzte Gedichte

Luchterhand Literaturverlag, München 2001
ISBN 9783630620015
Kartoniert, 123 Seiten, 9,46 EUR
ISBN 9783630620015
Kartoniert, 123 Seiten, 9,46 EUR
Klappentext
Herausgegeben von Klaus Siblewski. Aus dem geplanten Band mit neuen Gedichten ist nach Ernst Jandls Tod nun die Veröffentlichung seiner "Letzten Gedichte" geworden.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.09.2001
Keine Frage, aus diesen Gedichten spricht die Vorahnung des Sterbens. Karl Riha liest den "letzten Jandl" mitunter als "lyrischen Reflex auf die Krankheitsgeschichte", als Bericht aus einem "krankheitsgesteuerten Alltag." Dass Jandls Kunst dennoch "keine herkömmliche Ich-Lyrik" ist, wie der Rezensent feststellt, scheint das eigentliche Wunder: Es gelte, die aus dem Erleben kommenden Verse "durch Ableitungen aus dem literarischen Experiment neu aufzuladen". Daraus wieder ergibt sich die Formenvielfalt dieser Texte, die Riha besonders zu schätzen scheint: verschiedenste Reim- und Strophenschemata, grammatikalische Dekomposition, serielle Wiederholung mit Variation, Wortverfremdungen, Dialekt-Notationen - als Zweizeiler oder im thematischen Zyklus.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.06.2001
Harald Hartung bespricht Ernst Jandls "Letzte Gedichte" und Friederike Mayröckers "Requiem für Ernst Jandl" zusammen.
1) Ernst Jandl: "Letzte Gedichte"
Zweifel an dieser von Jandl-Lektor Klaus Siblewski getroffenen Auswahl letzter Gedichte meldet Rezensent Harald Hartung an. Am offensichtlichsten stört ihn die Aufnahme von "Notizen und Vorstufen" in die Edition, hinter denen er die Absicht vermutet, "das Bändchen ein wenig aufzufüllen". Auch zeigt sich Hartung irritiert, dass Textvarianten nicht kenntlich gemacht worden sind. Doch neben dem Beiläufigen hat der Rezensent dann auch Texte gefunden, "die noch einmal die Klaue des Löwen zeigen". Texte, die den "altersgrimmigen und depressiven Poeten" auch als "Meister des Kalauers" zeigten. Stark, ungeniert und bis an die Grenze des Obszönen sei Jandl in der Beschreibung des Körperlichen in seinem Verfall. In allerletzten Gedichte habe sich sogar "ein barocker Ton von Beichte und Bekenntnis" gefunden, der den Rezensenten rührte.
2) Friederike Mayröcker: "Requiem für Ernst Jandl"
Bewegt geht Rezensent Harald Hartung in seiner Besprechung des posthumen Jandl-Gedichtbandes auch auf sechs Texte von Friederike Mayröcker ein, die sie als "Requiem für Ernst Jandl" schrieb. Gedichte, die sich gewissermaßen an ein letztes Gedicht Jandls anschließen, in dem er den Wunsch äußert, die Lebensgefährtin möge "dann" schreiben, "dass ich tot bin". Für den Rezensenten sind die Texte ein Zeugnis der Erschütterung durch die Trauer, das ihn besonders durch seine "zarte Empirie" berührt hat. Mayröcker fixiere das "Bild des Dichters auf dem Krankenlager", zeige ihn auf dem Totenbett, aber eben auch als Lebenden, und lässt den Rezensenten so einen letzten wehmütigen Blick auf ein Traumpaar der Dichtung werfen.
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buecher.de1) Ernst Jandl: "Letzte Gedichte"
Zweifel an dieser von Jandl-Lektor Klaus Siblewski getroffenen Auswahl letzter Gedichte meldet Rezensent Harald Hartung an. Am offensichtlichsten stört ihn die Aufnahme von "Notizen und Vorstufen" in die Edition, hinter denen er die Absicht vermutet, "das Bändchen ein wenig aufzufüllen". Auch zeigt sich Hartung irritiert, dass Textvarianten nicht kenntlich gemacht worden sind. Doch neben dem Beiläufigen hat der Rezensent dann auch Texte gefunden, "die noch einmal die Klaue des Löwen zeigen". Texte, die den "altersgrimmigen und depressiven Poeten" auch als "Meister des Kalauers" zeigten. Stark, ungeniert und bis an die Grenze des Obszönen sei Jandl in der Beschreibung des Körperlichen in seinem Verfall. In allerletzten Gedichte habe sich sogar "ein barocker Ton von Beichte und Bekenntnis" gefunden, der den Rezensenten rührte.
2) Friederike Mayröcker: "Requiem für Ernst Jandl"
Bewegt geht Rezensent Harald Hartung in seiner Besprechung des posthumen Jandl-Gedichtbandes auch auf sechs Texte von Friederike Mayröcker ein, die sie als "Requiem für Ernst Jandl" schrieb. Gedichte, die sich gewissermaßen an ein letztes Gedicht Jandls anschließen, in dem er den Wunsch äußert, die Lebensgefährtin möge "dann" schreiben, "dass ich tot bin". Für den Rezensenten sind die Texte ein Zeugnis der Erschütterung durch die Trauer, das ihn besonders durch seine "zarte Empirie" berührt hat. Mayröcker fixiere das "Bild des Dichters auf dem Krankenlager", zeige ihn auf dem Totenbett, aber eben auch als Lebenden, und lässt den Rezensenten so einen letzten wehmütigen Blick auf ein Traumpaar der Dichtung werfen.
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.05.2001
Der Rezensent berichtet von einem klaren Fall hemmungsloser Jandl-Verehrung. Ein Rudel Polizisten mit entsicherten Dienstwaffen nimmt dem Kritiker erst sein Handy und dann seine Ausgabe der "Letzten Gedichte" ab. Der Rezensent brüllt und wehrt sich, doch es hilft nix, die Staatsgewalt will das Buch. Kein Wunder, gibt Franz Schuh zu verstehen: Es ist großartig. Jandl durchbreche die Routine des Negativismus, indem er sie - bis zur Unglaubwürdigkeit - verschärfe. Bis es unglaubwürdig wird also. Und eben das gefällt dem Schuh so. Dass alles so (unglaubwürdig) gut gesagt ist. Kann doch nur das Resultat einer Anstrengung sein, die an ihren Sinn glaubt. Denkt er.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.04.2001
Mit großer Empathie, mit viel Sympathie auch für die beiden Autoren widmet sich Jörg Drews Jandls "Letzten Gedichten" und Friederike Mayröckers "Requiem für Ernst Jandl".
1) Ernst Jandl: "Letzte Gedichte"
Den Autor beschreibt Drews als intellektuellen Melancholiker. So "total", wie der Rezensent die Desillusioniertheit Jandls sehen will, scheint sie indessen nicht zu sein. Zu einer "unbeugsamen Intention auf Wahrheit" und zu "hemmungslosem Spott", wenn auch gegen sich selbst, reicht es auch in den nun vorliegenden, von Drews empfohlenen "Letzten Gedichten" noch allemal. Ebenso ist Jandls Formen-Anarchismus, den Drews so gutheißt, ganz genau - eine "wütende Zerplitterung", mitnichten also Ausdruck von Resignation. Bleibt noch ein Wort an den Herausgeber. Von dem hätte sich der Rezensent doch mehr erwartet: über Lesarten, Textgrundlagen und Auswahlprinzipien.
2) Friederike Mayröcker: "Requiem für Ernst Jandl"
Die beiden hier versammelten Prosastücke, schreibt Drews, ergeben sich ganz dem Ungetröstetsein nach dem Verlust des geliebten Menschen. Und obwohl sich der Rezensent bisweilen geniert hat, sich für das Leben und die Liebe zweier Menschen zu interessieren und es lesend mitzuvollziehen - als zur Kunstform erhobene grüblerische Gedankenflucht, der die "Rituale und Selbstbetrügereien, mit denen man den Schmerz dämpft", eingeschrieben sind, erscheint ihm das Buch kostbar.
1) Ernst Jandl: "Letzte Gedichte"
Den Autor beschreibt Drews als intellektuellen Melancholiker. So "total", wie der Rezensent die Desillusioniertheit Jandls sehen will, scheint sie indessen nicht zu sein. Zu einer "unbeugsamen Intention auf Wahrheit" und zu "hemmungslosem Spott", wenn auch gegen sich selbst, reicht es auch in den nun vorliegenden, von Drews empfohlenen "Letzten Gedichten" noch allemal. Ebenso ist Jandls Formen-Anarchismus, den Drews so gutheißt, ganz genau - eine "wütende Zerplitterung", mitnichten also Ausdruck von Resignation. Bleibt noch ein Wort an den Herausgeber. Von dem hätte sich der Rezensent doch mehr erwartet: über Lesarten, Textgrundlagen und Auswahlprinzipien.
2) Friederike Mayröcker: "Requiem für Ernst Jandl"
Die beiden hier versammelten Prosastücke, schreibt Drews, ergeben sich ganz dem Ungetröstetsein nach dem Verlust des geliebten Menschen. Und obwohl sich der Rezensent bisweilen geniert hat, sich für das Leben und die Liebe zweier Menschen zu interessieren und es lesend mitzuvollziehen - als zur Kunstform erhobene grüblerische Gedankenflucht, der die "Rituale und Selbstbetrügereien, mit denen man den Schmerz dämpft", eingeschrieben sind, erscheint ihm das Buch kostbar.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.04.2001
Felix Philipp Ingold erläutert in seiner Rezension, dass dieser Band aus zwei Mappen an Hinterlassenschaften Jandls hervorgegangen ist, Texte, die jedoch allem Anschein nach keineswegs ihre "letzte" Form gefunden hatten: "Versbau und Strophik wirken eher fahrig", Wortspiel und Witz ebenso wie Endreim seien selten auszumachen und auch "experimentelle Textfügungen" vermisst der Rezensent. Dafür jedoch dominiere das Private: "grimmige Trauer und scharfes Lästern", wofür Ingold auch einige Beispiele anführt. Wer erwartet, dass Jandl seinen - ihn überlebenden - Lesern prophetische oder wegweisende Worte mit auf den Weg gegeben habe, der wird nach Ansicht des Rezensenten von diesem Band enttäuscht sein. Vielmehr klingen die von Ingold zitierten Passagen überaus verbittert, und so lässt sich nach Meinung des Rezensenten das Fazit in einem einzigen Wort ausdrücken: "Scheiße". 'Scheiße ist das Leben, Scheiße ist die Liebe, Scheiße ist die Kunst, Scheiße ist Gott, Scheiße bin ich' - so Jandl selbst in diesen Aufzeichnungen.
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