"Der Krieg gehörte den Erwachsenen, wir liefen sehr einsam dazwischen herum." - Ernst wächst behütet in einer süddeutschen Kleinstadt des späten Kaiserreichs auf, und seine Welt scheint zunächst intakt. Doch tatsächlich ist die Gesellschaft gezeichnet durch die grundlegenden Konfliktlinien der Zeit: Antisemitismus, politische Kämpfe zwischen Linken und Rechten, Armen und Reichen. Der Krieg überbrückt zunächst alle diese Gräben, doch je länger er dauert, desto deutlicher wird, wie fragwürdig der Hurrapatriotismus und wie brüchig die bisherige Ordnung ist. Glaeser verknüpft die äußeren Ereignisse mit dem Innenleben seines Protagonisten, der sich sexuelle Erfahrungen ebenso wie die eigene Meinung gegen die prüde Welt der Väter und deren hohl gewordenen Moralismus erkämpfen muss: "Der Krieg, das sind unsere Eltern." Als Glaesers Roman 1928 erscheint, trifft er den Nerv der Zeit. Er bringt das Trauma jener Generation auf den Punkt, die ihre Desillusionierung hinter den Frontlinien des Ersten Weltkriegs erlebt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.2014
Als zeitgenössisches Dokument findet Thomas Meissner diesen Roman von Ernst Glaser über die Erlebnisse eines Zwölfjährigen in der deutschen Provinz kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs durchaus lesenswert. Meissner stört sich nur wenig an Glasers politischer Unentschlossenheit im Nationalsozialismus. Wichtiger scheint ihm, dass hier ein Autor über das Individuelle hinaus die Befindlichkeit einer ganzen Generation zu fassen sucht. Wenn Glaser dabei der Neuen Sachlichkeit gemäß weitgehend berichtend vorgeht und seine Introspektionen zum Schicksal der Daheimgebliebenen im Krieg sowie zur Verlogenheit im Kaiserreich mit nur wenigen, wenngleich für Meissner unübersehbaren romanhaften Zuspitzungen und Konstellationen garniert, kann der Rezensent damit leben.
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