Edgar Hilsenrath

Berlin ... Endstation

Cover: Berlin ... Endstation
Dittrich Verlag, Köln 2006
ISBN 9783937717081
Gebunden, 244 Seiten, 19,80 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Helmut Braun. Eigentlich heiße ich Joseph Leschinsky, aber da manche Leute Leschinsky zu lang fanden, nannten sie mich Lesche. An Lesche habe ich mich gewöhnt, und dieser Name ist mir geblieben und ersetzt sogar meinen Vornamen, einfach so: Lesche. "Und Sie wollen in Deutschland bleiben?" "Ich habe die Schnauze voll von Amerika." Singer spielte mit seinen Kreuzworträtseln, und seine Finger fuhren fast zärtlich über das Papier. "Sie werden als Jude nicht lange in Deutschland leben können", sagte er dann. "Ich habe mir die Sache gründlich überlegt", sagte Lesche. "Ich bin deutscher Schriftsteller und brauche die deutsche Sprache. Ich muss sie hören, immer und überall. Außerdem ist Deutschland heute ein demokratisches Land. Der Hitlerspuk ist längst vorüber, und inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen." "Der Holocaust wird Sie überall in Deutschland verfolgen. Jedes Haus, jede Straße wird Sie daran erinnern. Und die alten Leute. Es gibt kein Entrinnen. Glauben Sie?s mir." "Man muss es auf einen Versuch ankommen lassen." Lesche schlürfte den wässrigen Kaffee. "Ich habe unlängst in einer jüdischen Zeitung gelesen", sagte er dann, "dass die Deutschen in der Hauptstadt ein Holocaustmahnmal errichten wollen. Was halten Sie davon?" "Das ist ein schlechter Witz«, sagte Singer. "Wozu brauchen die Deutschen ein Mahnmal? Ganz Deutschland ist ein Holocaustmahnmal." "Ganz Deutschland?" "Ja. Ganz Deutschland."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.12.2006

Edgar Hilsenraths Roman ist für Rezensent Dieter Hildebrandt Teil seines "Versteckspiels". Das Buch erzähle zwar auf den ersten Blick "einigermaßen lebensecht" Hilsenraths Heimkehr nach Deutschland im Jahr 1975 und seine "harte Landung" im Westen Berlins. Der Roman beschreibt, wie ein Schriftsteller sich erfolgreich hocharbeitet bis er ins Visier von Neonazis gerät. Schon vor einem Jahr sei die Skizze zum Buch bei einer Ausstellung in der Berliner Akademie vorgestellt worden, doch bei der Lektüre des jetzt erschienenen Romans stellt der Rezensent nicht nur fest, dass sich Titel und Name des Protagonisten verändert haben, sondern dass Hilsenrath wieder einmal den Eindruck vermittle, "er wolle lieber auf dem falschen Fuß als auf dem richtigen Ich ertappt werden". Der Rezensent wird das Gefühl nicht los, dass der Autor sich hinter "traumatischen Tarnungen" versteckt. So hat er zumindest nach der Lektüre noch viele Fragen, die auch das Nachwort Helmut Brauns nicht auflösen kann. Immerhin gebe der in einem Punkt Entwarnung: Hilsenrath sei nie von Neonazis bedroht worden.
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