Doron Rabinovici

Ohnehin

Roman
Cover: Ohnehin
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783518416044
Gebunden, 258 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Stefan Sandtner, Facharzt für Neurologie, kämpft gegen die Krankheiten der Erinnerung, aber er kennt kein Mittel, um eine Frau zu vergessen, die noch unlängst mehr als eine Kollegin für ihn war. Er nimmt sich eine Auszeit vom Klinikdienst. Nur einen Patienten, den er seit seinen Kindertagen kennt, behandelt er weiter: den alten Herbert Kerber, der sich nichts länger als 15 Minuten merken kann. Niemanden erkennt er wieder; nur die Kriegsjahre, über die er zuvor nie sprach, sind in aller Schärfe präsent, ja, er glaubt sich mitten in ihnen. Ob allerdings das Heraufholen der Erinnerungen überhaupt erstrebenswert ist, darüber geraten die erwachsenen Kinder des Alten in Streit. Ist nicht das Vergessen eine Gnade? fragt sich der Sohn, zumal so am heilen Bild des Vaters keine Risse entstehen. Die Tochter hingegen veranstaltet mit dem Kranken Tribunale, die zu keinem Ende kommen, weil ihm vorher immer wieder alles entfällt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.06.2006

Ambitioniert, aber vollkommen missglückt, findet Daniela Strigl diesen Kriminalroman von Doron Rabinovici. Der Autor verbindet darin die auf Roma verübten Briefbombenanschläge von 1995 in Österreich, die Verbrechen von Dr. Heinrich Gross, der während des Nationalsozialismus als Arzt die Ermordung von Kindern einer Wiener Klinik befahl, und schließlich Vorkommnisse aus dem Jugoslawien-Krieg, dies alles gewürzt mit Wiener Lokalkolorit, erklärt die Rezensentin. Für sie hat das Buch den Charakter einer "lustlos" absolvierten Pflichtaufgabe und sie kann es nur der Verzweiflung über die Mühen des Autors beim Schreiben zurechnen, dass sich darin so viele Stilblüten finden. Dabei lese sich der Krimi streckenweise wie ein Führer durch die angesagtesten Lokale Wiens, was dem Buch ja zumindest einen praktischen Nutzen verleihen würde, so Strigl. Dass man über all die Fehltritte dieses Buches die wenigen wirklich gelungenen, zum Teil sehr witzigen Passagen fast übersieht, findet die Rezensentin sehr schade.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.09.2004

Als "Entwicklungsroman, kritische Bestandaufnahme der Vergangenheitsbewältigung und literarische Studie der ars memoria", resümiert Maike Albath Doron Rabinovicis Roman zufrieden. In dem Buch versucht der Wiener Psychologe Stefan Sandtner seine gescheiterte Liebe zu vergessen. In der "persönlichen Gedächtnisrecherche" des Autors, so die Rezensentin, lerne der Leser aber die gesamte Bandbreite des Vergessens kennen. Dabei gehe der Autor mit dem "kaleidoskopischen Prinzip" vor: Jeden Charakter wird eine mögliche Erscheinungsform der Erinnerung, Verdrängung und Traumatisierung zugewiesen, wie zum Beispiel Herbert Kerber, der als früherer SS-Mann keinerlei Verantwortung übernimmt, während seine Tochter Bärbel eine Repräsentantin der hochmoralischen Generation der Nachgeborenen ist. Auch wenn die Gesichte konventionell und manchmal etwas hausbacken erzählt werde, erklärt die Rezensentin, entwickele sie doch einen gewissen Sog. Albath stört nur eines: Durch den Vollständigkeitsdrang des Autors, werden Schicksale von Nazis, Juden, Jugoslawen, Türken und Griechen behandelt, die in ihrer Fülle das Individuelle beliebig lassen werden.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.07.2004

Das "spezifische Gewicht großer österreichischer Literatur" hat Rezensent Paul Michael Lützeler im neuen Roman von Doron Rabinovici ausgemacht. In dem Buch, das auf den ersten Blick eine Liebesgeschichte mit tragischem Ende erzählt, nimmt sich der Autor "gekonnt" eines ganz anderen Themas an: dem Kampf der Kulturen. Nur wenige Romane schilderten die "Dialektik von Vergessen und Erinnern", Verdrängen und Bekennen "so komplex" wie der Rabinovicis, meint der Rezensent. So werden Parallelen zwischen den NS-Morden und Bürgerkriegsverbrechen der Gegenwart gezogen und massive Kritik an der "Spaßgesellschaft der neunziger Jahre" geübt. Die Verflechtung von neuen sozialen und politischen Gegebenheiten und der Vergangenheit machen das Besondere des Autors aus, der den Rezensenten mit seinen "musilesken Diskussionen", den "canettihaften Wortwechseln" oder der "brochischen Dichte" begeistert.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 05.06.2004

Die Rezensentin Marion Lühe wird nicht so richtig warm mit diesem Roman, bei dem das Motiv des Erinnerns und Vergessens mit großem Eifer durchdekliniert wird. Doch außer dass jede mögliche Position -zum Beispiel zur Nazivergangenheit, denn ein Nebenschauplatz des Romans sind die Erinnerungslücken eines alternden SS-Offiziers - auf diesem Weg einmal angerissen werden kann, weiß die Rezensentin offenkundig nicht so recht, wo der Roman hin will. So kommentiert sie lakonisch: "Wie zum Ausgleich für den seitenlangen Stillstand der Handlung und die gestelzten Dialoge bietet Rabinovici blumige Ortsbeschreibungen Wiens wie auch eine schier unerschöpfliche Auswahl an Tätigkeitsworten." Zu guter Letzt fühlt sie sich von dem Roman an potentiell dröge, akademische Veranstaltungen, um die es im Roman auch oft genug geht, erinnert: "Der Zuhörer lehnt sich erschöpft zurück. Eben wie bei einem richtigen Podiumsgespräch."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.04.2004

Der Rezensent Martin Zingg hat einen sehr guten, doch keinen herausragenden Roman aus der Wiener Gegenwart des Jahres 1995 gelesen: der Krieg im ehemaligen Jugoslawien, österreichische Asylpolitik, Jörg Haider, der Umgang mit der Nazi-Vergangenheit, die "fixen Bilder", mit denen die Menschen einander stereotypisieren und zu beherrschen suchen - all das steckt drin in der Geschichte, die um den in einer Lebenskrise steckenden Neurologen Stefan Sandtner eine ganze Reihe von Figuren anordnet, einen Holocaust-Überlebenden zum Beispiel, eine serbische Videokünstlerin, einen früheren SS-Mann, ein griechisch-türkisches Liebespaar. Eine mächtige Ladung für einen Roman, doch Zingg ist froh, dass der Autor sich daran ausprobiert hat, auch wenn er es manchmal mit der thematischen Konstruktion übertrieben hat: "Rabinovici, im Bemühen, allen Seiten Genüge zu tun, stellt wunderbare, anrührende und auch präzis gezeichnete Geschichten neben Passagen, in denen die vormals so lebendigen Figuren plötzlich nur noch Stichworte abliefern." Dennoch lautet das Urteil: ein "Gesellschaftspanorama, das so dicht, so farbig und oft strichgenau zu zeichnen derzeit wohl wenige deutschsprachige Autoren in der Lage - und gewillt sind".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.03.2004

Wie schon in Doron Rabinovicis früheren Roman sind auch in "Ohnehin" die Grenzen zwischen literarischer Metaphorik und medizinischen Befund fließend, führt uns Rezensent Paul Jandl ein. Diesmal geht es um einen ehemaligen SS-Mann, der inzwischen am Korsakow-Syndrom leide, an Gedächtnisschwund, den er mit erfundenen Geschichten zu kaschieren versucht. Ein brillanter Einfall, um Österreichs Umgang mit seiner Vergangenheit zu versinnbildlichen, meint Jandl und hätte sich gewünscht, dass Rabinovici daraus mit leichter Hand einen Zeitroman geschrieben hätte. Doch leider packt der Autor auch noch einige andere Themen mit dazu: Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, den Wahlkampf des Jahres 1995, Jörg Haider, die Ermordung Yitzhak Rabin und den Krieg auf dem Balkan. Wirklich stimmig sei der Roman nur in einigen Passagen, bemängelt Jandl, meist sei das große Ganze recht thesenhaft illustriert. So mag Jandl den Autor allein dafür loben, die österreichische Geschichte klug zu beurteilen.