Aus dem Französischen von Horst Brühmann. Mit einem Nachwort von Irene Albers und Stephan Moebius. Kaum eine intellektuelle Gruppierung des 20. Jahrhunderts hat eine vergleichbare Wirkung und Faszinationskraft entfaltet wie das Collège de sociologie, das 1937 von Georges Bataille zusammen mit Roger Caillois und Michel Leiris gegründet wurde. Den Mitgliedern des Collège geht es im Anschluss an die Religionssoziologie von Durkheim und Mauss um die Etablierung einer Soziologie des Sakralen, das aus seinen religionswissenschaftlichen und ethnologischen Bezügen gelöst und für eine allgemeine Wissenschaft moderner Gesellschaften fruchtbar gemacht werden soll. Die reich kommentierte Edition von Denis Hollier hat den Diskussionszusammenhang des Collège de sociologie erstmals erschlossen und zeitlich nachvollziehbar gemacht. Zahlreiche Texte sind nur in dieser Ausgabe zugänglich; nun liegt sie erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung vor.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.05.2013
Stefan Dornuf ist hellauf begeistert von dieser Sammlung von Beiträgen des "legendären" Collège de Sociologie, dessen harter Kern - um Georges Bataille, Roger Caillois und Michel Leiris - vor allem die aufkommenden faschistischen Massenbewegungen verstehen wollte. In vielem haben sie vorweg genommen, was Strukturalisten wie Lévi-Strauss, Foucault und Lacan später formulierten, berichtet der Rezensent. Ausgehend von einem rigorosen Linkshegelianismus, in dem sie sich allerdings stärker an ihrem Zeitgenossen Alexandre Kojève als an Marx orientierten, interpretierten sie Ereignisse wie die Hinrichtung des französischen Königs Ludwig XVI. als quasi magische Rituale, deren symbolische Funktion eher an ein archaisches Opfer denn als juridischer Akt verstanden werden musste, erklärt Dornuf. Ihnen zufolge war die Moderne das Resultat eines solchen Opferrituals. Horst Brühmanns Übersetzung findet der Rezensent vollauf gelungen, ebenso wie die Edition des Buches durch Irene Albers und Stephan Moebius. Das Buch sei ein "unerschöpfliches Bergwerk voller Anregungen", verspricht Dornuf.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.12.2012
Allein schon um Hans Mayers "Die Riten der politischen Geheimbünde in Deutschland" zum ersten Mal auf Deutsch zu lesen, empfiehlt Helmut Mayer Denis Holliers Rekonstruktion der Texte von und um das sagenhafte Collège de Sociologie aus den Jahren 1937 bis 1939. Jede Menge Erläuterungen des Herausgebers eröffnen dem Rezensenten den Blick auf die verwegenen Ideen aus dem Collège sowie die von Bataille, Leiris, Caillois und andere betriebene Geheimgesellschaft "Acephale" und ihre diffusen Ziele. Die Einordnung von Büchern, Briefwechseln, Personen in eine chronologische Darstellung des Versuchs, eine neue Mythologie gesellschaftlich zu implementieren, bieten dem Rezensenten zwar kein konturenscharfes Bild des Projekts. Doch das, so räumt er ein, ist auch schwerlich möglich. Als Rückblick auf ein wagemutiges Vorhaben in bewegter politischer Zeit überzeugt ihn der Band dennoch.
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