Das richtige Leben des Alvaro Maderholz
Roman

Matthes und Seitz, Berlin 2026
ISBN
9783751810876
Gebunden, 208 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Am einen Anfang, noch während Rauchschwaden über den chilenischen Präsidentenpalast ziehen und die Nachricht vom Tod Salvador Allendes die Runde macht, ertönt der erste Schrei eines Kindes. Am anderen Anfang stößt der Schriftsteller Clemens Böckmann bei einem Forschungsprojekt im österreichischen Eisenerz zufällig auf die Spur eines tödlich verunglückten skispringenden Dichters. Und dazwischen entfaltet sich das ganze, nämlich das richtige Leben des Alvaro Maderholz, der beim Absprung von der Skisprungschanze der Schwerkraft der eigenen, von Krieg, Exil und Ideologie gezeichneten Familiengeschichte zu entfliegen hoffte.Über Kontinente hinweg einer literarischen Rattenlinie folgend, verwebt Clemens Böckmann Archivmaterial, Passkopien und Gedichte zu einem vielstimmigen Text über Herkunft und Erfindung, über die Macht von Dokumenten und die Verführbarkeit des Erzählens - und nicht zuletzt zu einem Kriminalroman voll Irrungen und Wirrungen, Finten und Fährten über die Versuchung, im Schutt der Geschichte eine Wahrheit zu finden, die vielleicht immer schon Fiktion gewesen ist.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 11.09.2026
Rezensent Stefan Michalzik empfiehlt den verspiegelten Roman von Clemens Böckmann als Gegengift für die "irritationsfreie" Literatur der Bestsellerlisten. Gewissheiten sind in diesem Buch rar, warnt Michalzik zwar, das Aufmischen herkömmlichen Erzählens im Sinne der Postmoderne gelingt dem Autor aber laut Rezensent auf imponierende Weise. Die Geschichte eines fiktiven österreich-chilenischen Skispringers, die der später im Text durch einen Doppelgänger ersetzte Ich-Erzähler anhand von Recherchen in Argentinien, Chile und Italien zu erzählen versucht, wird zur Geschichte der Recherche selbst und schließlich zur existenziellen Suche. Für Michalzik eine recht interessante Lektüre.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 13.08.2026
"Schrille Begeisterung" ob seiner Verrücktheit hat schon Clemens Böckmanns Debüt vor zwei Jahren ausgelöst, erinnert Rezensentin Katharina Teutsch. Und auch im neuen Roman gleiten Fakt und Fiktion wieder ziemlich wahnwitzig in- und durcheinander, warnt sie. Der titelgebende Held Alvaro Maderholz wird von Böckmann als Ex-Skispringer und später Dichter eingeführt, er gibt sich nun als dessen Herausgeber aus, doch Maderholz' realtweltliche Spuren führen immer zum Autor dieses Romans zurück, wie Teutsch bemerkt. In der Tradition Roberto Bolanos handelt es sich bei dem Roman zudem um die Rekonstruktion faschistischer Familienstammbäume, so Teutsch weiter: Alvaro wird als Enkel des Nazis Franz Maderholz präsentiert, einen real verbürgten Täter mit selben Nachnamen gab es, doch Franz Maderholz ist zugleich eine Täterfigur in einem Roman von Thomas Harlan, Sohn des NS-Filmemachers Veit Harlan, lesen wir etwas atemlos. Das komplexe "binnenliterarische Familienleben", das auch noch in die chilenische Militärdiktatur führt, bringt zusätzlich Alvaros Onkel Ramírez Hoffman in die Handlung, der wiederum ursprünglich aus einem Bolano-Roman kommt.Wenn Böckmann dann schließlich auch noch beschreibt, wie er beim Schreiben fast wahnsinnig wurde, wird mancher Leser schon längst ausgestiegen sein, glaubt Teutsch. Für andere ist der Roman aber ein "experimenteller Kontrollverlust von literarischem Reiz, dem die Demütigung der Niederlage" schon eingeschrieben ist, glaubt sie.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 12.08.2026
Den "Weg des größtmöglichen Widerstands" wählt Clemens Böckmann mit seinem neuen Roman, verrät Rezensent Max Mengeringhaus. Komplex klingt das Werk über die Nazi-Vergangenheit eines österreichisch-chilenischen Skispringers und Dichters. Die Biografie dieses Alvaro Maderholz imaginiert Böckmann und scheut dafür keinen Aufwand: Tatsächlich erschien schon 2021 ein Gedichtband von Alvaro Maderholz, als dessen Nachlassverwalter sich Böckmann ausgibt, erinnert der Kritiker. Im neuen Roman nun stellt ein Ich-Erzähler Nachforschungen zu Maderholz an, der allerdings von einem zweiten Inkognito-Ich-Erzähler abgelöst wird, der ebenfalls zum "Sprungschanzenpoeten" forscht. Diese zweite Erzählstimme entlarvt den ersten nicht nur als Scharlatan, sondern auch als "sensationslüsternen Holocaustfetischisten". Es geht dann weiterhin noch um den Großvater Franz Maderholz, ehemaliger KZ-Aufseher, der nach dem Krieg nach Chile floh und Alvaros Mutter zeugte, wie wir lesen. Es geht vor allem um diese Vorgeschichte, die Böckmann in einem Verwirrspiel aus Anspielungen, Zitaten und historischen Fakten auffächert. Der Kritiker findet das "riskant", letztendlich gelingt aber der Versucht mit dem "Selbstverständnis jeder Erinnerungskultur" zu spielen. Ein gelungenes Experiment, befindet der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 08.08.2026
Ansprechend verworren geht es in Clemens Böckmanns neuem Buch zu, staunt Rezensent Hans von Trotha. Denn wer hier wirklich wovon erzählt, bleibe betont unklar: Es geht um den dichtenden Skispringer Alvaro Maderholz und um sein Leben, zu dem eine Instanz recherchiert und schreibt, die zunächst Böckmann zu sein scheint, dann ein von ihm erfundenes Ich, dann wieder kommt auch Maderholz selbst zur Sprache, gibt von Trotha wieder. Auch auf Genreebene ein wilder Reigen aus Dokumenten, Reiseberichten, Begegnungsprotokollen und sogar Fotografien; auch Auszüge aus echten Rezensionen zu Maderholz-Gedichten werden zitiert. Dass das Buch dabei nicht komplett "zerfasert", ist für den Kritiker eine "dramaturgische Kunst". Vielmehr entstehe ein gezielt "zersplittertes" Bild eines Lebens zwischen der "Steiermark und Südamerika", das die Leserschaft gekonnt in seinen Bann zieht.