Claudia Töngi

Um Leib und Leben

Gewalt, Konflikt, Geschlecht im Uri des 19. Jahrhunderts
Cover: Um Leib und Leben
Chronos Verlag, Zürich 2004
ISBN 9783034006637
Gebunden, 434 Seiten, 44,80 EUR

Klappentext

Waren die Urnerinnen und Urner besonders gewalttätig? Mit Sicherheit nicht. Die Zahl der vor Gericht verhandelten Gewaltdelikte lag eher unter dem schweizerischen Mittel. Gerade deshalb aber erlaubt dieses Buch Einblicke in die unspektakuläre Seite alltäglicher physischer Gewalt, in die Wert- und Normvorstellungen der Menschen jener Zeit wie auch in die institutionellen und diskursiven Strategien der Verschleierung, der Dramatisierung oder der Dämonisierung einzelner Gewaltformen.
Gewalt ist nicht das "Andere der Kultur". Gewalttätiges Handeln ist mehr als das Hervorbrechen angestauter Triebe. In der vorliegenden Studie wird Gewalt konsequent als soziales Handeln verstanden: sie folgt Regeln, ist in je spezifischen sozialen Kontexten verortet, evoziert kulturelle Bilder und Vorstellungen und hat konkrete materielle, physische und psychische Folgen für die Involvierten. Gewalt ist ausserdem kein einheitliches Phänomen: je nach Situation und Form von Gewalt steht Verschiedenes auf dem Spiel, hat der Einsatz gewaltsamer Mittel unterschiedliche Effekte und Bedeutungen. In diesem Sinn untersucht und vergleicht die Studie Ehr- und Schlaghändel, nächtliche Raufereien, häusliche Gewalt gegen Kinder und Ehefrauen sowie sexuelle Gewalt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.12.2004

Den Ausführungen Claudia Töngis zum Thema häusliche Gewalt im 19. Jahrhundert konnte Rezensentin Caroline Schnyder nicht immer folgen. Zu groß sind ihr mitunter die Sprünge von "den behandelten Fällen zum abstrakten Ausdruck". Töngi hat bereits vor zwei Jahren zahlreiche Urner Gerichtsakten ausgewertet; in ihrem neuen Buch interpretiert die Historikerin diese Dokumente nun und kommt zu dem Ergebnis, dass Gewalt mit dem Geschlecht zusammenhängt, berichtet die Rezensentin. "Eindrücklich" sei besonders die Art, wie Töngi ihre Hauptquellen, die Verhörprotokolle, darlegt: Die Stimmen der Verhörten werden beispielsweise in "Dialektausdrücken", die des Richters in "um Präziston bemühten Schachtelsätzen" laut. Von Einzelschicksalen ausgehend folgere die Autorin dann, dass die Art, wie Männer und Frauen in gewalttätigen Konflikten handeln, Folge des Rollenverhaltens ist. Was Töngi jedoch genau unter "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" versteht, wird der Rezensentin "nicht recht begreiflich". Dennoch findet sie das Buch lesenswert. Nicht zuletzt deshalb, weil die eingearbeiteten Urner Alpensagen das Buch um ein "Stück Kulturgeschichte" erweitern. 

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