Als der Betriebswirt Heinrich Grewent unvermittelt für seine Firma nach Hamburg zu Verhandlungen reisen soll, kommt ihm dies alles andere als gelegen. Sein eher pedantisches Naturell bricht nur ungern mit der täglichen Routine, und außerdem weiß er nicht, wie er seiner Frau Gerda die plötzliche Reise erklären soll. Denn Gerda lässt ihn in letzter Zeit schmerzlich spüren, dass sie sich von ihm vernachlässigt fühlt. Dennoch macht sich Grewent auf den Weg. Die Zugfahrt nach Hamburg wird für ihn freilich zum Desaster. In der ungewohnten Umgebung findet er sich nur mühsam zurecht, und überdies wird er immer mehr von lange verdrängten Ängsten und Trieben übermannt. Schon bald sieht sich Grewent in ein Netz von paranoiden Gedanken verstrickt, aus dem er sich nicht mehr zu befreien vermag. Christoph Peters' Erzählung entlarvt auf furiose Weise die Abgründe, die unter der Oberfläche eines scheinbar wohlgeordneten Kleinbürgerlebens lauern.
Neu ist das Thema nicht, merkt Hubert Winkels an, aber das stört ihn nicht: Betriebswirtschafltler Heinrich Grewent funktioniert gut, bis er, von Liebesentzug seiner Frau und Druck des Chefs gequält, auf einer Zugreise von seiner Vergangenheit eingeholt wird und wortwörtlich "aus dem Gleis gebracht" wird. Gewaltfantasien und -taten aus seiner Kindheit kochen hoch und lassen ihn stürzen. Der Rezensent ist begeistert von diesem Fall und jubelt über diese "Implosion eines Angestelltenzwangscharakters". Ganz untypisch und "gekonnt und wundersam" für ein Debüt, denn Christoph Peters schrieb diese Erzählung bereits vor seinem 1999 veröffentlichten Roman "Stadt, Land Fluss", lesen wir. Eine "Meistererzählung".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.06.2005
Zugegeben, der große Wurf kam erst mit "Stadt Land Fluss", doch Holger Noltze spricht eine nachdrückliche Empfehlung für Christoph Peters' frühe Erzählung aus. Der "meisterhafte Erzähler" jedenfalls war schon geformt, auch wenn die nachfolgenden Roman "freier und komplexer" ausfielen. Es geht, so Noltze, um den Angestellten einer "Hygienepapiere AG", es geht um kleinbürgerliche Tristesse und eheliche Einsamkeit, um die Zeitenwende der frühen 90er Jahre. Es geht also eigentlich um das große Thema der "Vergeblichkeit", ausgeführt an der traurigen Figur des alternden Bürgers, dem eine Bahnreise zur "Höllenfahrt ins Selbst" wird, und der sich, "je länger die Reise dauert, immer weiter sich in Tagträumen, Kindheitserinnerungen und Fluchtfantasien verliert". Fazit: Man hätte schon 1996, dem Jahr der Erstveröffentlichung, auf Christoph Peters aufmerksam werden können.
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