Bernd Stiegler

Bildpolitiken der Identität

Von Porträtfotografien bis zu rechten Netzwerken
Cover: Bildpolitiken der Identität
August Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783751890281
Kartoniert, 144 Seiten, 14,00 EUR

Klappentext

"Warum vertrauen wir Fotografien, wenn es um Identität geht?", fragt Bernd Stiegler angesichts einer allseits beklagten Flut von Bildern, die noch dazu leicht zu manipulieren oder gar per KI herzustellen sind. Weil offenbar Identität nicht ohne ihre mediale Beglaubigung zu haben ist. Fragt man nach dem bildpolitischen Zusammenhang von Identität und Medien, so geraten rasch die kommerziellen Angebote des Metaverse wie auch das aggressive Auftreten der Neuen Rechten in den Social Media-Kanälen in den Blick, die sich als Kampfzone von Identität erweisen.Heute sehen wir uns konfrontiert mit der doppelten Anforderung, einerseits den Standards und Formaten der digitalen Plattformen zu entsprechen, um überhaupt wahrgenommen zu werden, andererseits zugleich als einzigartig herauszustechen. Diese Pole von Typisierung und Individualisierung sind  vorgezeichnet in der Fotografie des 19. Jahrhunderts, wenn Verfahren wie die Bertillonage die fotografische Erfassung von "Straftätern" standardisieren und das Überblenden einzelner Fotos "Typen" kreiert, die Vorstellungen von "Rasse" und "Wesen" veranschaulichen sollen. Zugleich findet sich mit dem Aufkommen der Carte de Visite-Fotos, die eine bis dahin ungekannte Verfügung über das eigene Auftreten und Rollenspiel möglich machen, ein spielerischer Umgang mit dem eigenen Bild. Dem steht gegenüber die neurechte Fixierung auf Identität, die an Bilder ankoppelt, die aus der Geschichte nur zu vertraut sind. Bernd Stiegler führt auf prägnante Weise die Konflikte und Versprechen vor Augen, die Bildpolitik heute regieren.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.01.2025

Insgesamt positiv bespricht Rezensent Maximilian Gillessen Bernd Stieglers Buch über die Fotografie als Medium der Konstruktion von Identität. Genauer gesagt erläutert Stiegler laut Gillessen, dass die Fotografie einzelner Menschen seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert durchaus unterschiedliche Funktionen hatte, mal ging es um Identifikation, mal um Klassifizierung, mal um Distinktion. Gillessen geht einige der historischen Beispiele durch, die Stiegler analysiert, darunter ethnologische Rassifizierung via Fotografie und Porträtaufnahmen, die zwischen Konformität und der Betonung von Individuellem changieren. Nicht ganz so überzeugt ist der Rezensent von den Passagen, die sich der aktuellen Bildpolitik zum Beispiel in sozialen Netzwerken widmen, allzu neu sind Stieglers Gedanken dazu nicht und seine These, dass Rechte ikonophil, Linke dagegen ikonophob sind, wird nicht hinreichend belegt. Insgesamt jedoch eine elegante, gut zu lesende Schrift, so der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.09.2024

Aufschlussreich ist dieses Buch laut Rezensent Ingo Arend eher aus einer historiographischen als aus einer gegenwartsanalytischen Perspektive. Der Historiker und Literaturwissenschaftler Bernd Stiegler zeichnet darin nach, erfahren wir, wie die Fotografie bereits seit dem 19. Jahrhundert eine Doppelrolle spielt: als Werkzeug der zum Beispiel polizeilichen Identifizierung und als Markierung beziehungsweise Produzent von Identität. Dem Wunsch, gleichzeitig ähnlich wie andere und doch einzigartig zu wirken, kommen etwa Porträtfotografien entgegen, lernt Arend. Mit Blick auf aktuelle Debatten konstatiert der Rezensent allerdings, dass Stichworte wie kulturelle Aneignung bei Stiegler nicht vorkommen. Interessiert liest Arend hingegen Stieglers Ausführungen zu Unterschieden in rechten und linken Bildpolitiken der Gegenwart, die möglicherweise auf einer zu kleinen Datengrundlage basieren. Jedenfalls argumentiert Stiegler Arend zufolge, dass Linke Bilder partikularistisch nutzen, während Rechte auf typisierte Darstellungen von Begriffen wie Natur und Masse setzen. Insgesamt ein interessanter, gut lesbarer Beitrag zu einem hochaktuellen Thema, so das Fazit.

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