Anthony Marra

Letztes Lied einer vergangenen Welt

Stories
Cover: Letztes Lied einer vergangenen Welt
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
ISBN 9783518425343
Gebunden, 339 Seiten, 22,95 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach und Stefanie Jacobs. Keiner versteht es so wie Roman Markin, Menschen einfach verschwinden zu lassen. Wer im Leningrad der 1930er-Jahre staatlich liquidiert wird, dessen Foto landet auf dem Tisch des Retuscheurs. Nicht ein einziges Bild soll bezeugen, dass diese Person je existiert hat. Doch eines Tages will Roman nicht dem Vergessen dienen, sondern sich erinnern: an seinen Bruder - und bringt sich damit in große Gefahr.  Anthony Marra erzählt von Menschen zu ganz unterschiedlichen Zeiten: von der Primaballerina, die im Gulag Schwanensee tanzen muss; von ihrer Enkelin Galina, die sich an das Einzige klammert, was ihr von ihrer Jugendliebe bleibt: ein Gemälde des idyllischen Ortes, an dem er starb; von Kolya und seinem Bruder, die sich in der Trostlosigkeit einer sibirischen Bergbaustadt an den einzigen Traum klammern, der ihnen bleibt: die Weite des Weltalls, im Ohr die Nussknacker-Suite.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.08.2016

Ulrich M. Schmid erkennt in Anthony Marras Prosamosaik, das er in der Tradition russischer Novellenzyklen verortet, in der fragmentierten Darstellungsweise, den unterschiedlichen Schauplätzen, Epochen und Schicksalen im Buch eine dem russischen Bewusstsein angemessene Form. Das Russland der Sowjetzeit und das jüngere Russland kennt der Autor gut, versichert Schmid. Die neun Erzählungen aus dem stalinistischen Leningrad, dem tschetschenischen Grosny oder dem nordrussischen Kirowsk verbinden sich vermittels der erzählerischen Kraft des Autors für den Rezensenten zu einem "anspruchsvollen Geflecht von Tragödie, Krieg und Verrat", das ohne Täter-Opfer-Schema auskommt. Für Schmid keine entspannende Lektüre, sondern ein unter die Haut gehendes Ereignis, das ihm das Überleben unter schwierigen politischen, ökonomischen und emotionalen Bedingungen vermittelt, ohne wohlfeile Moral, sondern mit Bewusstsein für die ethischen Dilemmata der Menschen und ihre tragischen Biografien im Russland des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.06.2016

Großartiges Buch, schwärmt Viola Schenz über Anthony Marras zweiten Roman aus neun Geschichten. Die kaputten Welten und Figuren, die der Autor mit Faible für Russland im Stalin-Terror, in verseuchten und versehrten Landschaften von Sibirien bis zum Kaukasus entdeckt und die er zu lieben scheint, scheinen Schenz so gar nicht zu einem Autor aus Kalifornien zu passen. Umso mehr bewundert sie die sich durch Zeit und Raum spannenden Geschichten und Marras "zauberhafte" Sprachkunst (gut ins Deutsche übertragen von Ulrich Blumenbach und Stefanie Jacobs, findet sie). Detailliert, bildstark, brutal, dann wieder poetisch sanft, geistreich, geschichtlich versiert, so kommen Marras Texte bei Schenz an, und komisch. Bei aller Härte von Krieg und Terror muss die Rezensentin doch immer wieder auflachen und fühlt sich dabei an die Flüsterwitze in totalitären Regimen erinnert.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.05.2016

Sonja Stöhr lernt den Gulag kennen und das harte Leben in einer Bergarbeiterstadt in Murmansk. Anthony Marra macht diesen Ort zum Angelpunkt seiner Erzählungen, in denen es laut Stöhr um Aufstieg und Fall der Sowjetunion geht und ums Erinnern. In den neun Texten begegnen Stöhr Personen und Schicksale, deren Verbindung über Raum und Zeit ihr der Autor auf gekonnte Weise plausibel machen kann. Geschichten aus einer fiktiven Stadt, die Stöhr verschiedene Wege aufzeigen, mit der Vergangenheit und dem Erinnern umzugehen.