Anne Michaels

Wintergewölbe

Roman
Cover: Wintergewölbe
Berlin Verlag, Frankfurt am Main 2009
ISBN 9783827005342
Gebunden, 350 Seiten, 14,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Nora Natocza und Gerhard Falkner. Sie begegnen einander in einem Fluss ohne Wasser. Jean durchstreift das verwaiste Bett des St.-Lorenz-Stroms, sammelt Pflanzen, letzte Zeugnisse einer Landschaft, die es so nicht mehr geben wird. Niemand weiß das besser als Avery, der als Ingenieur maßgeblich an der Flussbegradigung beteiligt war, und nun erst schuldbewusst die Tragweite des Eingriffs ermisst. Sie begegnen sich - es ist Liebe auf den ersten Blick. Und als Avery zu einem neuen Auftrag gerufen wird, gehen sie gemeinsam nach Ägypten, leben in einem Hausboot auf dem Nil, der hier bald zum gewaltigen Nassansee gestaut werden soll. Averys Aufgabe ist es, den Abu Simbel Tempel zu versetzen, zu bewahren vor dem Versinken in der künstlichen Flut, der ganze Dörfer zum Opfer fallen werden. Die Fragwürdigkeit dieses Rettungsaktes im Angesicht von Zerstörung und Vertreibung wird beiden mit jedem Tag deutlicher, doch Jean und Avery finden keine Sprache für ihr Unbehagen. Sie flüchten sich in die Beschwörung ihrer Nähe, ihrer Liebe. Nacht für Nacht erzählen sie einander die Geschichte ihrer Herkunft, ihrer Familien und kommen sich dabei abhanden, noch bevor sie selbst ein schwerer Verlust trifft, der alles verändert.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.07.2009

Rezensentin Meike Fessmann zeigt sich enttäuscht von diesem lange erwarteten, zweiten Roman der ursprünglich als Lyrikerin bekannt gewordenen Kanadierin Anne Michaels. Zwar gesteht Fessmann der Autorin zu, viel Arbeit und Recherchemühen in die Geschichte investiert zu haben. Umso enttäuschter ist die Rezensentin aber darüber, dass am Ende ein Rührstück herausgekommen ist - und sieht dabei Parallelen zu Michaels Debütroman "Fluchtstücke", der ihrer Meinung nach ähnliche Tendenzen aufwies. Fessmann konstatiert: "So ehrenwert es ist, sich in fremdes Leid einzufühlen, so groß ist die Gefahr, sich im Leiden der anderen zu suhlen." Zwar funktioniert die Liebegeschichte, mit der die Autorin ihre Jahrhunderte umfassende Erzählung verknüpft, an manchen Stellen recht gut. Jedoch leidet sie nach Fessmanns Meinung einfach an Überfrachtung und ächzt mitunter "unter der Beweislast, die sie tragen muss". Die Rezensentin bedauert, dass Michaels mit ihrer Geschichte die historisch akkurate Recherche, die dem Schreiben offenkundig vorausgegangen ist, verschenkt hat.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.05.2009

Claudia Kramatschek bejubelt den zweiten Roman von Anne Michaels, auf den sie zehn Jahre hat warten müssen. Es sind die großen Themen von Erinnern und Vergessen, Leben und Tod und der Lüge, die die Wahrheit erst erträglich macht, die die kanadische Autorin komplex und originell aufgreift erklärt die Rezensentin begeistert. Erzählt wird zunächst vom Architekten Avery, der in Ägypten den Tempel von Abu Simbel wegen des Nasser-Stausees versetzen soll, und von seiner Frau Jean, die zur gleichen Zeit ihr ungeborenes Kind verliert, fasst Kramatschek zusammen. Später, nach Toronto zurückgekehrt, verliebt sie sich in den polnischen Künstler Lucjan, der das Warschauer Ghetto überlebt hat, und es ist der "Trost der Liebe", der diesen beiden Verlorenen das Weiterleben möglich macht, so die Rezensentin ergriffen. Sie preist die poetischen Kraft und die tiefe Weisheit dieses Romans und rühmt Michaels als einzigartige Schöpferin "leuchtender Bilder" von der "dunklen Innenhaut der Welt".
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