Anna Bergmann

Der entseelte Patient

Die moderne Medizin und der Tod
Cover: Der entseelte Patient
Aufbau Verlag, Berlin 2004
ISBN 9783351025878
Gebunden, 455 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Darf der menschliche Körper zum bloßen Objekt wissenschaftlichen Interesses degradiert werden? Anhand einzigartiger Quellen aus 500 Jahren Medizingeschichte untersucht Anna Bergmann diese Grundfrage der medizinischen Ethik. Sie spannt den Bogen von den "anatomischen Theatern" des 14. Jahrhunderts über die medizinischen Menschenexperimente im 18. Jahrhundert und im Nationalsozialismus bis zur modernen Transplantationsmedizin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.03.2005

In ihrem Buch "Der entseelte Patient" geht Anna Bergmann der Entwicklung der menschlichen Vorstellung vom Tod und der Verdinglichung des Toten zum Forschungsgegenstand nach, erklärt Isabel Richter. Die Autorin untersucht die zunehmende "Technisierung und Rationalisierung der modernen Medizin" und erkennt im "Anatomischen Theater" seit dem 14. Jahrhundert den ausgeprägt "sakralen Charakter" der Forschungen am toten menschlichen Körper, fasst die Rezensentin zusammen. Als radikalste "Verdinglichung des Menschen" dagegen beschreibt die Autorin die Menschenversuche in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, so Richter weiter. Die Transplantationsmedizin schließlich mache nach Bergmann aus dem Toten "humanes Material" und rührt damit an das "Kannibalismustabu", stellt die Rezensentin interessiert fest. Das Buch zeichnet nicht nur die "Geschichte der kollektiven Todesbewältigung" nach, sondern interpretiert "Naturwissenschaft als Kulturgeschichte", lobt die eingenommene Rezensentin abschließend.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.02.2005

Kathrin Kommerell zeigt sich beeindruckt von dieser kulturwissenschaftlichen Studie, in der Anna Bergmann der Geschichte der medizinischer Forschung am Menschen nachgeht. Die Autorin demonstriert in ihrer Untersuchung die über 500 Jahren fortschreitende "Verdinglichung des Menschen" im Dienst der Wissenschaft, erklärt die Rezensentin. Damit könne Bergmann einen "erkenntnisreichen Zusammenhang" zwischen medizinischer Forschung und dem Tod herstellen, lobt die Rezensentin, die insbesondere die Ausführungen zu den "Strategien", mit denen tabuisierte Menschenversuche legitimiert wurden, "interessant" findet. Manche These, mit der die Autorin ihren Einsatz für eine "beseelte Medizin" untermauert, scheint der Rezensentin zwar etwas "überspitzt", doch preist sie das Buch insgesamt als überaus gelungene Synthese von "Natur-, Körper- und Kulturgeschichte.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.2004

Ein "Gruselmärchen im wissenschaftlichen Gewande" erblickt Rezensent Robert Jütte in Anna Bergmanns Buch "Der entseelte Patient". Dass es mit einer über fünfzig Seiten umfassenden Bibliografie daherkommt, macht das Buch nach Ansicht Jüttes "nicht unbedingt seriöser". Schon mit der ersten These der Autorin, die moderne Medizin habe einen ihrer Ursprünge in der Seuchenpolitik des späten Mittelalters, mag er sich nicht anfreunden. "Unsinnig" erscheint ihm auch Bergmanns Versuch, Gemeinsamkeiten zwischen dem Erkenntnisgewinn durch anatomische Forschung und religiösen Opferkulten beziehungsweise Hinrichtungsritualen zu konstruieren und daraus weitreichende Schlüsse zu ziehen. Die Autorin lasse kaum eine wahre oder erfundene Gruselgeschichte aus der Medizingeschichte aus, um nachzuweisen, dass Anatomen eigentlich Mörder seien, berichtet Jütte. Vornehmlich "hanebüchen" findet er auch Bergmanns Argumentation im dritten Teil des Buches, in dem sie der Sloterdijkschen Formel vom "Medizinfaschismus" das Wort rede und eine Linie von den Menschenexperimenten des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts zur Transplantationsmedizin der Gegenwart ziehe. "Es mag gute Gründe geben, das Hirntodkonzept abzulehnen und Fehlentwicklungen in der modernen Medizin anzuprangern", schließt der Rezensent, "Aber muss man deshalb Rassenhygiene und Transplantationsmedizin gleich in einen Topf werfen?"
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