Vor dem Hintergrund der böhmisch-tschechischen Geschichte des 12. Jahrhunderts schildert Stifter in seinem 1865/67 erschienen Roman "Witiko" die Liebesgschichte und den Aufstieg des jungen Adeligen Witiko zum Volkshelden, der, wie Adel und Bauern, Herzog Wladislaw in den blutigen Kämpfen um die dynastische Nachfolge in Böhmen unterstützt. Ursprünglich als Teil eines mehrbändigen Werks über die Geschichte Böhmens und Prags geplant, gingen der Niederschirft des Romans intensive historische Studien der Quellen voraus. Siebzehn Jahre verwandte Stifter auf die Arbeit an diesem Epos von homerischem Maß, über das er seinem Verleger schreibt: "Ich könnte fast sagen, daß ich dieses Buch mit meinem Herzblute geschrieben habe. Und doch schwebt mir beständig vor, wie es viel besser sein sollte. Eigentlich sollte man sagen: Der Teufel hole das Dichterleben, man hat nur Kreuz und Qual dabei, und kann es nicht lassen wie geliebte Sünden."
"So etwas wie den Witiko hat es nie vorher, nie nachher gegeben." Ulrich Greiner nutzt den 200. Geburtstag Adalbert Stifters, um ein zwei Seiten füllendes Hohelied auf "einen der am wenigsten bekannten und erstaunlichsten Romane der Weltliteratur" zu singen. Nur vordergründig gehe es darin um die böhmischen Erbfolgekriege des 12. Jahrhunderts, wie Greiner erklärt. Stifters grundsätzliches Anliegen ist es, die chaotische und sinnlose menschliche Geschichte mit der Geschichte der Natur in Beziehung zu setzen, die zwar ebenso verwirrend erscheint, aber in den Augen Stifters doch einer "höheren Ordnung" verpflichtet ist. Stilistisch sei der Roman ein Höhepunkt des "inbrünstig-asketischen Erzählens" des Autors und Malers. Durch den Verzicht auf eine traditionelle Dramaturgie, auf Metaphern und sonstige ausschmückenden Elemente komme das Werk auch heute noch zugleich "archaisch" und "modern" daher, meint Greiner. Für ihn ensteht durch die Zurücknahme der erzählerischen Mittel auch keine Langeweile, sondern ein "Leerraum", der sich langsam, aber deshalb umso wirkungsvoller mit Spannung auffüllt.
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