Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 11.02.2012, 21.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

31.05.2002. Die SZ vermutet hinter Frank Schirrmachers Bruch mit Martin Walser einen Mediencoup und sieht zwar Ressentiments gegen Marcel Reich-Ranicki aber keinen Antisemitismus: Außerdem outet sie Ehrl-König als gar nicht neu. Auch die FR analysiert in einem großen Dossier die "Schwefelwolken" der neuen Debatte. Die NZZ denkt aus dem Anlass über Sinn und Zweck von Tabus nach. Die taz hakt den Fall ab. Und die FAZ... widmet sich den amerikanischen Bucherfolgen der Saison.

Süddeutsche Zeitung, 31.05.2002

Was für ein Glück, dass gestern Feiertag war. Der Suhrkamp Verlag hat "eilends das noch nicht druckreife, nicht einmal in Fahnen vorliegende Manuskript landauf landab an die Redaktionen der Zeitungen und elektronischen Medien versandt." So hatten die deutschen Kritiker Zeit, "Tod eines Kritikers", den neuen Roman von Martin Walser zu lesen, dessen Vorabdruck Frank Schirrmacher am Mittag in der FAZ in einem offenen Brief abgelehnt hatte (siehe dazu auch unser Link des Tages).


Politischer Rufmord! rufen die SZ-Feuilletonisten in Sachen Schirrmacher/Walser im Chor. Thomas Steinfeld kritisiert nicht nur die Illoyalität der FAZ ihrem langjährigen Pflegling Walser gegenüber, sondern ebenso ihre falschen Argumente. "Denn der 'Tod eines Kritikers' ist kein antisemitisches Buch. Es ist vielleicht kein gelungenes Werk, es hat seine schlüpfrigen Passagen ... Aber an keiner Stelle ist Martin Walser eine Äußerung entschlüpft, die sich als Rassismus lesen lässt." Überhaupt verdächtigt Steinfeld die FAZ, sie "benutze diese Geschichte, um ganz andere Zwecke damit zu verfolgen", etwa einen "publizistischen Coup". Lothar Müller, der das Manuskript gelesen hat,  versichert, Walser habe ein nicht sehr gelungenes Buch des Ressentiments gegen Marcel Reich-Ranicki geschrieben, "aber ein antisemitisches Machwerk ist dieser wütende Schlüsselroman nicht".

Zum Thema schreibt schließlich auch Gustav Seibt: Das Verhältnis Walser/Reich-Ranicki präsentiert er uns als Geschichte "einer an Eskalationen und Umschwüngen beispiellos reichen, sich über drei Jahrzehnte erstreckenden Beziehung, die kühlere Zuschauer an die Bizarrerie von sadomasochistischen Verhältnissen gemahnen kann". Vor allem aber macht uns Seibt klar, dass Walsers Ehrl-König gar nicht neu ist. Er kommt schon in einem anderen Roman des Autors vor! "Am 2. Juni 1993 - es war Marcel Reich-Ranickis 73. Geburtstag - begann die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit dem Vorabdruck des Romans 'Ohne einander' von Martin Walser. Er spielt in der Welt Münchner Pressemagazine, und gleich auf den ersten Seiten erscheint der Literaturkritiker Willi Andre König, von seinen Kollegen genannt 'Erlkönig', weil in seinen Armen die Sprachkunstwerke sterben wie todkranke Kinder."

Und Martin Walser höchstselbst charakterisiert seine Hauptfigur Andre Ehrl-König alias MRR in aller Kürze: "Hauptwerke: Wie ich verreiße. Wie ich lobe. Wie ich lebe. Wie ich bin. (Alle Bücher aus Gesprächen entstanden. Partner: Professoren und auch Chorknaben, das sind Feuilletonisten.) Unter Pseudonym sieben Bände Gedichte, Tessiner Verlag. Übersetzt ins Französische von seiner Frau Nancy, genannt Madame. Erwartet wird Übersetzung ins Deutsche von H. M. Enzensberger. Laut Professor Silberfuchs, genannt Silbenfuchs, sind die Gedichte Wortkonditorei."

Weitere Artikel: Wir lesen über Frankfurts degenerierte Vorstellungen von Kultur (nicht nur ohne TAT, sondern auch ohne Forsythe). Christine Dössel berichtet von der Posse um Marthalers Theater, über das die Züricher jetzt per Volksentscheid befinden sollen. Peter Sartorius erzählt, wie sich Japan und Südkorea durch die gemeinsame Fußball-WM näher kommen. Miriam Neubert war in der Moskauer Rudomino-Bibliothek, die Beutekunststücke aus privaten Sammlungen zeigte - für wenige Stunden allerdings nur. Und in den "Noten und Notizen" mokiert sich Claus Koch über die ungebrochene Lust am Konsum.

Besprochen werden die Ausstellung "Hautnah" mit Werken aus der Sammlung Goetz in der Münchner Villa Stuck, Gregory Hoblits Gefangenenfilm "Das Tribunal", Ingrid von Wantoch Rekowskis Wiener Performance "In h-Moll", Wladimir Kaminers "Schönhauser Allee"-Geschichten als Hörbuch sowie John Irvings Roman "Die vierte Hand" (auch in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

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Neue Zürcher Zeitung, 31.05.2002

Anlässlich der Walser-Debatte, der Diskussion um die Züchtung embryonale Stammzellen, Kinderpornografie und und und denkt Joachim Güntner über Sinn und Zweck von Tabus nach. "Wie schön wäre es, könnten wir mit den Tabus verfahren wie Aschenputtels Tauben mit den Linsen: die guten, Mündigkeit nicht störenden behalten; die schlechten, knechtischen abstoßen. Doch Autonomie, Selbstgesetzgebung - im Reich der Tabus ist sie unmöglich. Jedenfalls nicht als spontaner willentlicher Akt. Vielleicht eher in einer Permanenz steter Selbstdisziplinierung."


Weitere Artikel: Im Hinblick auf die Fußball-WM wurden in Japan und Südkorea in den vergangenen Monaten 18 Stadien fertiggestellt, schreibt Ulrike Schuster und zeichnet die Anfänge der modernen Stadienarchitektur nach, deren Wurzeln sie in der französischen Aufklärung sieht. Georges Waser berichtet über die Feiern zum fünfzigsten Thronjubiläum Elisabeth II.. Gieri Cavelty gratuliert dem Diogenes Verlag ebenfalls zum Fünfzigsten. Und Peter Hagmann beschreibt den Notstand beim Sinfonieorchester Basel.

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Die Tageszeitung, 31.05.2002

Die taz hatte Martin Walser bereits gestern interviewt. Heute schafft es das Thema zwar noch mal auf die Seite 1, wird von Jan Feddersen aber ebenso unwirsch wie knapp abgehakt. Demnach ist Walser längst jenseits von Gut und Böse: "Politisch konkret war er nie, auch nicht präzise in dem, was er sagen wollte. Das gerade jetzt gegen ihn zu wenden, ist unlogisch: Der Erfolg Walsers beruht ja auf seiner (vorsätzlichen) Ungenauigkeit. Darauf, dass er gerne vernebelt mitteilt, was ihm gemütsschweres Unbehagen bereitete ... Das sind, alles in allem, Befindlichkeiten eines älteren Herren. Walser dafür als notorischen Antisemiten zu geißeln, geht zu weit." Ein solches Vorgehen , so Feddersen, bagatelisiere "die analytische Kraft dessen, was einst mit dem Vorwurf des Antisemitismus gemeint war".


In der Kultur annonciert Harald Fricke eine Ausstellung mit Zeichnungen von Robert Longo im Jüdischen Museum Berlin, Manfred Hermes blättert in der Filmzeitschrift "Revolver" (mit Österreich-Schwerpunkt im aktuellen Heft), Uh-Young Kim empfiehlt wärmstens das Soloalbum "Fantastic Damage" des Rappers El-P, und Andreas Merkel hebt den Daumen für Elvis Costellos neue Scheibe "When I Was Cruel".

Schließlich TOM.

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Frankfurter Rundschau, 31.05.2002

Topthema ist Frank Schirrmachers Antisemitismus-Vorwurf gegen Martin Walser und seinen neuen Roman. Das entsprechende Dossier enthält gleich 4 Beiträge, darunter ein Interview, in dem Walser erklärt, Schirrmacher mache das Jüdische erst zum Thema des Buches, sei dabei aber selber ein Antisemit, wenn er etwa die Wörter "Herabsetzungslust" und "Verneinungskraft" einem "Repertoire antisemitischer Klischees" zuordne, "denn das heißt, Herabsetzungslust und Verneinungskraft wären etwas Jüdisches. Verstehen Sie, er macht Herabsetzungslust und Verneinungskraft zu etwas Jüdischem und unterstellt es mir als Repertoire antisemitischer Klischees."


Während Harry Nutt an dieser "Wiederauflage einer Nationaldebatte" einerseits die "pathetische Lautstärke" Schirrmachers, andererseits aber Walsers "Belästigungswille durch diskursive Obszönität" irritiert (hier), analysiert Peter Michalzik das System aus dem die "Schwefelwolke der Walser-Schirrmacher-Reich-Ranicki-Debatte" bzw. der "Fortsetzung der Friedman-Möllemann-Debatte mit Feuilletonmitteln" entsteigt: "Die Mitglieder dieses Systems haben den öffentlichen Diskurs in Deutschland lange maßgeblich zu ihrem und des Landes Nutzen geprägt, sie sind es seit unvordenklichen Zeiten gewohnt, die Feuilletonaufregungen zu steuern, die um das System kreisen."

Marius Meller schließlich hat das Manuskript gelesen und befindet: Schirrmacher hat Recht. "Walser hantiert nämlich nicht nur fahrlässig mit antisemitischen Klischees während er mit Reich-Ranicki persönlich abrechnet, sondern dem Text als ganzem ist darüber hinaus eine höchst anrüchige motivische Matrix eingearbeitet, die die durch 'Schuld' und 'Schande' neurotisch gestörte deutsche Seele in den direkten Zusammenhang von individuellen und kollektiven Mordfantasien bringt ... Der neue Text des Schriftstellers Martin Walser ist ein geschmackloses und ein gefährliches Buch. Es schillert in einer stinkenden Farbe."

Das Thema bleibt das nämliche, wenn Thomas Haury in einem Artikel Jürgen Möllemann eines "sekundären, spezifisch deutschen Antisemitismus" überführt. Ferner berichtet Christian Schlüter von einer Veranstaltung mit dem israelischen Journalisten Gideon Levy, der in der Berliner Volksbühne Gegenwart und Zukunft des Nahen Ostens erörterte. Sylvia Staude zeigt sich empört über Frankfurts Ansinnen, William Forsythe zu schassen, und bekommt Schützenhilfe von der "Times mager"-Kolumne, die die Krämerseelenmentalität der Frankfurter Kulturpolitker seziert.

Besprechungen widmen sich Heiner Müllers "Philoktet" in Laurent Chetouanes Mannheimer Inszenierung, Cherubinis "Medee" in der Deutschen Oper Berlin, Frank Darabonts Film "The Majestic" und Mike "The Streets" Skinners Brit-Rap-Album "Original Pirate Material".

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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.05.2002

Heinrich Wefing stellt einen der Bucherfolge der Saison in den USA vor, der von Henry Louis Gates wiederentdeckte Roman der Sklavin Hannah Crafts: "The Bondwoman's Narrative": "Sie ist eine Chronistin, die hinzuschauen weiß. Unverstellt von aller Ideologie, frei von falscher Solidarität mit ihren Leidensgenossen, frei auch von jeder Südstaatenromantik, erzählt Crafts vom Dasein der Schwarzen auf den großen Plantagen. Nicht allein, dass sie in aller zeituntypischen Offenheit über sexuelle Beziehungen zwischen den Herren und den Sklavinnen schreibt. Unbefangener als viele Autoren ihrer Zeit erwähnt sie auch die Rivalitäten zwischen den Geknechteten. Sie teilt die Verachtung der Hausdiener für die Feldsklaven, betont Unterschiede in Bildung, Geschmack und Privilegien, parodiert sogar die Dialekte des schwarzen Lumpenproletariats. Kein Zweifel, diese Sklavin ist ein Snob. Gates nennt sie lächelnd die 'Großmutter der schwarzen Bourgeoisie'." Auch die NY Times feierte neulich das Buch - Links dazu (mit Leseprobe) in unserer Magazinrudschau.


Jonathan Franzens "The Corrections" war ein weiterer Bucherfolg in den USA und erscheint demnächst bei Rowohlt. Die FAZ publiziert heute jene Erzählung, in der er sich erinnert, wie ihm geschah, nachdem ihn in Oprah Winfrey in ihre Bücherschau einlud und er absagte: "Fortan erlebe ich auf meiner Tour zwei Sorten von Lesern. Die einen sagen zu mir: 'Ich mag Ihr Buch und finde es ganz toll, dass es von Oprah ausgewählt wurde.' Die anderen sagen: 'Ich mag Ihr Buch und finde es ganz furchtbar, dass es von Oprah ausgewählt wurde.' Weil ich ein Mensch bin, der sofort einen texanischen Akzent annimmt, wenn er in Texas ist, rede ich jeder Sorte Leser nach dem Munde. Spreche ich mit Winfrey-Anhängern, erglühe ich vor Dankbarkeit und Wohlwollen und finde es ebenfalls toll, dass das Fernsehen das Leserpublikum vergrößert. Rede ich mit Winfrey-Kritikern, spüre ich dasselbe körperliche Unbehagen, das ich empfand, als ich den Baum meines Vaters in Schmalz verwandelte, und beschwere mich über das Buchclub-Logo." Hier der Text im englischen Original.

Weiteres: Zur neuen Walser-Debatte präsentiert man eine Presseschau (siehe auch unseren Link des Tages). Andreas Rossmann berichtet über ein Thesenpapier der NRW-CDU: "Eine neue Kulturpolitik für NRW". Andreas Rosenfelder berichtet über Proteste an nordrhein-westfälischen Universitäten gegen die Einführung von Studiengebühren. Ilona Lehnart stellt einen multimedialen Sprachkurs vor, den das Goethe-Institut zusammen mit der Deutschen Welle und dem Sponsor Porsche entwickelte und der ziemlich albern zu sein scheint ("Welche Vorstellung von Deutschland gewinnt ein Japan, der sich via Internet den Streifen 'Spuk im Beethoven-Haus' zu Gemüte führt...?") Joseph Hanimann meldet, dass der neue französische Erziehungsminister Luc Ferry an das Bildungsideal des 18. Jahrhunderts anknüpfen will. Der schwedische Germanist Gustav Korlen macht auf missliche Folgen der deutschen Rechtschreibreform für den Deutschunterricht in Schweden aufmerksam. Kerstin Holm resümiert eine Tagung über Beutekunst in Moskau.Stefanie Flamm berichtet über eine Berliner Diskussionsverantaltung mit dem Ha'aretz-Reporter und Regierungskritiker Gideon Levy in Berlin.

Auf der Medienseite erkundet Dirk Schümer in einem Artikel über den Sportkommentator Heribert Faßbender das "finstere Rästsel", wieso "ein Volk von achtzig Millionen, in der Mehrheit fusßballbegeisterten Menschen ausgerechnet diesen Erben Lübkes immer und immer wieder ans Mikrofon lässt, wenn die nationale Elf gegen den Fußball tritt". In weiteren Artikeln werden der Sportkommentator des ZDF (Dieter Poschmann) und sein Kollege von Sat 1 (Oliver Welke) vorgestellt.

Auf der letzten Seite besucht Andreas Rosenfelder den neuen Museumspark zur Varus-Schlacht in Kalkriese bei Osnabrück. Gina Thomas schreibt ein kleines Porträt des poete laureate der britischen Königin, Andrew Motion, der seine Aufgabe sehr ernst nimmt. Und Milos Vec berichtet über wachsende Zweifel am kriminalistischen Wert von Fingerabdrücken (ein Thema dem sich auch der New Yorker neulich in aller Breite widmete).

Besprochen werden eine Ausstellung der Landschaften von Johann Wilhelm Schirmer in Karlsruhe, Costa-Gavras' Verfilmung von Rolf Hochhuths "Stellvertreter", ein Ballett des Choreografen Jiri Kylian für das Nederlands Dans Theater in Den Haag (nach Jochen Schmidt ein "surreales Meisterwerk"), eine Ausstellung über den Fotografen des 19. Jahrhunderts Gustave Le Gray in der Bibliotheque nationale und der Film "Toter Mann" von Christian Petzold - nach Michael Allmaier der "beste deutsche Film seit langem", aber er läuft auf Arte, und nicht im Kino.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um die CD-Reihe "The Ligeti Projects". Um eine CD mit E.T.A. Hoffmanns Melodram "Dirna", um eine wiederaufgelegte Jazz-CD mit Nana Mouskouri und um eine CD des Elektronik-Duos Super-Collider.

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