Wo wir nicht sind
Stimmt meine Frisur, dann stimmt mein Leben
Eine Kolumne zur Weltliteratur. Von Thekla Dannenberg
28.09.2026. Zwei Reporterinnen verfallen dem Kongo: Judith Raupp erzählt in "Morgen gehe ich einkaufen, wenn der Markt noch steht" von ihrem Leben in Goma im Osten Kongos. Zwischen Kriegszügen, Vulkanausbrüchen und Epidemien scheinen wunderbare Momente der Freundschaft auf, des Miteinanders - und der Extravaganz. Und die britische Reisereporterin Sophy Roberts folgt den Spuren einer belgischen Expedition, die 1879 für Leopold II. indische Elefanten in den Kongo bringen sollte.
Judith Raupp hat lange als Journalistin der SZ gearbeitet, bevor sie vor fünfzehn Jahren nach Goma ging, um dort NGOs in der Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen. Die Stadt im Osten des Kongo an der Grenze zu Ruanda ist von überbordender Schönheit umgeben, sie liegt direkt am Kivusee, am Fuße des Vulkans Nyiragongo, dessen Nationalpark die imposanten Berggorillas beheimatet. In den Nachrichten wird Goma allerdings nur mit den schauerlichsten Attributen belegt, als Hort sinnloser Kriege, Hochburg des Waffenschmuggels, Welthauptstadt der Vergewaltigungen. Raupp berichtet in dem Buch "Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht" von ihrem Leben in dieser Stadt, von den Menschen, mit denen sie ihren Alltag teilt und mit denen sie zusammen daran arbeitet, diese verheerte Region zu befrieden. Das Titelbild zeigt sie mit ihrem Fahrrad, das ihr in der Stadt den Beinamen "Mama na kinga" (Die Frau auf dem Fahrrad) einbrachte. Eine Muzungu, eine Weiße, die nicht mit einem Geländewagen durch die Stadt donnert, sondern über das spitze Lavagestein gurkt, bezeugt Vertrauen und Zivilität. Und siehe da: Nicht nur gepanzerte Limousinen schützen, sondern auch die Sympathien der Menschen.
Die Last des Völkermordes von Ruanda liegt noch immer schwer auf jener Gegend. Immer wieder fallen die Milizen in die Stadt ein, die sich in der Folge gegründet haben: die FDLR der einstigen Täter auf Seiten der Hutu und die von Ruanda unterstützte M23 der Tutsi. Zwischen den Kriegszügen lassen sich die Kommandeure der Milizen in Goma nieder und führen in den Luxushotels das mondäne Leben von Rohstoffhändlern.
Raupp erlebte mehrmals, wie die M23 in Goma einmarschierte. Sie erzählt gleich zu Beginn ihres Buchs sehr eindringlich von diesen schrecklichen Erlebnissen. Jeder Krieg wird brutaler und blutiger ausgetragen als der vorige, berichtet sie, bei der Invasion von 2025 wurden allein in den ersten drei Tagen 3000 Menschen getötet. (https://www.lrb.co.uk/blog/2025/march/disintegrating-republic-of-congo ) Noch vor den meisten westlichen Ausländern verließen die Kommandeure der regulären Armee die Stadt, die Soldaten der UN-Mission Monusco zogen sich in ihr Quartier zurück und Rebellen, Soldaten und Banditen marodierten ungehindert durch die Straßen. Raupp und ihr Lebensgefährte verschanzten sich mit einigen anderen, die es sich leisten konnten, in einem gehobenen Hotel.
Von einer solch privilegierten Lage konnten ihre Freunde und Kollegen nicht einmal träumen, das schildert Raupp. Die Krankenhäuser waren selbst für die Schwerverletzten unerreichbar, die Schmerzmittel aufgebraucht: "'Wie schützt ihr euch?'' frage ich Amani. 'Wir liegen unter dem Bett, wir fassen uns an den Händen, wir singen und beten', antwortet er." Bis das Grauen vorübergezogen ist.
Auch Ebola-Ausbrüche suchen immer wieder den Osten Kongos heim. In einem verrückten Kapitel stürzt Raupp ihre Leser in einen Strudel der Ambivalenzen: Ja, die Krankheit ist real und zu neunzig Prozent tödlich. Trotzdem stellt sie der Panik unter westlichen Expats die heitere Reaktion der Kongolesen entgegen: Die einen freuen sich noch über den erwartbaren Geldsegen der Hilfsorganisationen, da produzieren die anderen schon muntere Aufklärungslieder: Ebolaaa! Hände waschen. Ebolaaa! Nicht die tote Mutter küssen! Ebolaaa! Kein Buschfleisch essen! Ebolaaa! Doch wenn auf einen Schlag eine Milliarde Dollar in eine der ärmsten Regionen der Welt fließen, wird es ungemütlich. Der Run auf die Gelder ist gnadenlos.
Zwischen diesen Kataklysmen erlebt Goma so etwas wie einen Alltag, und Raupp erzählt sehr einnehmend und mit einem schönen Sinn für Selbstironie von diesem Leben. Die Menschen schlagen sich durch, wenn man sie fragt, wie es ihnen ergangen ist, antworten sie trocken: "On est là" - Wir sind noch da. Sie begegnet bewundernswert mutigen Aktivisten, die dann aber doch erstaunlich anders ticken als es sich eine deutsche Entwicklungshelferin so vorstellt: Den modischen Zwängen unterwerfen sich die Frauen in Raupps Umkreis, ohne mit der Wimper zu zucken. Für einen Friseurtermin legen sie einen ganzen Monatslohn hin. Eine Freundin sagt mit herrlicher Extravaganz: "Ich fühle mich sauber, ordentlich und schön, wenn ich vom Coiffeur komme. Stimmt meine Frisur, dann stimmt mein Leben."
Ernster wird Raupps Ton, wenn sie die Stellung der Frau betrachtet, die sich noch immer dem System Familie unterordnen muss. Nicht einmal die engagiertesten Frauen stellen etwa die hohen Brautpreise oder die Hierarchien der Gesellschaft in Frage. Ihre Freundin Bintou sagt. "Bei uns gibt es nur die Familie. Wenn sie dich verstößt, weil du zu modern denkst, stehst du ohne jede Hilfe da." Raupp, die sonst bereitwillig ihre eigenen Ansichten und Werte hinterfragt, stößt an Grenzen: "Wo hört Kultur auf? Wo fangen Menschenrechte an?"
Raupps Berichte geben einen tiefen Einblick in das Leben der Menschen, sie schreibt klug, reflektiert und teilnahmsvoll, nie ideologisch oder schematisch. Manchmal hätte sie etwas mehr in die Tiefe gehen können, etwa wenn es um die Verachtung der kläglich agierenden Monusco geht oder die internationalen Hilfen für Kongo und Ruanda. Aber meist ist es genau richtig, dass sie nicht als Journalistin schreibt, sondern als Autorin. Und weil sie ihre Skrupel, ihre Sympathien und ihre Grenzen offenlegt, erweist sie sich als gute Gefährtin - für die Freudinnen in Goma und für ihre Leser.
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Auch die britische Reisejournalistin Sophy Roberts ist der Faszination des Kongo erlegen. In ihrem Buch "Schule der Elefanten" erzählt sie von dem irrwitzigen Vorhaben des belgischen Königs Leopold II., indische Arbeitselefanten in den Kongo zu bringen, um dort auch afrikanische Elefanten zu trainieren, deren Domestizierung bis dahin nicht gelungen war. Eine alte Fotografie von der Trainingsstation in Gangala-na-Badio im Nordosten des Kongos zeigt den Paradeplatz, auf dem Elefanten zu Zweierreihen aneinandergekettet stehen.Roberts beweist gleich am Anfang postkoloniale Reflektiertheit und zitiert den kenianischen Schriftsteller Binyavanga Wainana, der in seinem berühmten Text "How to Write About Africa" gespottet hatte: "Stellen Sie von Anfang an klar, dass Ihr Liberalismus untadelig ist und erwähnen Sie gleich, wie sehr Sie Afrika lieben", schrieb er. Und: "Elefanten sind fürsorglich und gute Feministinnen oder würdevolle Patriarchen. Wie auch Gorillas."
Wainanas Stichelei pariert Roberts mit Leichtigkeit, er sei Satiriker gewesen, kein Zensor: "Die Wahrheit ist: Ich liebe Afrika. Ich finde es wunderschön. Ich glaube, dass Elefanten fürsorglich sind." Ein vielversprechender Anfang.
Die belgische Herrschaft über den Kongo gehört zu den grausamsten Kapiteln der Kolonialgeschichte, der Weg dahin führte durch ein Gestrüpp aus Abenteurertum, Medienspektakel und blanker Gier.
Leopold II. besaß eine Neigung zur Gewalt und skrupellose Intelligenz, sein Vater hielt ihn für "subtil und durchtrieben". Er wollte eine Kolonie haben, und wenn es nichts anderes mehr gab, dann eben eine in Afrika. Außerdem, so schildert es Sophy Roberts, hatte er auf einer Reise in die britische Kolonie Ceylon das schaurige Schauspiel beobachtet, wie indische Elefanten eingefangen, unterworfen und als Arbeitstiere trainiert wurden. Das gefiel dem König. Er erkannte in den Elefanten ein prächtiges Symbol imperialer Macht.
1879 sollten von Pune aus vier Arbeitstiere mit einer großangelegten Expedition über Sansibar und Daressalam in den Kongo gebracht werden. Angeführt vom irischen Abenteurer Frederick Carter gehörten zu dem Trupp auch Geografen, Zoologen und Anti-Sklaverei-Aktivisten, die dem Unternehmen einen humanistischen Anschein gaben. Der Wettlauf um Afrika schlug Europa in den Bann.
Fast 150 Jahre später folgt Sophie Roberts dieser Expedition in einer doppelten Bewegung: Sie durchforstet die Archive, gräbt Tagebücher aus und frisst sich durch eine Vielzahl von Reisenotizen, die sie sehr ausführlich, aber mit großer Eleganz zu einer packenden historischen Erzählung formt und mit einer Vielzahl von wunderbaren Fotografien schmückt. Der kranke Ehrgeiz der Abenteurer, die Hilflosigkeit der indischen Elefantentrainer und die wachsende Enttäuschung der Abolitionisten verbindet sie mit dem Elend der Elefanten, die nacheinander zugrunde gehen.
Zugleich reist Roberts selbst auf Carters Spuren von Sansibar über Daressalam zum Tanganjikasee. Über die alten Karawanenrouten, auf denen Araber aus dem Oman jahrhundertelang mit Elfenbein, Gold und versklavten Menschen gehandelt hatten, durchquert sie das Uluguru-Gebirge, entvölkerte Wüstengebiete und die Ebenen der blattlosen Affenbrotbäume. Sie begegnet den Hirten der Massai und den Fischern vom Tanganjika, sie kommt in die Königreiche der Gogo und der Nyamwezi.
Doch wie Carter kehrt sie am Tanganjikasee um. Die Elefantenstation, mit der uns die Autorin zu Beginn des Buches geködert hatte, wird erst zwanzig Jahre nach der Expedition verwirklicht werden. Carter selbst, stellt sich am Ende heraus, hatte nichts mit ihr zu tun, er wurde auf dem Rückweg nach Daressalam bei Kämpfen mit Einheimischen getötet.
Roberts' eigene Erlebnisse nehmen nur einen Bruchteil der Schilderungen ein, die sie den britisch-belgischen Eroberern widmet, und sie fallen deutlich gegenüber den historischen Berichten und Tagebücher ab. Roberts' Beobachtungen bleiben kursorisch, oberflächliche Streifzüge durch die Gassen der Städte oder zufällige Begegnungen. Auf das Tansania von heute ist Roberts ebenso wenig vorbereitet wie auf den Kongo. Eine seltsame Schieflage. Die Gegenwart verblasst in diesem Buch vor der Vergangenheit, und alle Faszination gilt den europäischen Eroberern und ihrer kalten Grausamkeit.
Judith Raupp: Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht. Leben und Überleben im Kongo. C.H. Beck, München 2026, broschiert, 297 Seiten, 20 Euro (bestellen)
Sophy Roberts: Schule der Elefanten. Auf der Suche nach den Fußspuren des Kolonialismus. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer. Zsolnay Verlag, Wien 2016, 435 Seiten, 22,99 Euro (bestellen)
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