Wo wir nicht sind

Lust auf Veränderung?

Eine Kolumne zur Weltliteratur. Von Thekla Dannenberg
09.06.2026. Kuba liegt erschöpft am Boden. Die privilegierten Enkel der Revolution bringen ihre Reichtümer in Sicherheit, die normalen Menschen können selbst von Eintopf mit Schweinsfüßen nur noch träumen. In Leonardo Paduras jüngstem Roman "Anständige Leute" liegt noch Hoffnung in der Luft, und doch zeichnet er das treffende Porträt eines ausgelaugten Landes, das Hoffnung nicht mehr aus sich selbst heraus schöpfen kann.
Eher pflichtschuldig blickt die Welt auf das Drama, das sich derzeit in Kuba abspielt. Das Elend der Bevölkerung wird ebenso in die Kurzmeldungen verbannt wie die Verhandlungen der kubanischen Führung mit dem amerikanischen Militär. Der Niedergang Kubas ist so beschämend wie die Teilnahmslosigkeit, mit der das Schicksal der Insel quittiert wird. Verachtung für die amerikanische Regierung, Enttäuschung über geplatzte Träume und das schlechte Gewissen sind vielleicht zu viel für das genug gebeutelte Weltgewissen.

Der Kollaps ist nur noch eine Frage der Zeit. Der Economist beschreibt in einem instruktiven Bericht, wie sich die kubanische Führung zu einem kleptokratischen Regime gewandelt hat, das an den ökonomisch-militärischen Komplex der Revolutionsgarden im Iran erinnert. Gaesa heißt das Konglomerat, das fast die Hälfte der kubanischen Wirtschaft kontrolliert und das dem Militär untersteht, aber eng an den Castro-Clan gebunden sein soll. Seine Einnahmen sind dreimal so hoch wie das Staatsbudget und sie fließen auf ausländische Konten, ohne dass die zivile Regierung des blassen Präsidenten Miguel Diaz-Canel noch Zugriff auf diese Milliarden hat.

Gaesas starker Mann ist Raúl Guillermo Rodriguez Castro, Raúl Castros Enkel und lange sein persönlicher Leibwächter. Rodriguez Castro wird allgemein El Cangrejo genannt, die Krabbe, so berichtet es Jon Lee Anderson in seiner letzten Reportage aus Havanna. Vielleicht weil er mit sechs Fingern an einer Handgeboren wurde, vielleicht aber auch wegen seiner unersättlichen Habgier. Er führt seit Jahren das großspurige, straflose Leben der globalen Upper Crust. Anderson berichtet nicht nur von den Yachten und Privatjets, mit denen die Krabbe in der Karibik ihren Reichtum genießt, sondern auch von einem Unfall, bei dem Rodriguez Castro eine Mutter und deren kleines Kind schwer verletzt und danach ihrem Schicksal überlassen haben soll. Auf diesen Mann setzen die USA, er führt die Verhandlungen, die den USA Zugriff auf die kubanische Ökonomie geben sollen.

Die amerikanische Historikerin Ada Ferrer, die 2021 eine hochgelobte Geschichte Kubas herausgebracht hat, weist in einem Podcast mit Atlantic darauf hin, dass Marco Rubio in seiner Ansprache an das kubanische Volk nur von den neuen Geschäftsmöglichkeiten sprach, die ein Regimewechsel der Insel verheiße. Freiheit und Demokratie handelte er in einem Nebensatz ab. Ferrers eigener Blick auf die verratene Revolution ist nüchtern, der auf die amerikanische Politik bitter.

Die tiefsten und traurigsten Einblicke in das Leben von Havanna gibt immer noch der Journalist und Schriftsteller Leonardo Padura, der sich eine einzigartige Stellung unter Kubas Autoren erworben hat. In seinen internationalen Bestsellern darf er sich Freiheiten herausnehmen, von denen andere Schriftsteller nur träumen können. Aber Padura weiß auch, wo seine Grenzen liegen. In seinen Romanen um den ehemaligen Polizeioffizier Mario Conde spricht er immer wieder Ungerechtigkeit und Verzweiflung an. Er beklagt die Korrumpierung der Revolution, die Bereicherung der Eliten und die Heuchelei, nicht aber die Revolution selbst. Damit bleibt er Fidel Castros berüchtigten Diktum treu, mit dem der Maximo Líder 1961 Künstler und Schriftsteller auf Gefolgschaft einschwor: "Innerhalb der Revolution alles, außerhalb der Revolution nichts."

In seinem Kriminalroman "Anständige Leute", der gerade als Taschenbuch erschien, lässt Padura einen Hoffnungsschimmer in Havannas Tristesse aufleuchten: Die ausgeblutete Stadt erwacht im Frühjahr 2016 aus der Ermattung und blickt erwartungsvoll dem Besuch Barack Obamas entgegen, als dessen Nachhut auch die Rolling Stones auftreten sollen ("Willkommen im sozialistischen Kuba, Genossen Stones!"). Wer noch nicht das Land verlassen hat und noch ein bisschen Kraft oder Dollars aus dem Ausland aufbringen kann, versucht ein Ticket zu ergattern. "Ein leiser Jubel lag in der Luft, Hoffnung, Veränderung oder wenigstens Lust auf Veränderung, das Bedürfnis, sich nach so vielen Enttäuschungen aufs Neue seinen Träumen hinzugeben."

Da die Polizei vollauf mit dem Staatsbesuch beschäftigt ist, reaktiviert sie den altgedienten Kommissar Mario Conde, um ein unappetitliches Verbrechen aufzuklären: Reynaldo Quevedo, ein ehemaliger Zensor des staatlichen Kulturbetriebs, wurde ermordet und verstümmelt. Der melancholische Ex-Polizist Conde, ein Liebhaber von Literatur und Geschichte, weint dem in Kunstkreisen seit Ewigkeiten verhassten Politkommissar keine Träne nach, der für die Verfolgung und Schikanierung von Kubas Künstlern und Intellektuellen verantwortlich war. Aber es interessiert Conde durchaus, wieso der Oberstalinist in einem Luxusappartement mit Blick über den Malecón residierte und woher all die Bilder jener Maler kamen, denen er das Schaffen unmöglich gemacht hatte. Und falls einer von diesen Malern an seinem Peiniger späte Rache genommen haben sollte, möchte Conde das als Erster wissen.

Padura ist nicht unbedingt ein feinsinniger Literat, sein Held Conde neigt zu Frivolitäten und Altherren-Humor. Aber man verzeiht es ihm. Padura ist ein kluger und zuverlässiger Chronist seines Landes. So nutzt er den etwas hanebüchenen Fall um den ermordeten Kunstkader für eine Hommage an die verfolgten Größen der kubanischen Kunst: An den surrealistisch-tropikalistischen Maler Cundo Bermudez, an den Schriftsteller Reynaldo Arenas, dessen großer autobiografischer Roman "Bevor es Nacht wird" von Julian Schnabel überwältigend schön verfilmt wurde, an den Schriftsteller Virgilio Piñera, an den Essayisten José Lezama Lima oder die Dichterin Dulce María Lynaz. Er schreibt voller Verehrung und Sympathie für die geschassten Größen des Landes, die er in eine Reihe mit den großen sowjetischen Dichterdissidenten Osip Mandelstam und Anna Achmatowa stellt. Man möchte sofort in eine Ausstellung kubanischer Kunst und sich die Romane der Exilautoren besorgen. Doch die meisten gibt es nur noch gebraucht. Der Buchmarkt scheint an Kuba ebenso das Interesse verloren zu haben wie die Medien. Erhältlich sind immerhin noch Wendy Guerras Roman "Alle gehen fort" und natürlich Guillermo Cabrera Infantes vor flirrender Energie strotzendes Meisterwerk über den Vorabend der Revolution "Drei traurige Tiger". In einem sehr instruktiven Feature porträtiert Peter B. Schumann im Deutschlandradio Kultur einige Protagonisten der kubanischen Dissidentenliteratur, darunter Ángel Santiesteban, den in Ungnade gefallenen Literaturstar und den im Berliner Exil lebenden Autor und Literaturkritiker Amir Valle.

Aber Padura bietet in seinem Roman noch mehr: Er gibt Einblicke in die postrevolutinäre Gesellschaft, in der sich Oben und Unten ebenso krass auseinanderentwickeln wie in den tech-kapitalistischen USA. Da der alternde Ex-Polizist Conde chronisch knapp ist, nimmt er einen Gelegenheitsjob als Sicherheitsmann in einem der neuen Luxusrestaurants an, wo neue Unternehmer am Rande der Legalität ihren Wohlstand auskosten, schwerreiche Reggaeton-Musiker ihren Harem um sich scharen und die Enkel der Revolution sich wie Fürsten aufführen. La Dulce Vida heißt der Freudentempel: "Kein Zweifel, das Leben war ein Delirium", grollt der treue Staatsdiener, der höchstens noch von einem Eintopf mit Schweinefüßen träumen kann und der sogar von seiner Geliebten Tamara verlassen wird, die zu ihrem Sohn nach Italien geht. Und sich selbst ständig fragen muss, was er tun soll: Bleiben oder Gehen?

Und schließlich baut Padura noch eine zweite historische Ebene ein, er blickt zurück auf das Jahr 1910, als Kuba, gerade unabhängig geworden und berauscht von der neuen Freiheit, dem Wahnsinn entgegentaumelte. Voller Angstlust blickten die Menschen einerseits dem Halleyschen Kometen entgegen, der den Weltuntergang verhieß, und hängten sich andererseits an einen charismatischen Zuhälter, der die französischen Konkurrenten aus Havannas Rotlichtbezirk vertreiben wollte und stets auf einem spanischen Araber-Hengst durch die Straßen trabte. Das trunkene Volk war begeistert von diesem noblen Alberto Yarini y Ponce de Leon, der sich mit heißblütigen Reden und kaltem Geschäftssinn zum Retter des Vaterlandes aufschwang.

Er ist eine jener historischen Figuren, die in moralisch verwahrlosten Zeiten aufsteigen, in denen einer Gesellschaft Werte und Zukunft abhanden gekommen sind. Aber wer weiß. Vielleicht bleibt Kuba ein solcher Retter erspart und alles kommt ganz anders. Dann überschlagen sich die Feuilletons mit Texten von kubanischen Exil-Autoren und Europa bringt all die Emigranten, die in Berlin, Paris und vor allem Madrid auf das Ende des Regimes warten, zusammen, um mit Intellektualität, Leidenschaft und Integrität die Zukunft des Landes mitzugestalten.

Leonardo Padura: Anständige Leute. Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, Zürich 2024, 400 Seiten, 26 Euro, Taschenbuch 18 Euro (bestellen)