Vorgeblättert

V.S. Naipaul: Jenseits des Glaubens, Teil 1

Vorbemerkung

Dieses Buch handelt von Menschen. In ihm geht es nicht um Meinungen, sondern um Geschichten, und zwar um Geschichten, die ich 1995 während einer fünfmonatigen Reise durch vier nichtarabische muslimische Länder - Indonesien, Iran, Pakistan und Malaysia - zusammengetragen habe. Daraus ergibt sich ein räumlicher und thematischer Zusammenhang. Im Ursprung ist der Islam eine arabische Religion. Jeder Nichtaraber, der sich als Muslim fühlt, ist folglich ein Bekehrter. Der Islam ist nicht einfach eine Gewissensfrage oder eine Angelegenheit des persönlichen Glaubens, vielmehr stellt er gebieterische Forderungen. Die Weltsicht des Bekehrten erfährt eine tief greifende Veränderung. Seine heiligen Stätten befinden sich auf arabischem Boden, die gottgefällige Sprache ist für ihn das Arabische. Auch sein Geschichtsbild verändert sich. Von der eigenen Geschichte kehrt er sich ab; er wird, ob er will oder nicht, Teil der arabischen Geschichte. Der Bekehrte hat allem zu entsagen, was zu ihm gehört. Dies stürzt eine Gesellschaft in ein immenses Durcheinander, das unter Umständen auch nach tausend Jahren noch kein Ende findet. Denn die Abkehr muss der Bekehrte immer erneut vollziehen. Bei der Frage, wer oder was sie sind, entwickeln die Menschen zwangsläufig Phantasievorstellungen; damit birgt der Islam in den bekehrten Ländern ein Moment von Neurose und Nihilismus. Solche Länder können leicht zum Kochen gebracht werden. 
Das vorliegende Buch ist die Fortführung eines anderen, 1981 veröffentlichten Buchs mit dem Titel Among the Believers. An Islamic Journey (dt. Eine islamische Reise. Unter den Gläubigen), des Berichts über eine Reise in die nämlichen vier Länder. Als ich diese Reise 1979 antrat, wusste ich so gut wie nichts vom Islam - die beste Voraussetzung für ein solches Unternehmen; dementsprechend ist das Buch eine Erkundung des Glaubens und seiner Besonderheiten, zumal seines Revolutionspotenzials. Zwar klang das Thema der Bekehrung bereits an, aber ich hatte davon noch keine so klare Vorstellung wie während dieser zweiten Reise.
Das neue Buch ist eine Ergänzung des früheren und setzt die Geschichte fort. Zugleich ist es anders in Anlage und Durchführung. Es ist eigentlich kein Reisebericht. Der Verfasser ist weniger präsent und begibt sich auch weniger auf Erkundungsfahrt. Er hält sich im Hintergrund, vertraut seinem Gespür, entdeckt Menschen und macht Geschichten ausfindig. Diese Geschichten, von denen die eine zur anderen überleitet, bilden ein Muster eigener Art und charakterisieren jedes Land und dessen Eigenart. Die vier Abschnitte des Buches bilden überdies ein Ganzes. 
Meine Laufbahn als Schriftsteller begann ich mit dem Verfassen von Romanen, als Organisator von Geschichten; damals dachte ich, das sei das Höchste für jemanden, der schreibt. Als ich, vor ungefähr vierzig Jahren, aufgefordert wurde, einige Kolonialgebiete in Südamerika und in der Karibik zu bereisen und ein Buch darüber zu schreiben, war ich hocherfreut über die Aussicht auf das Reisen - in kleinen Flugzeugen zu merkwürdigen Orten oder im Boot flussaufwärts -, aber mir war ganz und gar nicht klar, wie ich das Buch schreiben und welcher Ordnung ich dabei folgen sollte. Damals konnte ich mich mit Autobiographischem und Landschaftsschilderung aus der Affäre ziehen. Erst sehr viel später sah ich ein, dass für einen Autor das Wichtigste am Reisen die Menschen sind, unter denen er sich bewegt. 
Folglich zieht sich in meinen Reiseberichten oder kulturel- len Erkundungsfahrten der Autor als Reisender zunehmend zurück, und die Menschen des jeweiligen Landes rücken in den Vordergrund. Auf diese Weise werde ich wieder zu dem, der ich anfangs war: ein Organisator von Geschichten. Im 19. Jahrhundert wurde die erdachte Geschichte für Dinge benutzt, die andere literarische Formen - Gedicht oder Essay - nicht ohne Mühe leisten konnten: Neues über eine Gesellschaft im Wandel mitzuteilen, geistige Zustände zu beschreiben. Es berührt mich merkwürdig, wenn ich sehe, wie der Reisebericht - der anfangs meinen eigenen Neigungen so entgegenstand - mich letztlich dorthin zurückgebracht hat, dass ich nach Geschichten suche; freilich ginge, was das Buch im Kern ausmacht, verloren, wenn sich herausstellte, dass die Geschichten gefälscht oder übertrieben sind. Die Vielschichtigkeit der Geschichten ist aufschlussreich genug, und sie ist das Entscheidende an diesem Buch. Keinesfalls sollte der Leser nach »Kernaussagen« Ausschau halten. Man mag fragen, ob nicht andere Menschen und andere Geschichten in jedem der Abschnitte des Buches ein ganz anderes Bild jener Länder hätten erstehen oder erahnen lassen. Ich glaube nicht: Der Zug hat viele Waggons mit unterschiedlichen Klassen, aber sie alle rollen durch die gleiche Landschaft. Die Menschen reagieren auf die gleichen politischen, religiösen und kulturellen Zwänge. Der Autor hat nichts weiter zu tun, als sehr sorgsam und aufgeschlossen auf das zu hören, was seine Gesprächspartner ihm sagen, und dann die nächste Frage zu stellen und wieder eine und so fort. 
Man kann das Thema der Bekehrung auch in einer anderen Perspektive sehen, als eine Art Übergang von uralten Glaubensüberzeugungen, Naturreligionen und Kulten, in deren Mittelpunkt Herrscher und lokale Gottheiten stehen, zu Offenbarungsreligionen
- vor allem dem Christentum und dem Islam - mit ihren umfassenderen philosophischen, humanistischen und sozialen Anliegen. Die Hindus sagen, am Hinduismus sei weniger Zwingendes, er sei »geistiger«, und damit haben sie Recht. Gandhi allerdings hat seine sozialen Ideen aus dem Christentum übernommen. 
Der Übergang von der klassischen Antike zum Christentum ist längst Geschichte. Liest man die entsprechenden Texte, dann fällt es einem schwer, die lang anhaltenden Kontroversen und Ängste, die jenen Übergang begleitet haben, in Gedanken nachzuvollziehen. Ein solcher Übergang zum Islam - und hier und da auch zum Christentum - ist nun allerdings in einigen der in diesem Buch dargestellten Gesellschaften ein nach wie vor ablaufender Prozess. Das besondere Drama dieses Vorgangs spielt sich im Hintergrund ab, es gleicht einem kulturellen Urknall, einem beständigen Zermahlen der alten Welt.

Teil 2