Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Sasa Stanisic: Wie der Soldat das Grammofon repariert. Teil 3

04.09.2006.
In der sechzigsten Minute prallten Mikimaus und Kiko zusammen. Sie stürzten zu Boden, das Spiel lief weiter. Die Sonne berührte imWesten die Baumkronen, die Mücken schwirrten umher durch die ansetzende Dämmerung. Seit sich Mikimaus Zweimetersechs nach Kikos beiden nicht gegebenen Treffern um den besten Mann der Territorialen kümmerten, kam Kiko zu keinem Kopfball mehr. Nach dem Zusammenprall hielten sich beide die Brust, blieben sitzen. Kiko verzog das Gesicht, gut, dass man Rippen hat, sagte er, und Mikimaus nickte: ganz gut, diese Rippen. Seine Pupillen wanderten unruhig über Kikos Gesicht, er holte Luft und stieß sie wieder aus. Schon wollte der große Mann aufstehen, stützte sich mit der Faust ab. Die aber ergriff Kiko, flüsterte: ja, steh auf, mein Milan, nicht wieder sitzen bleiben, bloß nicht mehr sitzen bleiben.
     Nicht?, wunderte sich Mikimaus, sperrte den Mund weit auf und blieb beim nächsten Kopfball von Kiko zwar nicht sitzen, aber wie angewurzelt stehen, er sprang nicht hoch, Aufsetzer, Drei-zwei.
     Nach dem Anschlusstreffer wusste General Mikado alle Bemühungen der Territorialen zu verhindern, sich dem Tor seiner Mannschaft auch nur zu nähern. Jeder Zweikampf wurde als Foul gewertet, jeder Pass in die Spitze abgepfiffen, jeder Einwurf ging an seine Mannschaft, sogar offensichtliche Befreiungsschläge, die im Aus landeten.
     Zwei Minuten vor Spielende tankte sich Kiko auf halblinks durch; er mied jeglichen Körperkontakt, um General Mikado keinen Anlass zu geben, Foul zu pfeifen, wich aus, bog sich, sprang. Mit letzter Kraft flankte er vor das serbische Tor - ein ungefährlicher Ball auf den kurzen Pfosten, der rechte Verteidiger der Serben schlug jedoch ein Luftloch, Mikimaus verfehlte den Aufsetzer, der Rest - Freund und Feind - rutschte am Ball vorbei oder war zu überrascht, um überhaupt zu reagieren, und die Kugel kullerte zu Meho. Der war in der zweiten Halbzeit nur gedankenverloren über die Wiese geirrt und hatte wie hypnotisiert vor sich hingemurmelt: kann doch nicht so schwer sein, meine Audrey, nicht so schwer; man hatte ihn vom Feld geschoben, weil er auch den eigenen Leuten im Weg standen, aber nachdem drei Spieler verletzungsbedingt runtermussten - gefoult oder von den Aus-Linien brutal zusammengetreten -, wurde er wieder auf den Platz geholt.
     Da lag also der Ball vor seinen Füßen, aber Meho sah gar nicht hin, entrückt starrte er gen Osten. Aus dem Tal war heftiges Artilleriefeuer zu hören, blechern, hohl. Verlangsamt wie eine Wiederholung im Fernsehen und als ginge ihn keine seiner eigenen Bewegungen irgendetwas an, verlagerte er das Gewicht nach links und knipste den Ball locker mit rechts hinter dem Standbein ins Tor. Für dich, sagte er mit brüchiger Stimme und langte unter sein Trikot, ein Tor für dich! Mit glänzenden Augen führte er Audrey Hepburns Foto an die Lippen, flüsterte: jetzt ist echt Hollywood, meine Audrey, eh fick mich für ein Happy End!
     1986 war Meho in den USA - seine einzige Reise in den Westen. Fünf Jahre hatte er von seinem Maurergehalt gespart, bei seinem Vater gewohnt und niemals unnötig Geld ausgegeben. Abend um Abend sah er sich amerikanische Filme an, am liebsten Thriller, Horror und Audrey. Er lernte auf Englisch zu fluchen und konnte akzentfrei Kaffee bestellen.
     Nach seinem Tor schlich Meho über den Platz, den Kopf in den Nacken gelegt. Das Spiel lief weiter, einmal traf ihn der Ball im Rücken, aber der Himmel, nicht der Ball, interessierte Meho. Jemand rief seinen Namen, we are the champions, antwortete Meho. Am Strafraum seiner Mannschaft angekommen, blieb er stehen und prüfte mit gestrecktem Arm, ob es regnete. Er rümpfte die Nase und kreuzte die Arme vor der Brust, als käme wirklich ein Regen und der wäre kalt. Jemand fiel vor seine Füße, Aufregung, Tumulte, ein Pfiff, eine Gewehrsalve.
     Warum sind meine Fingernägel nur noch dreckig? Ich würde so gern telefonieren, einmal wieder irgendjemanden anrufen. Recht laut unterhielt sich Meho mit dem Himmel, stand dabei im Wege, wurde geschubst, taumelte.
     Eine Spielertraube hatte sich um General Mikado gebildet. Erst als jemand in die Luft feuerte, nahmen die Männer Abstand. Elfmeter!, rief der General und schnappte sich den Ball. Dino Zoff schüttelte den Kopf, nie und nimmer war das Foul!, winkte er ab und fixierte den Ball, der jetzt auf dem abgeschrittenen Elfmeterpunkt lag. General Mikado trat an, nachdem er zuvor selbst auch den Gefoulten gemimt und für sich den Elfmeter gepfiffen hatte.
     Halt dein blödes Maul! Der serbische Torwart fuhr Dino Zoff von der Seite an. Er war nach dem vermeintlichen Foul vom eigenen Strafraum über den ganzen Platz gerannt, hatte sich von einem der Soldaten am Feldrand eine Pistole geben lassen und zielte jetzt damit von der linken Tanne auf Dino. Kann sein, du hältst den Elfer, kniff er das Auge zusammen, aber hältst du auch eine Kugel?
     General Mikado grinste, hob den Daumen in Richtung seines Torwarts und lief an.
     Meho hatte dem Elfmeterschützen längst den Rücken gekehrt und entfernte sich vom Strafraum, sah nicht zurück. Vielleicht wird unten, erzählte er seiner Audrey, bloß feierlich geschossen, weil der Scheißkrieg vorbei ist. Mit dem kurzen Haar sah Audrey wie ein Junge aus. Sie trug Schwarz und lehnte sich an eine weiße Wand. Meho blickte von dem Foto auf und sah zerstreut zur Stelle, an der einige Buchen den Rand des Plateaus säumten und der Karrenweg eine enge Linkskurve um einen Felsen beschrieb, bevor der steile Abstieg ins Tal begann. Vom Osten kam Wind auf, nahm zu. Meho, schon in der Nähe der Bäume angekommen, konnte sehen, wie der Wind die Blätter erzittern ließ. Auch Meho zitterte, stärker noch, als im Wald, von Minen umgeben. Die Windböe kühlte Mehos Gesicht unter Tränen ab, die kamen, nachdem in seinem Rücken der Schuss aus der Pistole des serbischen Torwarts fiel und ein heller Schlag wie eine sehr laute Ohrfeige folgte. Es waren dieses Mal keine reißenden Fluten, aber es waren männlich viele. Eh, fick doch dieWasserhähne, murmelte Meho und rieb sich die Augen, ohne anzuhalten.
     Hinter ihm raunte die Menge, ein jubelnder Aufschrei folgte, dann Geräusche und Rufe, die der müde Meho wahrscheinlich gar nicht mitbekam und kaum hätte einordnen können, so wie er auch den serbischen von dem bosniakischen Jubel nicht hätte unterscheiden können, man freute sich hierzulande eigentlich gleich. Und auch wenn er das Tor gesehen hätte, das bejubelt wurde, es wäre für ihn unmöglich gewesen, aus dieser Entfernung mit Gewissheit zu sagen, ob der Ball sechzig oder siebzig oder sogar achtzig Meter weit geflogen war, bevor er sich ins serbische Tor senkte. Gleich würde Meho nämlich die Buchen am Ende der Lichtung erreicht haben. Er würde einen Blick ins Tal werfen, obwohl aus einer Höhe von über tausend Metern Krieg vom Frieden genauso wenig zu unterscheiden ist, wie die Worte oder das Lachen seiner Freunde von dem Lachen seiner Feinde. Aber die Aussicht war beeindruckend: unbeschreiblich schön, flüsterte Meho zu Audrey, Sekunden bevor er niedergestreckt wurde. Die Kugeln trafen die Zehn auf dem rot-weißen Trikot. Sie wurde am 29. Mai 1991 von Dejan Savicevic getragen, als Roter Stern im Finale des Europapokals der Landesmeister Olympique Marseille im Elfmeterschießen besiegte. Meho hatte das Spiel zusammen mit seinem Vater gesehen. Der Empfang war schlecht, Mehos Vater musste die ganzen neunzig Minuten die Antenne in einer bestimmten Stellung über dem Kopf halten, damit das Bild nicht rauschte. Er traute sich nicht einmal, sie in der Halbzeit abzusetzen, also schmierte ihm Meho Wurstbrote und fütterte ihn. Am nächsten Tag kaufte sich Meho das Trikot mit der Zehn und seinem Vater einen neuen Fernseher.
     Der serbische Torwart hatte Meho mit seinem ersten Schuss erst Tränen in die Augen getrieben, dann mit zwei weiteren Schüssen zwei Kugeln in den Rücken. Der erste Schuss galt Dino Zoff, verfehlte ihn aber um Zentimeter und traf den Tannenpfosten. Der Torwart hatte zu früh gefeuert, der Knall lenkte General Mikado beim Anlauf ab, sein Elfmeter krachte gegen die rechte Tanne und prallte dem reglos verharrendem Dino Zoff direkt in die Arme. Der sah ungläubig von einem konsternierten Schützen zum anderen, dann von einem Pfosten zum anderen, schließlich zum verlassenen Tor auf der anderen Seite des Feldes. Dann schlug er den Ball mit voller Wucht ab.
     Eh, fick mich doch der Orkan, so ähnlich hätte Meho die schlingernde Flugbahn des Balles für dieses Tor beglückwünscht. Mag sogar sein, dass es dieselbe Windböe war, die ihm die Tränen trocknete und dann Dino Zoffs Schuss den notwendigen Auftrieb gab, damit der Ball im serbischen Tor landen konnte. General Mikado erstarrte im Jubel der Territorialen, zögerte, offenbar unsicher, was er tun sollte.
Unser Ball! Abstoß!, sagte er. Niemand hörte ihn, so laut war der Jubel über das Drei-vier. Abstoß, Tor zählt nicht!, rief der General lauter, Abstoß, schrie er, kein Tor! Er pfiff in die Finger, aber erst, als der serbische Torwart die zwei Schüsse auf Meho abgab, wurde es um ihn still. Der General deutete in Richtung der serbischen Hälfte. Kein Tor! Kein Tor!
     In das weinrote Samttuch gewickelt, lag Gavros Klarinette gewiss immer noch dort, wo er sie abgelegt hatte, bevor er in den Krieg gezogen war: auf dem Schrank im Wohnzimmer des elterlichen Hauses, das auch im Winter und auch nach dem Tod seines Bruders nach Lavendel roch. Jetzt und hier, hinter Gottes Füßen, brauchte Gavro kein Instrument, um sich eine Zugabe ehrlich zu verdienen - er fiel in Mikados schrillen Pfiff ein, dehnte und hob ihn in F-Dur, band eine Kette leichtfüßiger, eingängig kindlicher Melodien daran, wandte sie unerwartet in einen Walzer, über dessen verspielte Sechsachteln er plötzlich einen wilden Csardas losließ - und während seine Komposition an Farbe und Fahrt gewann, setzte sich Dejan Gavrilovic, genannt Gavro, ein hervorragender Belgrader Klarinettist, ins Gras. Der Csardas rüttelte Mikimaus auf. Nicht sitzen bleiben, knurrte er seinen Mitspieler an, der den Ball hinter dem Tor geholt hatte. Mikimaus nahm ihm den Ball weg und marschierte über den Platz. Nicht sitzen bleiben, rief er etwas lauter. Neben Gavro ließen sich zwei weitere serbische Spieler auf die Wiese nieder und machten ebenfalls keine Anstalten, weiterspielen zu wollen.
     Auf General Mikados Hals malte der Zorn rote Flecken, und als der General, in Wirklichkeit Leutnant und die längste Zeit seines Lebens Fliesenleger mit vier Töchtern, deren Vornamen alle mit "Ma" begannen, das dritte Mal am heutigen Tag nach Gavros Hinterkopf ausholte, packte die Klarinettistenhand das Fliesenlegerhandgelenk. Aus dem Csardas flammte Spanisches auf, das machst du nie wieder, sprachen Gavros Augen, und der Flamenco gab dazu den Refrain. Gavro pfiff, Mikimaus marschierte, und Marko schlug den eigenen Torwart nieder und nahm ihm die Pistole ab.
     Eh, fick doch Mohammed Ali!, hätte Meho Markos schlichten linken Haken gelobt. So aber war General Mikado - was ist das jetzt, verfickt noch mal! - der Einzige, der fluchte, als sein Torwart zu Boden ging und sein Stürmer sich den Schmerz aus der Hand abschüttelte. Was ist das jetzt?, schrie der General und biss in Gavros Finger, die sein Handgelenk umklammerten, was wollt ihr ..., brüllte er mit dem Blut des Klarinettisten an den Zähnen und sah sich um. Abstoß!, befahl er Mikimaus, der den Ball zur Mitte des Feldes trug. Einer nach dem anderen setzten sich seine Spieler hin. Ein Putsch, das also ..., lachte der General, Deserteure!, schlug er um sich, Überläufer, Kriegsgericht werd ich euch! Auch die Aus-Linien gingen ins Gras, einige Soldaten machten aber ihre Waffen schussbereit, unsicher, ob sie damit auch auf die eigenen Leute zielen sollten.
     Die meisten serbischen Soldaten sahen zu Boden, nicht so, als hätten sie Angst vor ihrem Vorgesetzten, sondern, als wäre ihnen der cholerische Mann mit dem behaarten Rücken peinlich. Als schämten sie sich für etwas, als wüssten sie keine Antwort auf eine sehr einfache Frage, die ihnen gerade gestellt worden war. General Mikado schrie sich in Rage, sein ganzer Hals wurde ein einziger roter Fleck, alles abknallen!, schrie er, gebt mir mein verficktes Gewehr! Er wich zurück, drehte sich im Kreis. Niemand hielt ihn auf, niemand antwortete auf die sehr einfache Frage. Auch die Territorialen standen in der Gegend, als wären sie bloß Requisite auf dieser Bühne, auf der ein kleiner, kräftiger Mann mit nacktem Oberkörper tobte.
     Niemand fand eine Antwort auf die sehr einfache Frage - außer Mikimaus. In der Schule waren die meisten Fragen zu schwierig für ihn gewesen, zu Hause hatte ihm sein Vater mit dem ledernen Gürtel Ausrufezeichen in den Rücken gepeitscht, und hier, hinter Gottes Füßen, gab es keine Fragen, nur Befehle. Milan Jevric, genannt Mikimaus, legte den Ball auf den ungefähren Anstoßpunkt, stützte den Fuß darauf und donnerte in einer Lautstärke über die Soldatenköpfe, über General Mikado, der an eine Waffe gekommen war, aber zögerte, sie zu gebrauchen, über den Platz, über die Schützengraben, über Mehos toten Körper, über die Buchen, über den Wind, über das Tal, so laut also und so deutlich, als wollte er in diesem einen Schrei alle Antworten geben auf alle von ihm bisher unbeantworteten Fragen: Vier-drei für die!, antwortete Milan Jevric, genannt Mikimaus, auf die einfache Frage. Die führen eins, stellte er fest, aber vielleicht reißen wir noch was in der Nachspielzeit, vielleicht, schob Mikimaus die Unterlippe vor, geht hier noch was.
     Seine Worte richteten die serbische Abwehr auf, das serbische Mittelfeld erhob sich, und der serbische Sturm goss Pflaumenschnaps, nicht auf die schmerzende Mohammed- Ali-Faust, sondern in die eigene Kehle, in einer Menge, dass Dino Zoff sehnsüchtige Augen machte.
     Mikimaus räumte hinten alleine ab, der Rest stürmte. Der neue Schiedsrichter Gavro zeigte acht Minuten Nachspielzeit an. Die Territorialen verteidigten mit zehn Mann und droschen jeden Ball in die serbische Hälfte. Nicht zu fest, die Minen. Die Bälle kamen prompt wieder, Mikimaus haute sie stur lang und hoch in die Spitze zurück. In der letzten Minute kamen die Territorialen zu einem Konter, Kiko scheiterte an Mikimaus, der jetzt überall zu finden war, auch im Tor. Mikimaus Antwort folgte umgehend, denn Mikimaus hatte zu antworten gelernt. Er schnappte sich den Ball und dribbelte durch die Reihen der Territorialen, als wäre er nicht mit Mistgabeln, sondern mit Maradona aufgewachsen. Die Adern an seinem Hals traten hervor, er presste die Lippen zusammen, rannte zwei bosniakische Verteidiger einfach um und drosch aus gut dreißig Metern die Kugel auf Dino Zoffs Tor. Alles an Kraft steckte der riesenhafte Mann in diesen einen Schuss, sein Aufschrei danach ließ dutzende Vögel aus demWald aufstieben. Und der Ball, dieser schmutzige, notdürftig geflickte Ball, strich über die Lichtung auf Dino Zoffs Tor.
     Um 17.55 Uhr pfiff Gavro ab. Mikimaus' Schuss war die letzte Aktion. Die Spieler ließen sich erschöpft ins Gras fallen. Der Pfiff verhallte. Niemand klatschte. Niemand jubelte. Aus dem Tal schwappte schwere Stille auf das Plateau. Ruhig wurden die Waffen aufgehoben. Marko hielt die Schnapsflasche schräg über Dino Zoffs Mund, bis einige Tropfen die Lippen benetzten, sich dort mit dem Blut mischten. Aah, Sliwowitzum bonum deorum donum! Hab ich ihn gehabt?, lispelte Dino Zoff und schenkte Marko einen Zahn. Die Sonne warf lange Baumschatten auf die Lichtung hinter Gottes Füßen, hinter Gottes Füßen in Soldatenstiefeln, hinter Gottes Füßen, an denen Blasen trieben, hinter Gottes dribbelnden Füßen.

Mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand Literaturverlages

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