Vorgeblättert

Leseprobe zu Mohammed Abed Al-Jabri: Kritik der arabischen Vernunft. Teil 3

16.03.2009.
S. 169 ff

Der averroistische Rationalismus und die Neugestaltung des Verhältnisses Religion/Philosophie


Der "Zahirismus" von Ibn Hazm hätte nicht die kulturelle Verbreitung und den Einfluss, den er erhofft e, zu einer Zeit erreichen können, in der der Omaijadenstaat, in dessen Namen er sprach und dessen Projekt er repräsentierte, in den letzten Atemzügen lag. Als umfassendes und systematisches Projekt mit dem Anspruch, den gesamten sozialen Körper zu durchziehen, konnte es nicht ohne Unterstützung einer politischen Macht konkret werden. Ibn Hazm ignorierte nicht, dass die Rechtsschulen, denen es gelang, in einer Gesellschaft Rechtskraft zu erlangen, sich nur dank der Autorität des Staates ausgebreitet hatten. "Zwei Schulen", sagte er, "haben sich
unter dem Einfluss der Macht ausgebreitet, die Schule von Malik im Westen und die von Hanifa im Osten." Er verstand, dass der Staat, der seine eigene Lehre hätte durchsetzen können, an sein Ende gekommen war und es keine Möglichkeit gab, ihn neu zu beleben. Das führte bei ihm zu Bitterkeit und Verzweiflung. Von sich sprechend schreibt er: "Was meine Situation betrifft , könnte man sie nicht besser als mit dem berühmten Sprichwort beschreiben: Die ersten, die einen Gelehrten verachten, sind die Seinen. Ich habe in den Evangelien gelesen, dass Jesus - Friede sei mit ihm - gesagt hätte:
Ein Prophet wird nur in seinem Haus und in seinem Land verachtet;
die Proben, die die Qurayshiten dem Propheten (sl?m) auferlegten, bestärken uns in dieser Auffassung."

Doch sterben die großen kritischen und innovativen geistigen Projekte nicht mit ihren Begründern. Sie brauchen lediglich "eine gewisse Zeit" bis zum historischen Moment, der für ihre Entfaltung günstig ist. Der "Zahirismus" von Ibn Hazm gehörte zu ihnen. So ist es auch nicht erstaunlich zu sehen, dass er, gut ein halbes Jahrhundert später, die politische und revolutionäre Bewegung inspirierte, die vom Jahr 511
h./1117 an in Marokko vom "Mahdi" Ibn Tumart gegen die Macht der almoravidischen Herrscher geführt wurde, an die sich die andalusischen Notabeln, Gelehrten, Rechtsgelehrten und politischen Persönlichkeiten gewandt hatten, um den Zustand der Zerrissenheit, den ihr Land zur Zeit der Könige von Taifas, unmittelbar nach dem Fall des Omaijadenkalifats, erlebte, zu beenden. Obwohl der politische und administrative Apparat der almoravidischen Dynastie (die aus der Sahara stammte) stark der Kontrolle der malikitischen Rechtsgelehrten unterworfen war, die in doktrinärer Hinsicht ziemlich "rigoristisch" waren, dauerte es nicht lange, bis - in den Worten von Ibn Khaldun - "die Zivilisation, der Luxus und die Trägheit" sich an ihrem Hof breit machten, und von da aus in der gesamten Gesellschaft , die von einer "Epidemie des Sich-gehen-lassens" angesteckt wurde. Ibn Tumart richtete sich gegen diese Situation und warf den Almoraviden vor, von der wahren Religion abgewichen zu sein. Dabei gründete er seine politische Aktion auf das Prinzip des "Gebotes des Guten und des Verbotes des Bösen" (75) und verdächtigte die Almoraviden des "Nachahmungskonformismus" (taqlīd) und des Anthropomorphismus (tajsīm). Er verurteilte die Tatsache, dass die Lehre, auf die sie ihre Macht stützten, auf der Analogie beruhe: Die Almoraviden hatten die Meinungen ihrer malikitischen Rechtsgelehrten zu Analogiequellen erhoben und neigten deshalb zur "Nachahmung", wobei sie die wahren Quellen, das Buch und die Tradition, aufgaben. Andererseits hatten sie ihr Dogma auf dem Analogieschluss vom Bekannten zum Unbekannten gegründet, was darauf hinausläuft, die göttlichen Attribute als Analoga zu den menschlichen Attributen zu betrachten, was nach Ibn Tumart nichts anderes als Anthropomorphismus war.

Von diesem unmittelbar vom epistemologischen Grund des "Zahirismus" des Ibn Hazm inspirierten Prinzip ausgehend, führte Ibn Tumart seine Bewegung bis an ihr Ende: die Gründung des Almohadenstaates, der zugunsten seiner eigenen kulturellen Strategie das Projekt des Ibn Hazm übernehmen sollte. Die "zahiritische" Lehre fand auf diese Weise endlich den politischen Träger, der ihr fehlte, um sich durchzusetzen: die Macht des Almohadenstaates, der, kaum in Marokko und in Al-Andalus errichtet, der malikitischen Schule Zügel anlegte und die Verbreitung der Rechtsschrift en beschränkte, damit die Bevölkerung sich in der juristischen Praxis an die Quellen halte, das heilige Buch und die Tradition. Diese neue Kulturpolitik erreichte ihren Höhepunkt zurzeit von Yaqub al-Mansur, dritter Almohadenkalif, unter dessen Herrschaft die Rechtswissenschaft völlig zu existieren aufhörte. Dieser Herrscher war von den Rechtsgelehrten gefürchtet. Er ordnete an, die Bücher der (malikitischen) Schule zu verbrennen
und befahl allen Gelehrten, auf jede Praxis der "Wissenschaft der persönlichen Meinung" (der Analogie) unter Androhung der strengsten Strafen zu verzichten. Das von Yaqub al-Mansur verfolgte Ziel bestand in Wirklichkeit darin, mit einem Schlag die malikitische Lehre im Maghreb (und in Al-Andalus) zu beseitigen, um die Bevölkerung dazu zu bringen, dem offenbaren Sinn (zāhir) des Korans und der Tradition zu folgen.

Mit freundlicher Genehmigung des Perlen Verlages.

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