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Automatisch gevoted stimmt besser

Von Adam Cwientzek
09.09.2002. Glauben Sie nicht den Online-Votings zum Kanzlerduell. Sie können allzuleicht manipuliert werden.
Die Online-Votings zum Kanzlerduell werden manipuliert

Von Adam Cwientzek

Spätestens seit den Kanzlerduellen haben die Voting-Systeme im Internet Hochkonjunktur.

Der Vorteil liegt auf der Hand, in nur wenigen Minuten nach dem Duell sind die ersten Ergebnisse verfügbar. Schon nach 15 Minuten wurden die ersten Online-Umfragen analysiert, bewertet, kommentiert. Keiner hinterfragt aber die Umfrage selbst. Woher kommen die Zahlen? Wie wurden sie ermittelt? 70 Prozent haben für Schröder, 20 Prozent für Stoiber abgestimmt. Damit stand der Sieger bei ntv (hier die Online-Umfrage) noch gestern Abend fest - obwohl gerade mal 750 mal Stimmen gezählt wurden. Und wer hat abgestimmt ? Hier liegt wohl der größte Witz an der Sache. Vielleicht ich, vielleicht Sie.

Aber zumindest gestern Abend bei Spiegel.de (hier die Umfrage) kamen die meisten Stimmen sicher von den vom Wahlfieber gepackten Computern. War zu beobachten, dass gegen Mitternacht kaum noch Stimmen gezählt wurden, so ging Herr Schröder wenig später plötzlich und regelmäßig mit 1 bis 2 Stimmen pro Minute nach vorn. Kurz darauf war es Herr Stoiber, der mit 12 Stimmen pro Minute deutlich aufholte. Wieso? Ganz einfach, weil die meisten Umfragen so einfach zu fälschen sind, dass es einem Angst macht. Beispiel Spiegel: Bei der Abstimmung setzt der Spiegel auf Ihrem Computer einen Cookie, mit dem er Ihren Computer identifiziert und wiedererkennt. Aber das macht nichts. Nachdem Sie abgestimmt haben, löschen Sie Ihren Cookie einfach. Aktualisieren Sie die Seite mit dem Ergebnis dann noch zweimal, und schon haben Sie eine zweite Stimme bekommen.

Besser noch: Sie laden sich gleich ein Programm zum Aufzeichnen sogenannter Makros, die die Eingaben unter Windows automatisieren - und schon gibt Ihr Rechner Stimmen für den Kanzler Ihrer Wahl ab - ohne lästiges Klicken Ihrerseits. Und was sagt uns das? Es gewinnt derjenige, der besser sein Stimmprogramm optimiert. Übrigens : 16.906 Stimmen sind seit gestern Abend abgegeben worden. Wenn wir annehmen, dass die auffälligen 2 Stimmen pro Minute für Schröder und 12 Stimmen pro Minute für Stoiber die ganze Zeit weitergelaufen sind, macht das seit gestern Nacht locker bis zu 8.000 Stimmen, knapp 50 Prozent der abgegebenen Stimmen!!! Bleibt nur zu hoffen, dass die Zweifelhaftigkeit der Umfragen möglichst vielen Leuten bewusst wird und so wenig Einfluss auf die Wahl wie möglich hat.

Adam Cwientzek ist Programmierer beim Perlentaucher.