ein wort gibt das andere
In der Stunde der grauen Gegenwart
Exkurse ins Berliner Geistesleben. Von Elke Schmitter
05.11.2025. Was genau sind Propheten und wozu brauchen wir Prophetie? Darüber sprach letzte Woche in Berlin der Philosoph Martin Bauer. Hiermit eröffnen wir eine neue Kolumne: Elke Schmitter geht auf Veranstaltungen, zu Diskussionen, Vorträgen und Symposien und schreibt auf, was sie hört. Es geht um das gesprochene Wort, das öffentliche, nicht notwendig prominente Wort, das in der Begegnung entsteht.Es ist November in der Stadt, und das Wetter weiß es genau. Draußen halten die Menschen vorgerückten Alters den Blick und den bemützten Kopf gesenkt, um nicht auf den goldbraunen Lindenblättern auszurutschen, die sich zu einem slippery Belag auf dem Asphalt verdichtet haben, drinnen bastelt die Jugend am Halloween-Outfit, um der Dämmerung extra vital zu begegnen: Schrecken des Daseins, du kannst mich mal! Und doch ist er allgegenwärtig.

Ich bin auf dem Weg zum Center of Applied Humanities der Humboldt Universität, und wenn Sie dabei an lichte, hohe Hallen denken, mit ehrwürdigen Bartträger-Portraits geschmückt, Unter den Linden Berlins, dann liegen Sie rührend falsch: Die Geisteswissenschaften sind, ihrer Dämmerung in der universitären Wertschätzung gemäß, zu Teilen ausgelagert in angemietete Etagen von Bürohäusern rund um die Friedrichstraße, und hier waltet eine Käfighaltung des Geistes, die das Konzept des home office sofort einleuchtend erscheinen läßt. Doch, klar, die Gedanken sind frei, und um so freier werden sie, wenn sie sich nicht auf die fröstelnde Wirklichkeit richten, sondern auf andere Gedanken, längst gedacht, die einen zweiten slippery Belag über dem Asphalt des Lebens bilden, den wir Menschen, ausgestattet wie wir nun einmal sind, ohnehin niemals zu fassen kriegen (außer, natürlich, wir stürzen).
Martin Bauer, Mitbegründer der website Soziopolis (die übrigens kosten- und werbefrei ist, also doppelte Wohltat), spricht "On Prophecy and Prophets: A short Introduction". Und, ja: was macht sie eigentlich aus, diese Prophetie, von der wir gerade gar nicht unbehelligt bleiben können? Die Klimakatastrophe, MAGA, die Herrschaft der KI, all das sind Prophezeihungen, und sie sind düsterer Art, als hätte Kassandra sowohl das "All you need is love" der Beatles als auch Fukuyamas sanftes "Ende der Geschichte" für alle Zeiten abgeräumt. Das müßte nicht so sein. Die Prophetie, daran erinnert Bauer, ist nicht notwendig schwarz in ihrem Gehalt, vor allem aber hat sie soziale Funktionen, die auch freundlichen Charakters sind: Sie etabliert, Max Weber hat das ins Bewußtsein gehoben, Gemeinschaften und schafft Integration jenseits der Klassenschranken oder auch Geschlechter. Ihre Protagonisten, die Propheten, zeichnen sich außerdem durch etwas aus, das nicht käuflich zu erwerben ist - das Charisma. Es funktioniert jenseits von Status und Institution; Jesus brauchte keine Kirche, ein Priester aber braucht sie dringend, damit man ihm glaubt. Der Webersche Prophet ist unkorrumpierbar, redlich und universalistisch; wer sich ihm anschließt, benötigt lediglich guten Willen. Und er/sie/they tritt auf als ein Medium - was vielleicht nicht nur mich an Greta vor ihrer Schule denken läßt: hier sitze ich und kann nicht anders. Andere haben ein Parteiprogramm, ich habe eine Botschaft. Und mit mir machst du sie überflüssig - oder wahr. Die apokalyptische Prophezeihung ist für ihre Gläubigen also niemals falsch: die Welt geht unter, wie sie es sagt, oder sie bleibt bestehen, weil die Warnung ernst genommen und die Katastrophe abgewendet wurde. Insofern ist sie mehr als eine Botschaft; sie ist kein oeuvre, kein Werk eines Einzelnen, weder Dichtung noch Bibel, sondern ein ganz und gar soziales Geschehen. In "der Stunde der grauen Gegenwart", wie Bauer den verläßlich düsteren Michel Foucault zitierte, erscheint sie als eben jener Versuch der Selbstbefreiung, vor dem im Personenaufzug dringend gewarnt wird.
Zwei Tage später und, wären wir Anfang Mai, drei Pflastersteinwürfe entfernt, ging es um die Prophezeihung im kleineren Maßstab, dafür auf zeitgemäß harte Weise: Auf der Tagung 'Kritik der transatlantischen Vernunft' am Kreuzberger Moritzplatz sprach die Osteuropahistorikerin Franziska Davies über die Rußlandpolitik des Westens seit den Neunziger Jahren. Sie zeichnete die zögernden Bewegungen nach, mit denen Europa sich aus der Rußlandversteherei herauswindet, schwankend zwischen Vorhersagen, in denen Putin mal als unbesiegbar, dann wieder als ein Diktator von dieser Welt erscheint, ein zwar absolutes, aber bezwingbares Böses. Hier ist die Politik eine self fullfilling prophecy, die allerdings ohne Propheten im reinen Sinne auskommt; das Charisma aller Akteure beruht doch wesentlich auf medialer Kosmetik und Wiederholung. (Obwohl Putin, mit nacktem Oberkörper auf einem mageren Braunen, sich redlich bemühte, Jesus und Kreuzritter zu vereinen. Ich erinnere mich auch an einen Jahreskalender, auf dem er mit Kuscheltieren posierte.)
Die Beherztheit, mit der Davies von der Ukraine sprach, ging mir zu Herzen, auch ihre Erwähnung einer Bemerkung Putins zu Busch Junior: "You know, it´s not even a country." Vor einigen Jahren entwickelte der Lemberger Psychoanalytiker Jurko Prochasko die These, dass die Ukraine es auch deshalb so entsetzlich schwer hat, weil sie zu den Ländern 'ohne Aura' gehört. Die alten imperialen Mächte, ob Frankreich, Portugal oder Spanien, you name it, haben Glanz und Charisma der Kulturnation für sich. Ihr Reichtum beruht auf Gewalt. Doch während diese widerstrebend in Erinnerung gerufen werden muß, glänzen Versailles wie die Eremitage unmittelbar, überwältigen mit Dignität und 'Geschichte'. Und noch immer, jenseits ihrer Wirtschaftsleistung oder anderer harter Machtfaktoren, erkennen sich die vergangenen Größen als ebenbürtig, rollen einander auch einen blutroten Teppich aus.
Martin Bauer: "On Prophecy and Prophets", Center of Applied Humanities, Berlin, 30.10.
Franziska Davies: "Opponent, rival, partner, protective power? America in Eastern and Central Europe"; Salon am Moritzplatz, Berlin, 1.11.
(Foto von Elke Schmitter im Teaser: Hartwig Klappert)

Ich bin auf dem Weg zum Center of Applied Humanities der Humboldt Universität, und wenn Sie dabei an lichte, hohe Hallen denken, mit ehrwürdigen Bartträger-Portraits geschmückt, Unter den Linden Berlins, dann liegen Sie rührend falsch: Die Geisteswissenschaften sind, ihrer Dämmerung in der universitären Wertschätzung gemäß, zu Teilen ausgelagert in angemietete Etagen von Bürohäusern rund um die Friedrichstraße, und hier waltet eine Käfighaltung des Geistes, die das Konzept des home office sofort einleuchtend erscheinen läßt. Doch, klar, die Gedanken sind frei, und um so freier werden sie, wenn sie sich nicht auf die fröstelnde Wirklichkeit richten, sondern auf andere Gedanken, längst gedacht, die einen zweiten slippery Belag über dem Asphalt des Lebens bilden, den wir Menschen, ausgestattet wie wir nun einmal sind, ohnehin niemals zu fassen kriegen (außer, natürlich, wir stürzen).
Martin Bauer, Mitbegründer der website Soziopolis (die übrigens kosten- und werbefrei ist, also doppelte Wohltat), spricht "On Prophecy and Prophets: A short Introduction". Und, ja: was macht sie eigentlich aus, diese Prophetie, von der wir gerade gar nicht unbehelligt bleiben können? Die Klimakatastrophe, MAGA, die Herrschaft der KI, all das sind Prophezeihungen, und sie sind düsterer Art, als hätte Kassandra sowohl das "All you need is love" der Beatles als auch Fukuyamas sanftes "Ende der Geschichte" für alle Zeiten abgeräumt. Das müßte nicht so sein. Die Prophetie, daran erinnert Bauer, ist nicht notwendig schwarz in ihrem Gehalt, vor allem aber hat sie soziale Funktionen, die auch freundlichen Charakters sind: Sie etabliert, Max Weber hat das ins Bewußtsein gehoben, Gemeinschaften und schafft Integration jenseits der Klassenschranken oder auch Geschlechter. Ihre Protagonisten, die Propheten, zeichnen sich außerdem durch etwas aus, das nicht käuflich zu erwerben ist - das Charisma. Es funktioniert jenseits von Status und Institution; Jesus brauchte keine Kirche, ein Priester aber braucht sie dringend, damit man ihm glaubt. Der Webersche Prophet ist unkorrumpierbar, redlich und universalistisch; wer sich ihm anschließt, benötigt lediglich guten Willen. Und er/sie/they tritt auf als ein Medium - was vielleicht nicht nur mich an Greta vor ihrer Schule denken läßt: hier sitze ich und kann nicht anders. Andere haben ein Parteiprogramm, ich habe eine Botschaft. Und mit mir machst du sie überflüssig - oder wahr. Die apokalyptische Prophezeihung ist für ihre Gläubigen also niemals falsch: die Welt geht unter, wie sie es sagt, oder sie bleibt bestehen, weil die Warnung ernst genommen und die Katastrophe abgewendet wurde. Insofern ist sie mehr als eine Botschaft; sie ist kein oeuvre, kein Werk eines Einzelnen, weder Dichtung noch Bibel, sondern ein ganz und gar soziales Geschehen. In "der Stunde der grauen Gegenwart", wie Bauer den verläßlich düsteren Michel Foucault zitierte, erscheint sie als eben jener Versuch der Selbstbefreiung, vor dem im Personenaufzug dringend gewarnt wird.
Zwei Tage später und, wären wir Anfang Mai, drei Pflastersteinwürfe entfernt, ging es um die Prophezeihung im kleineren Maßstab, dafür auf zeitgemäß harte Weise: Auf der Tagung 'Kritik der transatlantischen Vernunft' am Kreuzberger Moritzplatz sprach die Osteuropahistorikerin Franziska Davies über die Rußlandpolitik des Westens seit den Neunziger Jahren. Sie zeichnete die zögernden Bewegungen nach, mit denen Europa sich aus der Rußlandversteherei herauswindet, schwankend zwischen Vorhersagen, in denen Putin mal als unbesiegbar, dann wieder als ein Diktator von dieser Welt erscheint, ein zwar absolutes, aber bezwingbares Böses. Hier ist die Politik eine self fullfilling prophecy, die allerdings ohne Propheten im reinen Sinne auskommt; das Charisma aller Akteure beruht doch wesentlich auf medialer Kosmetik und Wiederholung. (Obwohl Putin, mit nacktem Oberkörper auf einem mageren Braunen, sich redlich bemühte, Jesus und Kreuzritter zu vereinen. Ich erinnere mich auch an einen Jahreskalender, auf dem er mit Kuscheltieren posierte.)
Die Beherztheit, mit der Davies von der Ukraine sprach, ging mir zu Herzen, auch ihre Erwähnung einer Bemerkung Putins zu Busch Junior: "You know, it´s not even a country." Vor einigen Jahren entwickelte der Lemberger Psychoanalytiker Jurko Prochasko die These, dass die Ukraine es auch deshalb so entsetzlich schwer hat, weil sie zu den Ländern 'ohne Aura' gehört. Die alten imperialen Mächte, ob Frankreich, Portugal oder Spanien, you name it, haben Glanz und Charisma der Kulturnation für sich. Ihr Reichtum beruht auf Gewalt. Doch während diese widerstrebend in Erinnerung gerufen werden muß, glänzen Versailles wie die Eremitage unmittelbar, überwältigen mit Dignität und 'Geschichte'. Und noch immer, jenseits ihrer Wirtschaftsleistung oder anderer harter Machtfaktoren, erkennen sich die vergangenen Größen als ebenbürtig, rollen einander auch einen blutroten Teppich aus.
Martin Bauer: "On Prophecy and Prophets", Center of Applied Humanities, Berlin, 30.10.
Franziska Davies: "Opponent, rival, partner, protective power? America in Eastern and Central Europe"; Salon am Moritzplatz, Berlin, 1.11.
(Foto von Elke Schmitter im Teaser: Hartwig Klappert)
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