ein wort gibt das andere
Fußgänger der Geschichte
Exkurse ins Berliner Geistesleben. Von Elke Schmitter
31.08.2026. Die Berliner Festspiele eröffnen die Saison mit Reflexionen über die heutige Rolle Europas: Das traurige Ergebnis der ersten Runde: keine, whatsoever. Also nimmt Elke Schmitter die Ringbahn und fragt mit dem Künstler Akira Takayama: Dürfen Kommunisten träumen.
Dem Herbst entgegen räkelt sich die Stadt. Der Sommer war sehr still, nun machen die Berliner Festspiele einen Auftakt im noch immer nicht ganz bevölkerten öffentlichen Raum. Durch den heißen Abendwind, der die ersten trockenen Blätter verwirbelt, strebt eine altersgemischte Gesellschaft zu diesem Ort, der nicht nur im Westen liegt, sondern ihn auch verkörpert: Vor 75 Jahren wurden die Festspiele eröffnet, ein Jahr nach der Gründung des "Congress for Cultural Freedom", maßgeblich gefördert vom amerikanischen Auslandsgeheimdienst CIA. Das "Schaufenster des Westens" am Fasanenplatz hat im großen Saal eine demokratisch stabile Akustik und Optik; ohne Logen und hierarchischen Firlefanz können tausend Leute dem Geschehen auf der Bühne folgen. Vielleicht halb so viele folgen den Kuratoren Saba-Nur Cheema und Meron Mendel, Politologin und Leiter der Bildungsstätte Anne Frank; ein auch politisches Paar, Autoren der Kolumne "Muslimisch-jüdisches Abendbrot" in der FAZ. Sie leiten drei Tage des großformatigen Nachdenkens ein, unter anderem werden sie mit Angela Merkel über die heutige Rolle Europas sprechen. Denn darum geht es bei den diesjährigen "Reflexen und Reflexionen", auch heute Abend: Müssen wir uns die Augen reiben, aus einem Traum oder einem Koma erwachen und begreifen, dass es auf den guten alten Westen nicht mehr ankommt? Dass die Welt sich in diesem Jahrhundert - um nicht gleich die Tausenderkarte zu ziehen - vom Kontinent der Aufklärung einigermaßen sang- und klanglos verabschiedet, not with a bang but a whimper?
Dass solche Gigantofragen immer etwas Hysterisches mit sich tragen - bis sie positiv beschieden werden, jedenfalls - ist den beiden bewusst. Selbstironisch zitieren sie den Meister der Verabschiedung des Abendlandes, Theodor W. Adorno, in einem Spiegel-Interview der 60er Jahre: "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung - " "Mir nicht." Dennoch: war dieses Gestern, mitten in der finsteren Ordnung des Kalten Krieges, ein fundamental anderes als das unsere, sagen wir, in den optimistischen Jahren nach 1989 oder sogar noch, nach den Börsenkrächen des jungen Jahrtausends, bis zum 7. Oktober 2023?
Die britisch-sudanesische Autorin Nesrine Malik, Kolumnistin des Guardian, spricht zuerst und ruft, nicht ohne die jüngsten Desaster des Westens zu verschweigen (Afghanistan, Irak, Trumps Wiederwahl, Gaza) zum trotz-allem-Optimismus auf. Immerhin sei der Liberalismus insgesamt so erfolgreich wie kein anderes politisches System, und wenn die Vernünftigen und Willigen aus allen Kontinenten sich zusammenfinden, dann mag der geografische Westen sich erledigt haben, doch der Geist von Wissenschaft, Solidarität und Aufklärung wird "das große Interregnum", in dem wir uns befinden, überstehen. Ihr Sparringspartner, der britische Historiker Adam Tooze, der aufgrund seiner "migrantisch geprägten Biografie", wie er charmant erklärt, in deutscher Sprache antworten kann, schlägt eine andere Zeitrechnung vor. Der "kritische Punkt" sei nicht erreicht, sondern bereits überschritten; sein aktueller Beleg: Dass ein derart bescheidenes Programm wie das des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani - namentlich die Verbesserung des öffentlichen Verkehrs und der frühkindlichen Erziehung - einen solchen Enthusiasmus hervorrufe, zeigt für ihn in düsterster Klarheit, "dass die Zukunft anderswo gemacht wird". Die Anerkennung der inneren Widersprüche der westlichen Moderne ist für ihn der einzig mögliche Weg - nicht nur der Selbsterkenntnis und der Würde, sondern auch hin zu den bescheidenen Möglichkeiten der Reparation. Denn eine verheerende Auswirkung der westlichen Moderne sei ja unter anderem, dass die ihrerseits verursachte Klimakrise vor allem jene Regionen trifft, in denen die Menschen am wenigsten dafür verantwortlich, zugleich aber am verletzlichsten sind. Immerhin: die großen Player Indien und China folgen, obschon die "dreckigsten Ökonomien" der Welt, bedingungslos der Naturwissenschaft, anders als die USA unter Trump… Doch was immer an Optimismus noch auf dem Podium unbeaufsichtigt schwebte und sich zu Einzelbeobachtungen niederließ: im anschließenden Gespräch, souverän navigiert vom Zeit-Journalisten Mark Schieritz, blieb vor allem übrig: Es sei "lachhaft anachronistisch" zu glauben, wir Europäer könnten Hauptakteure der Zukunft sein.

Mit diesem mürbemachenden Befund im Ohr konnte man (und kann man auch in den nächsten Wochen) sich in die Ringbahn setzen, um in einer Gruppentour diese Stadt, die für die Hoffnungen der Nachnachkriegszeit steht wie keine andere, so beredt wie sinnlich zu erkunden. Einer Idee des Künstlers Akira Takayama gemäß folgt man urbanen Utopien und ihren ruinenhaften Restbeständen sowie versunkenen Visionen, deren Stunde möglicherweise erst kommt. "Dürfen Kommunisten träumen?" heißt eine dieser Touren, ein kleiner Kreuzweg naturgemäß. Da ist beispielsweise das Fassadenbild auf zwanzig Quadratmetern Meißner Porzellan (früher Leipziger Straße, heute im Detlev-Rohwedder-Haus), das Max Lingner im Auftrag der DDR-Regierung schuf und sechsmal umgestalten mußte, weil die Gesichter "unserer Menschen", wie man ja gerne sagte, zu bourgeois und nicht deutsch genug schienen (Lingner, ein Antifaschist und Widerstandskämpfer, hatte viele Jahre in Frankreich gelebt). Und kaum war es fertig und freigegeben, das Riesenwerk, kam es zum Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953, bei dem mindestens 55 Menschen getötet wurden.
Mit diesem Wandbild ist kein Staat mehr zu machen, doch möglicherweise mit der Erinnerung an jene Künstler der DDR, die Berufsverbot hatten, nicht ausgestellt oder zensiert wurden. Statt der vielen männlichen Repräsentanten von Bernhard Heisig über Wolfgang Mattheuer und Willi Sitte beispielsweise: Chetna Vora. Die indische Filmregiestudentin drehte 1981 den Film "Frauen in der DDR", Gespräche über die Arbeit und das Leben in unerwünschter Offenheit. Die Hochschule in Potsdam-Babelsberg ließ den Film vernichten; geblieben ist eine heimlich auf VHS-Kassette abgefilmte Kopie. Vora lebt nicht mehr, doch ihre Enkelin spielte einen Song über sie ein, den der Guide Uli Schuster der Gruppe von youtube auf die Kopfhörer schickt.
Ein Ort der Vergangenheit schließlich, der für die Zukunft taugt, könnte das Haus der Jungen Talente sein, an das für die Dauer der Kunstaktion eine Zeichnung am S-Bahnhof Schönhauser Allee erinnert: Das barocke Palais in der Klosterstraße war von 1959 bis 1991 ein hoch frequentiertes Zentrum der Jugendkultur, mit mehr Spielraum und weniger Reglementierung als üblich, unter anderem organisierten hier im Februar 1990 der Computerclub des HdjT mit dem westdeutschen Chaos Coumputer Club einen gemeinsamen Kongress. 1991 wurde es vom Kultursenator Ulrich Roloff-Momin geschlossen, nun beherbergt es Verwaltungsbüros, immerhin für Kultur.
Die Ringbahntour mit dem Guide Uli Schuster, Stadtforscher und Künstler, führt durch ein Berlin, das noch stellen- bzw. brachenweise die Erinnerung an eine Stadt zulässt, in der ein Lautsprecher einen Club eröffnete, ein Tapetentisch eine Bar und ein paar Pelzmützen und Orden einen Straßenmarkt. Überall, so scheint es im Rückblick, waren Akteure. Fußgänger der Geschichte, derer es, der Debatte des Abends zufolge, künftig erst recht wieder bedarf.
Die große Unordnung: Neuanfang oder Ende? Mit Nesrine Malik und Adam Tooze; 27.8.; 'What If Berlin' by Akira Takayama 28.7.; beides Berliner Festspiele
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