ein wort gibt das andere

Lebensumstände, Unsicherheit, Sinnfragen etc.

Exkurse ins Berliner Geistesleben. Von Elke Schmitter
12.05.2026. Einsamkeit ist keine Erkrankung, lehrte Prof. Dr. Mazda Adli, aber ein Modus, der Erkrankungen ermöglicht. Schuld ist der Kapitalismus. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, musste man sich einen Weg durch enorme Schneisen und Flächen bahnen und entkräftet auf einer puppenrosa Riesenmöblierung Platz nehmen. Aber die Neurowissenschaften boten Trost: Unser Hirn ist plastisch und lebenslänglich zu Veränderung bereit.
Für mich gehört immer noch etwas Mut dazu, mich dem Humboldtforum zu nähern. Oder sagen wir: Überwindung. Überwindung der enormen Schneisen und Flächen, von denen es umgeben ist, und die, auch wenn es sich um "Rekonstruktionen" handeln mag, doch eine Stadt für Riesen rekonstruieren; Riesen, die sich in sechzehnspännigen Kutschen bewegen oder in einem Zeppelin vom Himmel über Berlin niederschweben und vor Portalen für Giganten landen. Überwindung erfordert dieser Ort zudem nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit, insofern all das, was über das Humboldtforum und seine Fassade gesagt und gezetert worden ist, zu Recht gesagt und gezetert wurde, nun aber doch vergessen werden muss, will man überhaupt ankommen in diesem Gebäude, das den Menschen überfordert; erst recht, wenn er ein einzelner ist.

"Berlin ist zu groß für Berlin", so heißt ein Essay von Hanns Zischler, der vor dreizehn Jahren erschien und der sich der Ungestalt dieser Stadt gewissermaßen liebevoll oder zumindest mit historischem Erbarmen zuwandte. Heute wird diese dem Versuch nach gemildert, im Effekt aber verstärkt durch grell rosafarbene Sitzelemente, die unter den Linden vor der barocken Schlossfassade gestrandet sind. Elemente, die in ihrer Ungestalt, und auch das muss ja erst mal geschafft und geschaffen werden, buchstäblich an gar nichts erinnern, nicht an Käfer auf dem Rücken, nicht an Badewannen, an Betten, an Buchstaben oder Bänke; auch hier ist etwas un-Menschliches am Werke, insofern die Fantasie und das spontane symbolische Ordnungsvermögen daran zerschellen.

Sie erinnern nicht an Käfer auf dem Rücken, nicht an Badewannen und laden zu Vereinzelung ein. Foto: Elke Schmitter.



Immerhin werden die Entitäten genutzt. Der Passant und die Touristin in ihrer unendlichen Demut und Müdigkeit lehnen sich an alles, was ragt, und lassen sich auf allem nieder, was eine waagerechte Fläche hat, auch hier, im sonntäglichen, dem Stadtbummel idealen Maienschein - durch die riesenhaften Maße dieser puppenfarbenen Elemente allerdings von ihren Mitmenschen weit getrennt. Es sind gezwungermaßen Vereinzelte, die hier sitzen, kurz bevor da drin, in der kolossalen Eingangshalle des Humboldtforums, die "Sprechstunde für Einsame" beginnt.

Es hält sie Prof. Dr. Mazda Adli, Psychiater an der Charité und Leiter des Citizen-Science-Projekts "Deine emotionale Stadt", welches den Einfluss des Großstadtlebens auf die moderne Stadt untersucht (und bei dem jeder mitwirken kann). Etwa zwanzig Menschen haben sich in einer Mini-Arena maikäferhaft um ihn und den Moderator gruppiert, um darüber zu reden, was es heißt, einsam zu sein.

Alis Einführung ist kurz, prägnant und leicht beunruhigend. Einsamkeit ist aus Sicht des Mediziners keine Erkrankung, aber ein innerer Modus, der Erkrankungen aller Art begünstigt und, in der Folge, die Lebenserwartung drastisch verkürzt. Sie ist ein Stresszustand, der "das ganze System" beeinträchtigt, denn sie rührt an die existenzielle Gefährdung unserer archaischen Schwestern und Brüder, welche ohne ihre Gruppe dem Hunger oder dem Wolf zum Opfer gefallen wären. Sie ist nicht zu verwechseln mit dem physischen Alleinsein (obwohl sie damit einher gehen mag), sie kann besonders peinigend sein, wenn man in Gesellschaft oder paarweise verbunden ist ("einsam wird man vor allem unter Menschen"), und sie ist äußerst tabuisiert.

Sie zuzugeben, kommt einem Makel gleich, und sie zu empfinden, provoziert Scham. Sie wird durch Depression verstärkt und sie verstärkt Depression, und ihre emotionale Pein mobilisiert exakt dieselben Hirnregionen wie starker körperlicher Schmerz. Sie fühlt sich an wie ein Versagen des Individuums, doch für Psychiater wie Ali ist sie ein Problem, das die Gesellschaft zu lösen oder zumindest zu erleichtern hat. Denn unsere Lebensweise befördert sie, indem sie den Einzelnen privilegiert und dessen Selbstverwirklichung höher schätzt als seine Bindungsbedürfnisse und so eben jenes Unglück beiläufig produziert, das den Namen Einsamkeit trägt.

Hinter jeder zweiten Tür lebt in Berlin, deutsche Hauptstadt auch der Singlehaushalte, eine Einzelperson, und 17 Prozent seiner Bevölkerung fühlen sich "stark einsam". Das stärkste Aufkommen hat dieser auf Dauer gestellte Alarmzustand der Psyche im höheren Alter (ab 75 Jahre) und zwischen 18 und 25; "diese U-förmige Verteilung", so der Spezialist, beobachte man in allen westlichen Gesellschaften - im letzten Abschnitt des Lebens vor allem durch geringere Mobilität und Kontakte, in der Adoleszenz durch die grundsätzlich höhere Empfindsamkeit zu Beginn des Erwachsenenalters, aufgrund neuer Lebensumstände, Unsicherheit, Sinnfragen etc.

So weit, so ungemütlich. Den Teilnehmern der Sprechstunde fallen in ihren Kommentaren zwanglos viele Umstände des gegenwärtigen Lebens ein, die Einsamkeit langfristig befördern. Die Erosion diverser Verbünde und Verbände, welche die Boomer noch ins Leben begleitet haben, ob Sportvereine, Parteien oder Gewerkschaften. Die Individualisierung, die Konkurrenz, die vergleichende Hysterie, welche "die asozialen Medien" stimulieren; die zunehmende Instabilität des Ordnungssystems Familie… Doch bevor hier alle das Elend der Vergangenheitsverklärung erfasst, spricht Doktor Ali das Zauberwort, das Widerstandskräfte verleiht, und das heißt "Kapitalismus".

Ob dieser ein Schicksal ist, das wird hier und heute nicht erörtert, doch dass man manche seiner unerwünschten Nebenfolgen modulieren, sogar in den Griff kriegen kann, daran will der Professor keinen Zweifel lassen: Der "Gesundheitsauftrag" der Medizin umfasst eben auch die Verfassung der modernen Seele. Und deren Güte wie Robustheit werden wichtiger mit jedem Jahr, da der Populismus sich an der Einsamkeit der Menschen mästet, indem er, naturgemäß nicht allen, ein Zugehörigkeitsversprechen macht und Rettung aus der solitären Depression verspricht…

Neurourbanistik heißt Alis interdisziplinäres Forschungsgebiet, das mitspricht bei der Städteplanung, bei der Einrichtung von Orten und Plätzen, wo Menschen sich begegnen können, ohne um knappe Güter zu konkurrieren oder sich über Leistung zu vergleichen. Wo etwas entstehen darf, das wenig sozialen Stress mit sich bringt, das Nähe in unterschiedlichen Intensitäten erlaubt, das vielleicht einem Nachmittag im Freibad angenehm ähnlich ist. Das von der Einsamkeit nicht für immer erlöst, aber sie zu einer Wolke macht, die vorüberzieht. Erst einmal und, so stellt der Professor es in Aussicht, dann immer öfter. Denn dass unser Gehirn ein höchst plastisches Gebilde ist, lebenslänglich zur Veränderung bereit und durch Praxis schulbar, das ist doch ein Glücksversprechen der Neurowissenschaften, auf das diese so nüchtern wie enthusiastisch bestehen. Nun, denke ich allerdings am Ende des so sozialen wie bildenden Nachmittages, müsste man nur noch dafür sorgen, dass das Designerteam der puppenrosa Riesenmöblierung von all dem erfährt. 

Elke Schmitter

Humboldt Forum, Prof. Dr. Mazda Adli, "Sprechstunde Einsamkeit"; 10.5.