Vitomil Zupan
Levitan
Ein Roman - oder auch keiner

Guggolz Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783945370469
Gebunden, 480 Seiten, 28,00 EUR
ISBN 9783945370469
Gebunden, 480 Seiten, 28,00 EUR
Klappentext
Aus dem Slowenischen und mit einem Nachwort von Erwin Köstler. Vitomil Zupan (1914-1987), das Enfant terrible der slowenischen Literatur, erkundete in seinen Werken sein eigenes Leben im Verhältnis zu den gesellschaftlichen Umständen - oder vielmehr in den Widersprüchen dazu. In "Levitan" schreibt Zupan über die Jahre in Haft nach dem Zweiten Weltkrieg, als er wegen Unmoral, Dekadenz und politischer Unberechenbarkeit aus dem Verkehr gezogen wurde. Der brisante, 1970 fertiggestellte Text konnte erst 1982 erscheinen. Derbe Zoten und größenwahnsinnige erotische Phantasien gehen darin in tiefgründige theoretische Reflexionen über; hellsichtige, fast liebevolle Charakterisierungen von Mithöftlingen und deren Lebensgeschichten wechseln sich ab mit wüster Verdammung der Gesellschaft und ihrer Institutionen. Gleichzeitig ist "Levitan" ein intensiver psychologischer und philosophischer Trip in das beschädigte Bewusstsein eines Inhaftierten, ohne jede falsche Zurückhaltung aus Nettigkeit oder aus Opportunismus. Zupan prahlt, wütet, beschimpft und enthüllt - und erringt auf nahezu jeder Seite überraschende Einsichten, trifft wunde Punkte und stellt überkommene Überzeugungen auf den Kopf. Das Buch ist von umstürzlerischer Kraft und erzählt von der Parallelgesellschaft der Ausgestoßenen, die sich im Gefängnis versammelt. Erwin Köstlers Übersetzung folgt noch dem abwegigsten Gedankengang Zupans und bleibt nicht hinter dessen sprunghafter Genialität zurück.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.10.2024
Einen "vulkanischen Geheimtipp" verrät uns Rezensent Jörg Plath: Der slowenische Schriftsteller Vitomil Zupan lässt sein Alter Ego Jakob Levitan aus dem Gefängnis erzählen, wo dieser landet, nachdem er sich einen Scherz zu viel mit der Kommunistischen Partei erlaubt hatte. Zupan und Levitan gleichen sich fast aufs Haar, so Plath. "Homme à Femmes, Bohémien, Seefahrer, Parteischreck" - all das sind der Schriftsteller, der in sechs Jahren Haft eine überbordende Menge an Literarischem hervorbrachte, all das ist auch sein Ich-Erzähler. Mit Witz, Ironie und einem Haufen sexueller Anspielungen erzählt Levitan vom Gefängnisalltag und von seinen Mitinsassen und schafft so, schwärmt Plath, eine "Anthropologie" voller geistreicher Ideen. Der Sexualtrieb, der ausführlich thematisiert wird, vor allem auch weil die entsprechende Befriedigung im Gefängnis ausbleiben muss, fungiert für Levitan allerdings als "Portal zum Menschheitswissen" und mündet in Ausführungen zu Philosophiegeschichte, Physik und sogar Yoga. Der Rezensent ist jedenfalls restlos begeistert von dieser Wiederentdeckung und kann sie, trotz der ein oder anderen Länge, uneingeschränkt empfehlen.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 06.09.2024
Rezensent Maximilian Mengeringhaus warnt: Vitomil Zupans 1970 fertig gestellter "Roman - oder auch keiner", so der programmatische Untertitel, ist harter Tobak. Zupans Erzähler und offensichtliches Alter Ego kennt kein Tabu, lesen wir. In seinen Aufzeichnungen aus dem jugoslawischen Zuchthaus nach dem Zweiten Weltkrieg gibt der Ex-Partisane nicht nur politische Witze wieder, sondern breitet auch schamlos seine erotischen Fantasien aus, erzählt von Schutzbündnissen, von Schmuggelaktionen, vom allgegenwärtigen Misstrauen, aber auch von Solidarität unter den Insassen, die nicht unterscheidet zwischen politischen Gefangenen, Kriegsverbrechern und Frauenmördern. Dort, wo "das Recht nichts mehr gilt", spielt er sich nicht als Richter auf, so beschreibt Mehringhaus die Haltung Levitans, der sich Moral nicht mehr leisten kann. Auch gibt es keinen geschickt konstruierten Plot, keine klare Dramaturgie. "Levitan" ist eben nicht die leicht konsumierbare Gefängnisliteratur, die wir kennen, sondern ein knallharter Zeitzeugenbericht und ein herausfordernder "moderner Klassiker", so Mengeringhaus. Dass wir dieses herausragende Buch nun wieder entdecken können, ist auch Erwin Köster zu verdanken, der Zupans teils wüste Aufzeichnungen mutig übersetzt hat, sowie dem Guggolz Verlag und dessen Anmerkungs- und Quellenapparat, der nichts weniger ist als "maßstabsetzend", so der begeisterter Rezensent.
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