Sophie Dannenberg

Das bleiche Herz der Revolution

Roman
Cover: Das bleiche Herz der Revolution
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2004
ISBN 9783421058300
Gebunden, 310 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Eine Auseinandersetzung mit den 68ern aus Sicht ihrer Kinder. All die großen Projekte wie antiautoritäre Erziehung, Emanzipation, freie Sexualität werden von Grund auf in Zweifel gezogen. Im Mittelpunkt steht Kitty Caspari, Tochter eines 68er Paares der ersten Stunde. Was als freiheitliche Erziehung gedacht war, entwickelt sich zur seelischen Demütigung des heranwachsenden Mädchens. Doch Kitty geht ihren Weg. Zweite Hauptfigur ist Hieronymus Arber, auf dem Höhepunkt der Revolte Assistent am Frankfurter Institut. Um ihn arrangiert sich eine akademische Intrige und ein weltberühmter Mord. Auch die Kriegsgeneration nimmt der Roman in den Blick und fragt nach den historischen Gründen für den Aufruhr in den 60er Jahren.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.09.2004

Jörg Magenau findet Sophie Dannenbergs Abrechnung mit 1968 schlichtweg langweilig, da alles "simpel zu durchschauen war, wie in schlechten Kinderbüchern". In dem Buch erzählt Kitty, die Tochter eines 68er Paares, von der Kehrseite der antiautoritären Erziehung, wenn nämlich die Befreiungssucht in Unterdrückungspotenzial umschlägt. Das wäre ein großes Thema gewesen, muss der Rezensent zugeben, doch ist das Buch nur eine "spätpubertäre, tragisch dumme, eher private Abrechnung, die gleich die ganze Epoche geißelt". Der Rezensent kann sich nur für den ersten Teil begeistern, wenn mit einprägsamen Metaphern und diskreter Erzählweise eine Alkoholikerin während der 60er Jahre von ihren Eheproblemen erzählt. Gleich danach verliere nämlich die Autorin die Selbstkontrolle und wechselt in eine derbe Satire, über die der Rezensenten nicht lachen kann. Empörend findet Magenau das Ende: Die 68er haben der vorherigen Generation den Krieg nicht verübelt, sondern nur den verlorenen Krieg. So resümiert Magenau: "Als Auseinandersetzung mit 1968 ist das arg dürftig, das Abbild gegenwärtigen historischen Bewusstseins erschütternd".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.09.2004

Rezensent Ijoma Mangold schüttelt den Kopf: Genau jenen "unerbittlich-herrischen Gestus", mit dem einst die 68er ihre Eltern auf die "Anklagebank zerrten", hat er auch in Sophie Dannenbergs "Abrechnung" mit ihrer 68er-Elterngeneration gefunden. Dannenberg - der Name ist laut Mangold ein "Pseudonym", um den ihrer Eltern nicht "preiszugeben" - erzählt auf "lieblose Weise" die Geschichte zweier "68er-Opfer", die zueinander finden. Hieronymus Arber ist Akademiker, ehemals Assistent des Professors Wisent, einer, wie Mangold findet "plumpen" Adorno-Karikatur, und wurde seinerzeit von "linken Karrieristen" um die Nachfolge des Professors geprellt. Er trifft auf Kitty - Mangold vermutet sie als "alter Ego" der Autorin -, die als Kind unter den "revolutionären Erziehungsmethoden" ihrer 68er-Eltern zu leiden hatte. Rezensent Mangold hegt Verständnis, dass sich die Autorin ihre "antiautoritäre Kindheit" von der Seele schreiben muss. Auch gegen "Hass" als "Schreibfundament" hat er nichts einzuwenden, nur: "Er muss treffen". Und das tut Dannenbergs Roman seiner Ansicht nach nirgendwo: Unerträgliche " Schlichtheit" hat Mangold in diesem "hanebüchenen Buch" entdeckt, als "holzschnitthaft und ödeste Kolportage" hat er vieles empfunden, für eine Satire "viel zu unlustig", als "Schreckensoperette" gar "völlig läppisch". Dennoch wünscht er sich mehr Romane zum Thema 68 und hofft, dass sich die Schriftsteller durch "Sophie Dannenbergs Beispiel" nicht "abgeschreckt fühlen".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.09.2004

Eine gewisse Komik spricht Rezensent Klaus Harpprecht der Romandebütantin Sophie Dannenberg nicht ab, nur leider verwelkt das Satirenhafte für seinen Geschmack allzu rasch. Die Autorin, selbsterklärterweise "Opfer" der 68-er Generation rechnet in ihrem Buch mit studentischen "Drecklöchern" und "Jesuslatschen" ab. Es gelingt ihr zwar, den "teutonischen Veitstanz" dieser Jahre "eindrucksvoll" heraufzubeschwören, Momente sicht- und hörbar zu machen, jedoch scheue sie leider am Ende auch nicht vor der "herzschmerzender Melodramatik" zurück. Kritik übt der Rezensent nicht nur an der Rahmenhandlung - "wirr und unmotiviert" - sondern auch an den Parodien der jungen Autorin. Die auf Adorno sei "meisterlich", doch dafür erstickt Dannenberg mit ihrer Denunziation Habermas' jede Komik durch "schiere Gemeinheit". Alles in allem leider kein "amüsantes Experiment", sondern die "Kapitulation vor dem Kitsch".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.09.2004

Katrin Hillgruber findet Sophie Dannenbergs Roman - oder besser: ihr "Pamphlet" - abstoßend. Dabei ist es gar nicht so, dass ihr das Anliegen des 68er- Kindes, mit der revoluzzernden Elterngeneration abzurechnen, grundsätzlich nicht geheuer wären. Nein, es sind die Mittel, zu denen Dannenberg greift, die ihr Projekt nach Ansicht der Rezensentin delegitimieren: das sprachliche Wühlen im Ekel, der Sex und die Exkremente, die Blasphemie und der "schauerliche Kitsch". "Bis in den Anmerkungsapparat schwindelerregend ambitioniert, veranstaltet die Autorin ein bundesdeutsches Kettensägenmassaker", schreibt Hillgruber und identifiziert das heimliche literarische Vorbild: Heinz G. Konsalik. So ernst Dannenbergs Anspruch gewesen sein mag, so sehr ihre Seele, wie die der Protagonistin, unter den Diktaten der anti-autoritär autoritären Kommuneeltern gelitten haben mag - die Abrechnung verwirkt ihre Aussagekraft, weil sie zu einer "reißerischen Kolportage in Reinform" gerät.
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