Die schwüle und sinnliche Atmosphäre der europäischen Dekadenz um 1900 bestimmen Paul Leppins Roman "Daniel Jesus", der die widersprüchlichsten Reaktionen weckte und von vielen Lesern seines erotischen Gehalts wegen als pornografisches Werk missverstanden wurde. Daniel Jesus, die zentrale Figur des Romans, erscheint wie ein Rattenfänger, ein Verführer, ja der Anti-Christ schlechthin, der die Menschen geradewegs ins Verderben treibt. Er bemächtigt sich wie ein Dämon ihrer Seelen, sein Credo ist die Weltverneinung und der Hass.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 07.02.2002
Wenn der Rezensent Bernhard Fetz an Prag denkt, dann fallen ihm auch sämtliche Klischees ein, die mit dieser Stadt verbunden werden. Den Roman würdigt Fetz als "exemplarisches Zeitdokument" - er erschien erstmals bereits 1905 - der am Anfang dieser Klischeebildung steht und den Start einer neuen Kunstbewegung "zwischen Jugendstil und Expressionismus" auslöste. Ein "ekstatischer, adjektivgesättigter Stil und antibürgerlicher Affekt" prägen das Buch. Szenen daraus könnte Arthur Schnitzler bei seiner "Traumnovelle" im Kopf gehabt haben, vermutet Fetz. Er schätzt diese "schöne bibliophile" Neuausgabe mit einem Titelbild von Alfred Kubin aus dem Jahr 1919: einer nackten Frau mit Schlangenkopf und Krallenhänden.
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