Nora Schramm

Hohle Räume

Roman
Cover: Hohle Räume
Matthes und Seitz, Berlin 2024
ISBN 9783751809597
Gebunden, 237 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Als Helene ihre Eltern kurz vor Weihnachten besucht, wirken die Räume des vertrauten Hauses seltsam hohl, als ließen sie sich trotz aller Bemühungen nicht mit Leben füllen. Der Anlass für ihren Besuch ist die Scheidung der Eltern. Irritiert beobachtet die Tochter jede ihrer Regungen, seziert sie voller Sprachwitz und zerlegt sie in ihre Einzelteile, die sich zu einem Familienbild bürgerlicher Prägung zusammensetzen: Thomas, der Vater, ist Arzt, aber weil er keine Menschenkörper mag, berät er lieber ein Pharma-Unternehmen. Die Mutter Irene hat Lehramt studiert, um nach der Geburt der einzigen Tochter doch Haus und Herd zu ihrem Arbeitsfeld zu machen. Und Helene selbst ist erfolgreiche Künstlerin mit Einzelausstellungen in London und Kopenhagen, einer Assistentin und einem Galeristen. Jetzt soll sie dabei helfen, den Besitzstand genauso wie den emotionalen Ballast der vierzig Ehejahre zu sortieren. Doch dann stürzt die Mutter die Treppe hinunter, bricht sich die Hüfte und plötzlich taucht auch die verschwunden geglaubte Kindheitsfreundin Molly wieder auf.  Humorvoll und in starken Bildern erzählt Hohle Räume von der Familie nicht mehr als einem Ort psychologischer Abgründe, sondern als kleinstmöglicher sozialer Einheit, in der die Aufstiegsgeschichte der Babyboomer genauso zu erkennen ist wie der Klassenumstieg ihrer Kinder - und wo Sofas, Töpfe und Fensterläden nicht bloß Alltagsgegenstände sind, sondern subtil über Werte, Überzeugungen und Sicherheiten Auskunft geben. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.02.2025

Rezensent Wolfgang Schneider ist gespannt, wie es mit der Debütantin Nora Schramm weitergeht. Vorerst bietet ihm Schramms erster Roman eine Abarbeitung mit der westdeutschen Herkunftswelt einer mit der Familie hadernden Ich-Erzählerin. "Zeitlos" nennt er Schramms Inventarisierung von vier Jahrzehnten bürgerlicher Familienexistenz im fiktiven Vorort Findelheim. Ein "feministisches Grundrumoren" vernimmt der Kritiker, wenn die Autorin den Vater als notorischen Verantwortungsverweigerer zeichnet, allerdings bekommen auch die weiblichen Figuren einiges von Schramms "maliziösem" Blick ab, die Mutter wird beispielsweise zur "grotesken Leidensfigur", die ihre sexuellen Sehnsüchte auf ihre Tochter projiziiert. Die fühlt sich in der Folge gezwungen, die Fantasien der Mutter mit einer sexuellen Lügengeschichte nach der anderen zu versorgen.  Der trocken sarkastische Ton, die Detailfreude und die bisweilen surreale Überzeichnung von Figuren und Ereignissen machen das Buch für Schneider zur vielversprechenden Talentprobe.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 26.04.2024

Rezensent Cornelius Wüllenkemper empfiehlt Nora Schramms Romandebüt. Wie die Lyrikerin Schramm hier anhand einer dysfunktionalen Ehe poetisch und ironisch den bürgerlichen Materialismus dekonstruiert, erinnert ihn einerseits an Perecs "Die Dinge", andererseits findet die Autorin ihren eigenen leichten Ton und zu "irritierenden", die Realität aufbrechenden Sprachbildern, erklärt er. Darüber hinaus erzählt der Roman von einer Kindheit und Jugend und ihren Prägungen, so Wüllenkemper.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 15.03.2024

Knapp, aber angetan bespricht Rezensentin Manuela Reichart diesen Debütroman von Nora Schramm, der sie an der Seite einer erfolgreichen Berliner Künstlerin zurück ins Heimatnest zu den Eltern führt. Diese lassen sich nach 40 Jahren Ehe scheiden, der Vater hat eine Affäre, gesprochen wurde nie viel in der Familie, gelogen umso mehr, resümiert die Kritikerin. Wie Schramm die kleinbürgerliche Trostlosigkeit und das Aufbrechen der Fassaden fasst, findet Reichart beeindruckend. Und dass der Roman in eine Roadnovel mündet, gefällt ihr ebenfalls.

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