Mit 20 Abbildungen. Seit ihrer Entstehung im späten 19. Jahrhundert ist die schweizerische Pharmaindustrie auf akademisch ausgebildete Fachkräfte und universitäre Forschungsresultate angewiesen. Die Universitäten ihrerseits profitierten schon früh von industriellen Dienstleistungen und Geldspenden. Der Autor zeichnet die über hundertjährige Gratwanderung der Pharmaforschung zwischen Hochschule und Industrie nach und leistet damit einen Beitrag zur Erklärung der Wissensproduktion im 20. Jahrhundert, der auch für das Verständnis der heutigen Situation von Bedeutung ist. Absprachen über Studienpläne und die Besetzung vakanter Lehrstühle, industriefinanzierte Hochschullabore oder das Streben von Industrieforschern nach akademischer Anerkennung werden praxisnah beschrieben und gesellschaftsgeschichtlich interpretiert. Die Verbindung von mikrohistorischer Zugangsweise und Langzeitperspektive öffnet den Blick für eine nachhaltige Veränderung in den Kooperationspraktiken von Hochschule und Pharmaindustrie. Anfänglich war die Zusammenarbeit von historisch gewachsenen Gemeinsamkeiten geprägt. Insbesondere in der Chemie stimmten Ziele und Vorgehensweisen der industriellen und akademischen Forschung weitgehend überein. Dies änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Pharmaunternehmen in den biologischen Wissenschaften neue Ansprechpartner suchten. Nun erlangten Grenzziehungen zwischen akademischer und industrieller Forschung, zwischen "Grundlagenforschung" und "Zweckforschung", mithin also die Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Teilbereiche Wissenschaft und Wirtschaft, eine bisher ungekannte Orientierungsfunktion, die den Handlungsspielraum aller beteiligten Akteure grundlegend veränderte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.06.2011
Rezensent Robert Jütte hält sich mit Urteilen über Michael Bürgis Studie zur "Pharmaforschung im 20. Jahrhundert" bedeckt. Stattdessen beschränkt er sich auf eine Zusammenfassung ihres Inhalts. Danach untersucht Bürgi, beginnend im 19. Jahrhundert, die Geschichte des Verhältnisses von schweizerischer Pharmaforschung und -industrie; nicht zuletzt zur Überprüfung der These, dass beide Bereiche institutionell und personell zunehmend verschmelzen würden. Eine solche Verschmelzung konstatiert Bürgi allerdings von Anfang an, schreibt Jütte, übrigens analog zur deutschen Gründerzeit der chemischen Industrie. Ganze Institute hätten von Forschungsgeldern etwa des Pharmaunternehmens Hoffmann-La Roche profitiert, informiert der Rezensent. Auf Ansätze zu einer Trennung von akademischen und wirtschaftlichen Interessenssphären in den Sechzigern sei im folgenden Jahrzehnt jedoch bereits wieder ein Trend zu verstärkter Kooperation gefolgt. "Komplexer" sei das Verhältnis beider zueinander geworden, lautet die ultimative Einsicht des Kritikers.
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