Wer den Klassizismus vor allem mit Schlagworten wie 'Harmonie' und 'schöne Ganzheit' verbindet, der übersieht, dass das Schönheitsideal dieser Epoche vom Phantasma der Verletzung durchdrungen ist. Irmela Marei Krüger-Fürhoff revidiert in ihrer Studie das klassizistische Schönheitsideal, indem sie nachweist, dass der versehrte Körper zugleich als ausgeschlossenes und konstitutives Moment von Literatur und Ästhetik um 1800 verstanden werden muss. Mit dem Begriff der Versehrung greift sie auf ein historisches Wortfeld zurück, das im späten 18. Jahrhundert das Spektrum von der leichten Hautritzung bis zur tödlichen Verwundung umfasst, aber auch die Zerstörung sexueller Integrität bezeichnet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2002
Vor dem Phänomen der verwundeten, der fragmentierten Schönheit stand die klassische Ästhetik einigermaßen verständnislos. Dieser Verständnislosigkeit wie den dennoch vorhandenen "verwundeten, versehrten und verstümmelten 'Monstra'" spürt die Literaturwissenschaftlerin Krüger-Fürhoff in ihrer - wie Lorenz Jäger findet - "bemerkenswerten Studie" nach. Goya, Laokoon, vor allem Karl Philip Moritz sind Gegenstand der Untersuchung, insbesondere Moritz' Beschäftigung mit dem Mythos der verstümmelten Philomele, der ihm zur Metapher des Kunstwerks wurde. Ganz besonders "fruchtbar" findet der Rezensent den diskursanalytischen Ansatz der Verfasserin bei ihrer Interpretation von Kleists "Der Zweikampf" - in dem sie unter anderem auch die Obduktionsakten zum Doppelselbstmord des Autors und seiner Geliebten ins Spiel bringt.
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