Herausgegeben von Kristin Schulz. Dieser Band versammelt erstmals Heiner Müllers sämtliche zu Lebzeiten und postum veröffentlichten Gedichte, dazu Texte aus dem Nachlass, in chronologischer Reihe. Eröffnet wird der Band durch den einzigen zu Lebzeiten erschienenen Lyrikband. Daran schließen alle verstreut veröffentlichten Gedichte aus Anthologien und Zeitschriften an. Hinzu kommen zahlreiche unbekannte und bekannte Gedichte und Entwürfe aus dem Nachlass. Erweiternd und ausführlich kommentierend, ersetzt "Warten auf der Gegenschräge" den 1998 erschienenen Gedichtband der Werkausgabe.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 12.01.2015
Als wuchtiges Buch bezeichnet Nico Bleutge die Ausgabe mit den Gesammelten Gedichten Heiner Müllers. Den Gedichtband der Werkausgabe von 1998 scheint ihm das Buch zu ersetzen, besser: angemessen zu erweitern. Welch unterschiedliche Wege Müllers Lyrik geht, erfährt er hier, welche Formen und Themen er angeht: Mythos, Tod und Traum. Erstaunt hat Bleutge die aus den Anmerkungen ersichtliche Menge an Varianten und Entwürfen. Sinnvoll erscheint ihm das Abweichen von einer sturen chronologischen Folge der Texte durch die Herausgeberin Kristin Schulz. Auch wenn für den Rezensenten nicht alles leuchtet in diesem Band und viele Texte für ihn bloß Meinungen und Lektionen sind, außer den großen Anverwandlungen mythischer Stoffe und antiker Versmaße, rührt ihn so manche im Band enthaltene Skizze aus dem Müller-Archiv.
Auch wenn Annett Gröschner um die Widersprüchlichkeit einer solchen, auf die Klassikerwerdung des Autors zielenden Ausgabe gesammelter Gedichte weiß - denn Heiner Müller war ein Textclusterproduzent, erklärt sie - die Erschließung des Müllerschen Nachlasses und die Erstveröffentlichung von 88 Texten in diesem Buch sagen ihr zu. Schon weil Müller für sie nie weg war und seine Texte noch immer Gegenwart zu durchdringen helfen, wie Gröschner findet. Darüber hinaus sorgt der von der Herausgeberin Kristin Schulz besorgte Anhang bei der Rezensentin für Begeisterung, vermag Schulz ihr doch Zusammenhänge zwischen Früh- und Spätwerk zu erschließen und den Weg von Müllers Zeilen durch Zeiten und Genres. Da ist es für Gröschner zweitrangig, wenn die Gedichte im Band qualitativ durchaus stark schwanken.
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