Aus dem Italienischen von Julika Brandestini. Turin ist nicht Wolfsburg und sah auch nie so aus - doch lange wurde die Stadt am Po-Ufer das Klischee der Industriemetropole von Fiat und Co. nicht los, trotz Alpenpanorama und barocken Palazzi. Und die stolzen Turiner galten als typische Vertreter des Nordens: kühl, regelbedürftig und so diszipliniert wie die Abwehr von Juventus. Alles Schnee von gestern, sagt Giuseppe Culicchia, selbst Italiener machen heute hier Urlaub - und er muss es wissen. Schließlich kennt Culicchia Turin wie sein eigenes Haus: vom Eingang (Bahnhof Porta Nuova) lädt er ein zum Flanieren auf dem Flur (unter den Arkaden der Via Roma), in die Küche (Porta Palazzo) oder zum Wühlen in der Abstellkammer (der Flohmarkt Il Balon). Nur bei der Wahl des Wohnzimmers kann er sich nicht entscheiden - denn in Turin gibt es bildschöne historische Cafés an jeder Ecke: unter anderem das Bicerin, wo schon Rousseau und Nietzsche zu Gast waren. Culicchia lässt andere Turiner von ihrer Stadt erzählen: zum Beispiel Focaccia-Bäcker und Gianduiotti-Créateure. Denn die Turiner scheinen das Naschen quasi erfunden zu haben …
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 27.03.2020
Rezensentin Maike Albath versteht nach der Lektüre von Guiseppe Culicchias Turin-Porträt ein bisschen besser, warum die Turiner in keiner anderen Stadt leben wollen. Der Autor, der sich in den 1990er Jahren mit "rasanten Bildungsromanen" einen Namen machte, wie die Rezensentin erklärt, habe nun ein "ungewöhnliches" Porträt seiner Heimatstadt geschaffen: Jedem Ort wird ein Zimmer eines Hauses zugeordnet; so wird beispielsweise der Marktplatz als Küche und das Flussufer als Badezimmer vorgestellt. Die Stadt, in der man wohnt, gleiche in ihrer Vertrautheit natürlich immer einem Wohnhaus, versteht Albath und weist darauf hin, dass besonders Turin mit seiner speziellen Architektur an einen Innenraum erinnere. Noch wichtiger erscheinen ihr jedoch die Bewohner, ohne die Turin wohl doch "nur eine leere Hülse" wäre und die in Culicchias Buch auch immer wieder zu Wort kommen dürfen. Den Reiz der Stadt lernt sie hier kennen.
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