Klappentext
Ausd dem Russischen von Rosemarie Tietze. Für Menschen im Exil verschwimmen häufig die Konturen ihrer Identität, die ungewohnte fremde Umgebung verstärkt Zweifel am eigenen Ich. Gaito Gasdanows Emigration nach Frankreich ließ ihn regelrecht zum Experten für solche Seelenzustände werden: Seine Prosa kreist immer wieder um Schicksale, deren Umrisse verfließen, die eine Umkehr und Neuausrichtung erleben oder im Rückblick die Geschichte eines Lebens in anderem Licht erscheinen lassen. Die in diesem Erzählband zusammengefassten Texte vereint, dass alle von solchen unerwarteten und manchmal kaum erklärlichen Umschwüngen im Leben der Figuren berichten: Da ist der große Opernsänger, den überraschend eine tropische Krankheit befällt, die betörend schöne Rumänin, die durch den Krieg ein neues Leben in Italien beginnt, der Reiche, der den Wunsch verspürt, arm zu sein, und aus seiner Vorstadtvilla in eine Kiste auf der Straße zieht.
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.07.2026
Rezensent David Hugendick dankt der Übersetzerin Rosemarie Tietze dafür, dass sie diese neun kunstfertige Erzählungen Gaito Gasdanows aus den Zwanzigern bis Sechzigern in ein so schönes Deutsch gebracht hat. So kann der Kritiker eintauchen in die Erinnerungen und Labyrinthe, die der russische Exilant hier ausbreitet: Hugendick begegnet Bettlern, Lebedamen und Nachtgestalten in den Cafes oder den Gängen der Pariser Metro, stets begleitet von Einsamkeit. Wie es Gasdanow gelingt, ein Gefühl "sentimentaler Sachlichkeit" zu transportieren, beeindruckt den Kritiker tief.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.06.2026
Rezensent Paul Jandl liebt den Existentialismus in den Geschichten von Gaito Gasdanow. Paris als Kulisse, jede Menge heimatlose Figuren und Geschehnisse zwischen Traum und Wirklichkeit! Die von Rosemarie Tietze laut Jandl in ein melancholisches Deutsch gebrachten Texte um Millionäre, die zum Bettler wurden, Sänger, die nicht mehr singen wollen, oder Femmes fatales, die Männer zu Mördern machen, bestechen laut Jandl durch ihre latent apokalyptische Atmosphäre, in der Liebe als "disruptive Kraft" wirkt. Das Paris der russischen Migrantenmilieus um 1920 erscheint Jandl dafür als idealer Schauplatz.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.06.2026
Rezensent Claudius Seidl wünscht sich noch mehr Erzählungen von diesem immer wieder neu zu entdeckenden Autor. Was der Russe Gaito Gasdanow als Nachttaxifahrer in Paris erlebte und zwischen 1928 und 1963 aufgeschrieben hat, findet er bemerkenswert aufgrund seiner Fähigkeit, den Leser zu beunruhigen und zu verstören. Was mitunter nach Existenzialismus klingt, ist für Seidl mehr: Einsame Figuren zwischen Traum und Wachsein, die von Unergründlichem angetrieben werden, aber gebrochen durch den sympathisierenden Blick des Erzählers, der laut Seidl nicht wertet oder nach Erkenntnis heischt. Gasdanows eher "sachlichen Stil" hat Rosemarie Tietze einfühlsam übertragen, so der begeisterte Rezensent.
Kommentieren

