Komplexe Strukturen

Matthes und Seitz, Berlin 2025
ISBN
9783751810333
Gebunden, 362 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Das, was nach außen hin als schlichte Erzählung, kurze Anekdote, nebensächliche Beschreibung erscheinen mag, weist bei genauer Betrachtung oft eine Anzahl weitverzweigter Verbindungsstränge auf, die in historische, philosophische, psychoanalytische Tiefen führen. Solchen "komplexen Strukturen" ist Frank Witzel in seinem neuen Buch mit dem gleichnamigen Titel auf der Spur. In achtzig Texten untersucht der Autor auf eine gleichzeitig erzählende wie selbstreflektierende Weise Strukturen, die von der Harmlosigkeit bis zur Demütigung, von der Parabel bis zur Schulpause, von der Verpuppung bis zur Willenskraft reichen. So entsteht das eigenwillige Panorama einer Enzyklopädie des Zufalls, die jedoch gerade dadurch, dass sie sich weder auf einen Stil noch auf ein Thema beschränkt, eine pulsierende, beständiger Veränderung unterworfene Systematik offenlegt.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 03.01.2026
Wenn einer die "Technik der Abschweifung" perfektioniert hat, dann wohl Frank Witzel: Rezensent Stefan Michalzik kann kaum zusammenfassen, welche verrückten Wege sein neues Buch geht, von der Kriminalistik über den Buchmarkt bis zur Psychoanalyse und zum Traum ist ungefähr alles dabei. Alle der rund achtzig Texte fangen mit "Die komplexe Struktur der…" an, erklärt Michalzik, und dabei weiß man eigentlich nie, ob es nun Witzel ist, der spricht oder eine literarische Figur. Wer immer es ist, er findet sich eines Morgens in Franz Kafka verwandelt, schreibt in der Stimme Ingeborg Bachmanns an ihrem "Todesarten"-Zyklus weiter und erfindet den Raumtheoretiker Martin Sádek, dessen Ideen die Nazis für ihre Rassenlehre inspiriert hätten, ist zu lesen. Ein unglaublich anregendes "existenzialistisches Denken", das Witzel hier an den Tag legt, resümiert der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 04.11.2025
Rezensent Enno Stahl lässt sich gerne von der existentialistischen Flut mitreißen, die Witzel mit dieser Sammlung an philosophischen und schwer bestimmbaren Metatexten auf ihn loslässt. Ein Roman sei dieses in 80 Kapiteln aufgeteilte Ding nicht, eher eine anspielungsreiche Ansammlung an Abschweifungen. Auch die gewählten Formen und Erzählweisen unterscheiden sich stark voneinander, manchmal ist es eine Kurzgeschichte, dann doch ein Essay oder eine Parabel, der Inhalt schwankt irgendwo zwischen Traum und Trauma, grübelt der Kritiker. Ein Text besteht aus der Parabel um den brutalen Tod eines Kindes, die dann im Verlauf des Textes erschöpfend analysiert wird, es ist Ausführung und Abhandlung über die Ausführung in einem, lesen wir. Es sind jedoch immer Texte über die Tragödie des menschlichen Daseins, durchpflügt von einem leisen, "gnomischen Humor" und einer zurückgenommenen Sprache. Dieses Prinzip der bewussten Abschweifung und des einnehmend erratischen Rhythmus' erinnert Stahl sowohl an Robert Walser und Kafka als auch an W. G. Sebald und Laurence Sterne. Für den Rezensenten zwar keine Einladung zur Binge-Lektüre, aber nichtsdestotrotz lohnenswert, besonders in Momenten, in denen die eigene Existenz nervt.