Warum wurde in Afrika anders Krieg geführt als in Europa?

Hagen University Press, Hagen 2025
ISBN
9783987674990
Einband unbekannt, 55 Seiten, 18,90
EUR
Klappentext
Innerhalb der Gesamtreihe Europa transnational, deren thematischer Schwerpunkt auf der transnationalen Geschichte Europas im 19. und 20. Jahrhundert liegt, erscheint die Unterreihe "En passant". Mit kleinen Essaybänden erprobt sie neue Formen geschichtswissenschaftlichen Schreibens und greift kurzfristig in aktuelle historische Debatten ein. Den Auftakt bildet der von Dieter Langewiesche verfasste Essay "Warum wurde in Afrika anders Krieg geführt als in Europa?", der sich den Entstehungsbedingungen der europäischen Kolonialkriege des 19. Jahrhunderts zuwendet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.01.2026
Ein Buch zur rechten Zeit hat Dieter Langewiesche geschrieben, meint Rezensent Miloš Vec angesichts der allgegenwärtigen Berichte über Kriegsverbrechen. Der Historiker Langewiesche setzt sich hier mit der Geschichte und Gegenwart des Völkerrechts auseinander und kommt zu dem erschreckenden Schluss, dass eine enthemmte, von keinen völkerrechtsähnlichen Strukturen gebändigte Kriegsführung welthistorisch die Regel ist. Vor allem war die auf Vernichtung der Lebensgrundlagen des Gegners abzielende Kriegsführung keine Erfindung europäischer Kolonialisten zum Beispiel in Afrika, sondern eben dort Normalität bei kriegerischen Auseinandersetzungen vor der Kolonialzeit. Der Kritiker merkt an, dass Langewiesche nicht immer präzise zwischen der normativen und der empirischen Ebene trennt, schließlich kann man aus der Tatsache, dass Gräueltaten begangen wurden, nicht ableiten, dass die beteiligten Gesellschaften sie gutgeheißen hatten. Aber das bleibt ein kleiner Einwand im Rahmen einer insgesamt positiven Besprechung.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.2025
Interessiert bespricht Rezensent Andreas Eckert Dieter Langewiesches Essay über Kriegsführung im Afrika des 19. Jahrhundert. Und zwar beschäftigt sich Langewiesche sowohl mit kolonialen als auch mit präkolonialen Kriegen. Schon vor der Kolonialzeit dominierte in Afrika, so fasst der Historiker Langewiesche Eckert zufolge jüngere Forschungsergebnisse zusammen, die sogenannte "enthegte" Kriegsführung, die darauf abzielte, die Lebensgrundlage des Feindes zu zerstören - inklusive Töten von Vieh und Entführung von Frauen. Diese Form der kriegerischen Gewalt wurde in der Kolonialzeit noch einmal intensiviert - und anschließend möglicherweise, fasst Eckert Langewiesches Argumentation zusammen, nach Europa exportiert, wo sie freilich nur im 19. Jahrhundert weitgehend aus der Mode gekommen war. Insbesondere die Thesen, die sich auf die Nachwirkungen der Kolonialkriege zum Beispiel im zweiten Weltkrieg beziehen, findet Eckert offensichtlich diskutierenswert, wobei er klarstellt, dass sich Langewiesche nicht jenen anschließt, die den Völkermord an den Herero und Nama als Vorwegnahme der Schoah beschreiben.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.08.2025
Auf nur 55 Seiten erklärt der Tübinger Historiker Dieter Langewiesche dem Kritiker Florian Keisinger, was gehegte und enthegte Kriege sind: In Europa wurden im 19. Jahrhundert meist regional begrenzte und Zivilisten verschonende Kriege ausgefochten, was aber nicht für die afrikanischen Kolonien galt. In einer zutiefst rassistischen Auffassung haben sich die europäischen Kolonialmächte zum Ziel gesetzt, die Gebiete einer "Zivilisierungsmission" auszusetzen, die nichts und niemanden verschonte, wie wir erfahren. Diese Art der Kriegsführung entsprach der des "Volkskrieges", der im 19. Jahrhundert in Europa nicht mehr geführt wurde, erklärt der Kritiker. Zwei eindeutige Punkte ergeben sich für Keisinger aus der Lektüre: Langewiesche erkennt keine "stringenten Entwicklungslinien" von den Kolonialkriegen bis zur Schoah - trotz all ihrer Grausamkeit unterscheiden sich die Konzentrationslager der Nazis durch die Idee der völligen Vernichtung von den Kolonialmassakern. Wer allerdings einen "historischen Verständnisrahmen" für den Krieg, den Putin ohne Rücksicht auf Verluste in der Ukraine führt, sucht, wird ihn in der Geschichte der europäischen Kolonialkriege in Afrika finden, schließt der Kritiker.