In den siebziger und achtziger Jahren gab die Bundesrepublik viel auf die Reform der "Gesellschaft" und tat sich schwer, den Einfluss Einzelner anzuerkennen. Nicht nur, dass das Genie aus dem fortschrittlichen Vokabular gestrichen wurde, auch das Genre der Biografie als erzähltes und erlebtes Leben galt als naiv und uninteressant. Selbst im familialen Miteinander von Ost- und Westdeutschen wurden die Möglichkeiten des Individuums geleugnet. Doch seit dem Einschnitt von 1989 verblassen die politischen Schemen vor den Berichten wirklicher Menschen. Die Bespitzelten deuten ihre Akten, die Individualisierten ihr fragiles Glück. Es ist wieder erlaubt, Meister und Werk als Zusammenhang zu lesen und Neugier auf Heldenleben zu entwickeln. Offenbar begünstigt die postideologische Atmosphäre die Aufmerksamkeit für einzelne Lebensgeschichten. Es mag nicht jedem passen. Aber die Biografien kehren zurück.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.07.2002
Ziemlich dankbar ist Barbara von Reibnitz für dieses Kursbuch, das endlich einen Trend aufnehme, der sich seit 1989 unaufhörlich Bahn breche: Biografien und Zeitzeugenberichte treten an die Stelle umfassender Geschichtsbilder. "Kluge Essays" hat die Rezensentin in dieser Ausgabe ebenso gefunden wie beeindruckende Rückblicke auf den eigenen Werdegang (etwa von Jens Reich) oder die Erkenntnis, das Klatsch und Tratsch zwar eine lustbringende Funktion haben, aber auch Denkhemmungen erzeugen. Besonders hebt Reibnitz in ihrer Rezension den Essay von Antonia Grunenberg hervor, die die Verweigerung der Biografie seitens der 68er untersucht.
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