War die evangelische Theologie eine Leitdisziplin im wilhelminischen Kaiserreich? Mit der nicht simpel zu bejahenden oder zu verneinenden Frage beginnt die Studie, die sich mit dem Ort der evangelischen Theologie zwischen dem Staat, der evangelischen und katholischen Kirche und den Universitäten beschäftigt. Für die intendierte Ortsbestimmung analysiert die Studie den Briefwechsel zwischen Adolf Harnack und Friedrich Althoff ebenso wie Quellen der preußischen Unterrichts- und Universitätsverwaltung. Die Rolle der evangelischen Theologie im Staats-, Kirchen- und Universitätssystem wird anhand von vier Themenbereichen erfasst: I. Der Berufungspraxis an den evangelisch-theologischen Fakultäten, II. Der die evangelische und katholische Kirche betreffenden Kirchenpolitik, III. Den Schulreformen und IV. Der Wissenschaftsorganisation und -politik. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Harnack die evangelische Theologie über seine Kontakte zu Althoff, zum Reichskanzler Bernhard von Bülow und zum Kaiser Wilhelm II. immer wieder ins Machtzentrum des wilhelminischen Deutschlands einbrachte. Das Buch richtet sich an Wissenschaftler*innen, die sich für die Theologie-, Wissenschafts- und Verwaltungsgeschichte des Wilhelminismus interessieren.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2026
Mit großen Interesse liest der bekannte Theologe Friedrich Wilhelm Graf diese doch recht spezialistische Studie über die Besetzungspolitik an evangelischen theologischen Fakultäten in der Kaiserzeit. Hierüber stand der eher modern gesinnte Theologe Adolf von Harnack im engen Austausch mit dem hohen und sehr einflussreichen Minsterialrat Friedrich Althoff, erfahren wir aus Grafs Resümee. Deren Korrespondenz liest und deutet Claudia Kampmann für den vorliegenden Band. Sie erweist eine zwar nicht durchgehende, aber häufige Beratung durch Harnack in der Besetzung wichtiger Theologenposten an Unis des Reichs. Verschiedene Konflikte mussten dabei ausbalanciert werden, es ging etwa auch um die "Freiheit der akademischen Theologie gegenüber den Hegemonialansprüchen der Kirchen". Herauskam eine differenzierte Besetzungspolitik, die moderne und konservative Positionen klug mischte, so Graf. Auch auf die Schulpolitik nahm Harnack so Einfluss, erzählt Graf weiter, der über die lehrreiche Studie Kampmanns sehr dankbar ist.
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