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Virtualienmarkt

Thomas Manns Gefammelfe Werfe

Von Rüdiger Wischenbart
27.01.2006. Google Book Search scannt längst auch Bücher ein, deren Rechte nicht frei sind. Frankreich erregt sich, Deutschland nicht. Und die Verlage sehen eine Chance, die Dominanz des Handels zu brechen - falls jemand mit Google Fraktur spricht.
Guten Morgen! Jeder kennt die Szene, aus der Schulklasse oder aus dem Büro: Der oder die Neue kommt und macht sich erst einmal gründlich lächerlich. Aber wir wissen auch, dass dies noch lange nichts darüber aussagt, wer sich alles in den oder die Neue(n) verliebt.

Zum Beispiel in jemanden, der vollmundig ankündigt, "die Informationen der Welt zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen" - neuerdings insbesondere auch jene in Büchern - und dann zu Thomas Mann den folgenden Titel offeriert: "GEFAMMELFE WERFE".

Dies ist kein bedauerlicher Aussprachefehler, sondern ein aktuelles Ergebnis von Googles laufendem und heiß umstrittenen Projekt der Digitalisierung von Zigtausenden Büchern aus fünf großen angelsächsischen Bibliotheken, in denen natürlich nicht nur englische, sondern auch fremdsprachige - etwa deutsche - Titel stehen.

Die Ausgabe, die korrekterweise "Gesammelte Werke" heißen sollte, stammt vermutlich aus dem Jahr 1934 - die Zahl ist auf dem Faksimile des Titelbildes nicht so klar zu erkennen. Es handelt sich jedoch eindeutig um den Band "Der junge Joseph" aus "Joseph und seine Brüder", erschienen damals im S. Fischer Verlag Berlin.

Bei S. Fischer, heute Frankfurt, immer noch einer der bedeutendsten literarischen Verlage Deutschlands und mittlerweile Teil des Holtzbrinck Konzerns, erscheinen die Bücher von Thomas Mann immer noch. Die Bücher sind nicht rechtefrei, denn der Autor ist erst 1955 gestorben. Doch niemand hat bei S. Fischer irgendeine Erlaubnis zum Einscannen, Speichern oder für die - wenn auch nur wenige Zeilen umfassende - Wiedergabe von Ausschnitten aus diesen Werken eingeholt.

Aber derlei geschieht, im großen Maßstab, vor unseren Augen - jetzt. Dass darüber sehr unterschiedliche Rechtsauffassungen kollidieren, ist weithin bekannt. Google sagt, solange nur wenige Zeilen kurze Ausschnitte, gleich Ausrissen - "Snippets" genannt - online einsehbar sind, bleibe das Urheberrecht gewahrt. Viele Verlage sehen das anders.

In Frankreich hat die Entdeckung der neulich erst ins Netz gestellten Scans von modernen Klassikern - etwa von Paul Valery und seinen "Mauvaises Pensees" ("Schlechte Gedanken") - durch das Fachmagazin Livres Hebdo in der Vorwoche einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Google sieht sich geharnischten Reaktionen gegenüber, vom Syndicat National de l'Edition - dem Gegenstück zum deutschen Börsenverein - bis zu den großen Verlagskonzernen wie Hachette, die bestellen lassen, sie hätten keinen Vertrag über die Wiedergabe von Werken durch Google. (Nouvel Observateur).

Doch neben den Fragen nach den Rechten, die bereits sehr viel Aufmerksamkeit bekamen, muss man auch nach den Realien fragen. Faktum ist, dass innerhalb des vergangenen Jahres viele aufmerksame Akteure - große Verlags- und Medienkonzerne ganz so wie unabhängige Beobachter - begonnen haben, sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen. Denn anders als beim etwas absurden EBook-Boom im Jahr 2000 geht es nun nicht um irgendwelche unpraktischen und unhandlichen technischen Flausen, sondern um Entwicklungen mit hohem Realitätsgewicht.

Eine rasche Umfrage unter erheblichen Stimmen aus deutschen Verlagen - die sich jedoch nicht zitiert sehen wollen - ergibt, dass manch einer hier einen "Vertriebskanal" und einen "signifikanten Markt" (übrigens explizit auch für Romane) entstehen sieht.

Wo in Frankreich erst einmal helle Aufregung herrscht und in Deutschland vorsichtig auf Business Development verwiesen wird, gibt es aus dem angelsächsischen Raum nüchterne und konkrete Feststellungen: "If publishing was once a business of mass production, where one sold ever-increasing print runs of ever decreasing titles to more and more people, the digital age will reverse this." Diese Trendwende vom derzeit noch dominanten Bestseller-Modell hin zum gezielten Publizieren und Vermarkten von Büchern für sehr präzise ansprechbare Untergruppen aus dem allgemeinen Lesepublikum konstatierte unlängst kein Internet Marketing Guru, sondern die Chefin von HarperCollins UK, Victoria Barnsley, an der London Business School mit Blick nicht auf irgendeine ferne Zukunft, sondern auf ihr Geschäftsmodell als Verlegerin für heute, morgen und übermorgen.

Die gleiche Ausgabe von Livres Hebdo, in der Googles mögliche Überschreitungen des Urheberrechtes in seinem Bibliotheksprojekt enthüllt werden, enthält auch einen ausführlichen Beitrag über E-Ink, eine beinahe marktreife Technologie zur Herstellung von flexiblen Bildschirmfolien auf der Basis elektronisch steuerbarer kleiner Kügelchen, die schon in den nächsten Jahren millimeterdünne Bildschirme ermöglichen wird, die man einrollen wie auch bei Sonnenlicht gut lesen kann, und dies bei minimalem Stromverbrauch.

Viel wichtiger aber als die Technologie erscheint aber, dass es gute Gründe dafür gibt, warum diese neuen Vertriebswege in Japan, China, Taiwan oder Korea sehr rasch einen enormen Markt finden können - ähnlich der Revolution bei Mobiltelefonen in Ländern, die manche Etappe der Festnetz-Kommunikation schlicht übersprangen, bevor sie dann innerhalb kurzer Zeitspannen, doch mit enormer Wucht auch unsere Kultur und Gesellschaft durchdringen und prägen.

Der - anfangs fast ausschließlich von der Sorge ums Urheberrecht ausgelöste - Streit um Googles Digitalisierung von Büchern wirkte bei manchen jedoch auch hierzulande wie ein Weckruf, dass die digitale Zukunft selbst in der Welt der Bücher nun zur Gegenwart geworden ist.

So entstanden in Windeseile die viel publizierten Gegenprojekte zu Google print, etwa der französische Appell zu einem nun deutsch-französischen europäischen Buch- und Such-Projekt namens Quaero (Wikipedia), für das hohe Ziele benannt, aber bislang nur unklare Finanzierungen abgesteckt worden sind, und die passende Internet-Adresse längst vergeben ist und ausgerechnet auf ein Marketingunternehmen verweist. Es gibt zudem ein ambitioniertes Verlagsprojekt, das in Deutschland Matthias Ulmer über den Börsenverein angestoßen hat, und es gibt ein vom Konzept her verwandtes Vorhaben bei Holtzbrinck, wo man zwar den Verband nicht brüskieren will, aber doch auch auf die konzerneigene - die Grenzen eines nationalen Verbandes weit überschreitenden - Perspektiven und Ressourcen verweist.

Vor allem aber gibt es die weltweiten User, für die das Internet zunehmend der nächstliegende Weg zu Inhalten ist, egal in welchem Medienformat. Google, so Victoria Barnsley von HarperCollins UK, spreche von 28 Millionen Nutzern, die allein in den vergangenen sechs Monaten über Internet-Suche nach Büchern geforscht haben. Viele dieser Nutzer suchen freilich nicht nur nach Büchern, sondern ebenso nach Musik und nach Filmen am Netz - und sind zunehmend auch bereit dafür zu bezahlen. Wie sehr hier die Gewohnheiten in Bewegung geraten sind, zeigen nicht nur verschiedenste Statistiken über die jeweiligen kulturindustriellen Märkte, sondern auch neue Projekte einzelner Akteure.

Bram Cohen, der Erfinder von Bittorrent, also jener Software, über die ein erheblicher Teil des illegalen P2P Austausches von urheberrechtlich geschützten Inhalte abläuft, hat sich im vergangenen Herbst nicht nur mit der Motion Picture Association of America MPAA ausgesöhnt, sondern bereitet seine eigene, kommerzielle Firma zum legalen, kostenpflichtigen Download von Filmen vor (mehr und mehr).

Auch Google lässt immer wieder durchblicken, dass der - letztlich wohl kostenpflichtige - Vertrieb von Inhalten ein wichtiges Element in der Strategie seiner Buch-Projekte sei. Und gleiches gilt für alle anderen Großen ganz ähnlich - von Amazon, das Buchinhalte demnächst seitenweise vertreiben wird, bis zu den klassischen Buchkonzernen wie Holtzbrinck oder Random House/Bertelsmann.

A propos Verlage: Natürlich schmerzt diese der in jüngster Zeit so unübersehbar angewachsene Machtzuwachs des Handels - von Amazon bis Thalia/Douglas - ganz besonders, und Victoria Barnsley spricht nicht nur für das eigene Haus von Harper Collins, wenn sie sagt: "Our unique selling point has to be the linking of content and community." Und solch eine direkte Verbindung zwischen Verlag und Leserschaft hat den charmanten Nebeneffekt, dass der Buchhandel dabei außen vor bleiben kann - und dabei ist es einerlei, ob die Verlage eine digitale Kopie eines Buchs zum Download anbieten, oder ob das neue 'digitale? Buch übers Internet nur vermarktet und bestellt wird, um dann als altmodisches Exemplar aus Druckerschwärze auf Papier in die Post zu gehen.

Kurzum, die Zukunft hat sehr plötzlich eingesetzt. Sie ist hier - und nicht irgendwo schemenhaft im Nebel der Zeit. Was uns hier noch zu tun bleibt ist allein, das Rätsel aufzulösen, wie Thomas Mann, der arme, zu seinem schrecklichen Sprachfehler und zu "Gefammelfe Werfe" kam. Die alte Ausgabe war in Fraktur gedruckt worden. Mit derlei Klippen hatte Google nicht gerechnet. Damit kam die Texterkennung nicht klar - und Korrektur per Hand und Auge von solchen Details ist (vorerst) offenbar nicht vorgesehen im großen Plan. Was nicht zuletzt zeigt, wie sehr die Zukunft derzeit noch ein Wunschkind des Mainstream ist. Für die komplizierten Seiten kultureller Vielfalt gibt es hingegen noch keine ähnlich machtvolle Kraft.
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