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Virtualienmarkt

Eine Karikatur von Kommunikation

Von Rüdiger Wischenbart

20.02.2006. Der Karikaturenstreit zeigt, wie virtuos die modernsten Kommunikationstechniken eingesetzt werden, um die feindliche Abschottung zwischen den Kulturen noch zu verschärfen.

Wer am Sonntagabend, dem 19. Februar 2006, das Wort "Pressefreiheit" in den aktuellen Nachrichten googelt, bekommt, je nach Sortierung, zwei bizarr unterschiedliche Listen von Artikeln ausgewiesen. In der Reihung nach "Relevanz" geht es ohne Umschweife um den Karikaturenstreit, mit Schlagzeilen wie "Karikatur, Islamfeindlichkeit und Pressefreiheit", "EU-Parlament verteidigt Pressefreiheit" oder "Ein Chinese mehr für Pressefreiheit". Wer hingegen nach "Datum" die Meldungen reiht, gelangt unter dem gleichen Stichwort zur "Frankfurter Kritikeraustreibung" - also zum schlichten Ausritt eines Schauspielers bei der Premiere eines Stücks von Eugene Ionesco gegen einen angesehenen Theaterkritiker.

Es ist nicht ganz einfach, die medialen Wirkungen der dänischen Karikaturen unter einer Kategorie "Meinungsfreiheit" zu analysieren, die einerseits unbestritten zu den Kernwerten liberaler, aufgeklärter Zivilisiertheit zählt, und doch auch als Generalkeule in Krisensituationen aller Art ihrer Klarheit beraubt worden ist.

Viele Artikel der letzten Tage räsonieren entlang der Frage, welche Artikulationen zwischen Pressefreiheit, gebotener ethischer Selbstbeschränkung, legitimer religiöser Kränkung und propagandistischer Hetze gerechtfertigt seien, und was jenseits tolerierbarer Grenzen geschehen ist. Dabei verheddern sich manche Argumente in Beschwörungen um ein letztes, oberstes und universelles Recht - für das es in den Gesellschaften des frühen 21. Jahrhunderts jedoch keinerlei Instanz gibt. Ganz im Gegenteil.

Was wir sehen, wenn wir den Streit auch nur ein wenig abstrahieren, ist, wie über nur ein oder zwei Jahrzehnte, ausgerechnet im Prozess der Globalisierung, die Kommunikationen zwischen zwei Teilen der Welt sich aufgelöst haben, während - und dies ist bislang kaum beachtet worden - innerhalb jedem dieser Weltteile eine Kommunikationsrevolution stattgefunden hat. Ich betone: Nicht nur im Westen, sondern natürlich auch innerhalb der islamischen Welt.

Im Oktober 2001, einen Monat nach dem 11. September und wenige Tage nach dem Beginn der Bombardements gegen Al Qaida und Taliban in Afghanistan, ging ich auf der Frankfurter Buchmesse aufmerksam durch die Reihen arabischer Verlagsstände. Kaum ein nicht-arabischer Besucher verirrte sich dorthin. Es gab, selbst zu diesem geschichtsschwangeren Augenblick, keine literarischen Scouts, die nach interessanten Büchern und Autoren zur Belebung der Kommunikation mit den arabischen Kulturen gesucht hätten.

Das Versäumnis ist nicht einseitig. Seither gibt es autoritative UN-Analysen, erstellt mit erheblicher arabischer Beteiligung, die beklagen, wie abgeschottet vom geistigen Leben des Westens, von seinem technischen Knowhow und wie sehr in sich selbst kreisend die islamische Welt verharrt.

Die Kommunikation zwischen der islamischen Nation und dem Westen wusste sich indessen, wenn es um fundamentale Signale ging, der massenmedialen Kanäle sehr wohl zu bedienen, und dies von beiden Seiten.

Im ersten Irakkrieg, ein Jahrzehnt vor dem 11. September, konkurrierten erstmals die Live-TV-Aufnahmen von Bombardierungen mit den Fernsehbildern von auf ihren Hütten tanzenden Palästinensern im Gazastreifen über irrlichternde irakische Raketeneinschläge in Israel.

Doch wo damals, vor anderthalb Jahrzehnten, die Flaggenkommunikation noch - mit welch ungleichen Mitteln auch immer - aufeinander gerichtet war, haben sich seit 2001 diese Sphären weitgehend voneinander gelöst. Allerdings geschah dies unter Einsatz der jeweils neuesten kommunikationstechnischen Mittel. Integrierte Kommunikationsstrategien werden von allen Seiten souverän aufeinander abgestimmt: Satellitentelefon, multimediales Internet, Satelliten-TV und globale Informationsnetzwerke, Videobotschaften nach zentralem Predigtmodus wie auch unterstützende oder oppositionelle Internet-Blogs - und allenfalls auch diplomatische wie terroristische Kurierdienste. Das ganze Repertoire ist heute für alle beteiligten Gruppen des "Clash of Civilisations" State of the Art. Die Politik des Terrors, jene des War Against Terrorism und die großen Akteure der (nicht-staatlichen) Weltwirtschaft nutzen sehr ähnliche Systeme, Methoden und Strategien der Kommunikation.

Der Karikaturenstreit markiert dennoch eine Zäsur. Lange Zeit hindurch waren die Kommunikationen aller Seiten irgendwie aufeinander bezogen. Die Palästinenser winkten von ihren Dächern im Gaza Streifen 1991 in die Kameras von CNN - also ins Wohnzimmer Amerikas.

Die islamischen Empörungen, Propaganda und Kontroversen vom Februar 2006 richten sich indessen primär an eigene Zielgruppen. Und sie nutzen einen explosiven Mix aus alten (von der Hasspredigt bis zum staatlichen terrestrischen Monopolrundfunk) bis zu modernsten Kommunikationstechnologien (von Websites und SMS bis zum Abblocken unerwünschter Einmischungen von außen durch avancierte Filter-Technologien).

Ich kann von Europa aus im einzelnen weder die Wirkungen dieser vielen Kommunikationsmittel und -ebenen realistisch einschätzen. Noch kann ich auch nur erahnen, wie weit jene in manchen westlichen Medienberichten erwähnten oppositionellen Stimmen, von ägyptischen Bloggern bis zu Immigranten der zweiten und dritten Generation in Europa oder den USA, sich an die eigene oder die westliche Community wenden, oder ob sie ebenso heillos wie ratlos dazwischen stehen.

Fakt ist, dass der Faden dazwischen gerissen ist.

Das eine ist die Feststellung der Eskalation, in den einprägsamen Worten von Maureen Dowd, der Kolumnistin der New York Times: "Früher brauchte es einen Einmarsch der israelischen Armee, um die arabische Welt in Aufruhr zu versetzen. Heute reichen dänische Cartoons. (zitiert nach Spiegel online).

Das andere zeigt erst ein grundsätzlicher Blick auf die Misere.

Clifford Geertz, der amerikanische Anthropologe (mehr hier), hat um die Mitte der neunziger Jahre, vor dem Hintergrund von "failed states" in Afrika und jugoslawischen Sezessionskriegen in Europa gefragt, was Kultur sein könne, "wenn es keinen Konsens" gibt.

Geertz schrieb: "Wenigstens für die unmittelbare Zukunft, und wahrscheinlich noch für einige Zeit danach, dürften wir zum Leben in einem Zustand verurteilt sein, den irgend jemand, vielleicht eingedenk jugoslawischer Waffenruhen, irischer Feuerpausen, afrikanischer Rettungsaktionen und nahöstlicher Verhandlungen, low-intensity peace genannt hat. Nun ist das nicht gerade die Umgebung, in der der Liberalismus gemeinhin gedeiht. Aber es ist die Umgebung, in der er sich zurechtfinden wird müssen, wenn er fortbestehen will, wenn er Einfluss ausüben und das erhalten will, was mir als sein innerstes und tiefstes Bekenntnis erscheint: die moralische Pflicht zu hoffen." (Clifford Geertz - "Welt in Stücken", Wien, Passagen 1996.)

Der Zerfall eines solchen Konsenses gilt, nur ein Jahrzehnt nach Geertz? Essay, nicht nur für die Kultur, sondern womöglich zwischen den Zivilisationen. Was bedeutet dies für die Kommunikation zwischen dänischen Karikaturen und islamischer Massenproteste (wobei es erst einmal egal ist, ob oder wie diese organisiert worden sind)?

Ob dänische Karikaturen rechtens sind, ist letzten Endes nach dänischen beziehungsweise europäischem Recht vor Gericht zu entscheiden, nicht nach der Scharia. Die strenge rechtsstaatliche Überprüfung von Hasspredigern ebenso, so wie auch die politische Forderung nach freien Informationsnetzen in islamischen Staaten - die KSZE/OSCE hat aus sowjetischer Zeit Erfahrungen in solchen Belangen. Diese sind robuster als Sonntagsreden über die Meinungsfreiheit im deutschen Sonntagsfeuilleton.

Ein großer - wünschenswerter - Dialog über religiöse Toleranz und Meinungsfreiheit muss, am Ende des Tages, ebenfalls europäisches Recht werden können, also im Einklang stehen mit der europäischen Deklaration der Menschenrechte, und nicht in Komplizenschaft mit nicht näher gefassten Meinungen einer islamischen Straße.

Die Kommunikationstechnologien funktionieren dann - und entgegen dem Bruch der meinungsbildenden Autoritäten - ausgleichend, mit der Kraft einiger Millionen Emails pro Tag allein zwischen der Europäischen Union und der islamischen Welt, mit viel Streit, aber am Ende in Beförderung eines ?"ow intensity peace".

Wir sollten uns rasch von der Vorstellung verabschieden, dass dieser Konflikt "asymmetrisch" sei - also zwischen einem dominanten Goliath Westen und einem armen David irgendwo anders. Wer auch nur ein wenig von asiatischen Kampftechniken versteht, ist mit dem Prinzip gut vertraut, dass der Angegriffene die scheinbare Übermacht des Angreifers zu seinen Gunsten nutzen kann. Die integrierbaren technischen Kommunikationstechnologien stellen sich als die eigentliche Abschreckungswaffe der "Armen" heraus, denn allein das millionenfach projizierte Bild von "uns, den Armen" macht diese kaum noch angreifbar.

Die Antworten - des Westens wie auch des liberalen Islam, um eine kurze, neutrale Formel zu gebrauchen - können deshalb nur sein, auf allen möglichen Ebenen "die moralische Pflicht zu hoffen" zu kommunizieren, dies jedoch nicht wehleidig, gar beleidigt, sondern durchaus selbstbewusst

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