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Virtualienmarkt

Kleine Verschiebung, große Dynamik

Von Rüdiger Wischenbart

20.12.2010. Wer eBooks kaufen will, auf den wartet das Chaos - und nicht nur in preislicher Hinsicht. Wer eBooks verkaufen will, hat es aber ebenfalls nicht leicht. Rundgang über einen schwer durchschaubaren Markt.

Natürlich ist die Suche nach eBooks noch ziemlich mühsam, zu unberechenbar ist das Angebot, zu willkürlich, was von Verlagen digital zum sofortigen Download angeboten wird, und was nicht. Und die Wirrungen enden nicht mit der erfolgreichen Suche. Die fangen mit dem Fund erst so richtig an.

Das Auffälligste ist gewiss, wie durchgängig hier, auch bei deutschen Angeboten, plötzlich über den Preis geworben wird. "Jetzt kaufen. Print Ausgabe 31,00 Euro - durchgestrichen. eBook 26,99. Sie sparen 5,01. Sofort lieferbar (Download)". Darunter wartet schon der "Warenkorb".

Das Beispiel ist bei Libri.de gezogen, dem mit Abstand wichtigsten Großhändler in Deutschland, der gerade auch bei eBooks mit Abstand das breiteste Angebot hat. Libri, bis vor kurzem eine dem Lesepublikum kaum bekannte graue Service-Nummer, ist geradezu zur Nabelschnur des deutschsprachigen Buchhandels geworden, gedruckt wie nun auch digital.

Fünf Euro Abzug für digital contra gedruckt, das ist schon mehr als ein halbes Taschenbuch Differenz. Aber der Rabatt ist keine durchgängige Regel. Daniel Kehlmanns letztes, viel beachtetes Buch "Ruhm" kostet zum Download 8,99 Euro, als gedrucktes Taschenbuch indessen ein paar Groschen weniger, nämlich 8,95.

Natürlich mag beim Verleger, der angesichts der Buchpreisbindung in Deutschland den Preis festsetzt, der unterschiedliche Mehrwertsteuersatz eine Rolle gespielt haben. Absurderweise werden nämlich gedruckte Bücher als Kulturgüter über den reduzierten Satz von nur 7 Prozent gestützt, während der Leser für die digitale Kopie des selben Werks nur eine "Lizenz" erwirbt, und da ist der volle Satz von 19 Prozent fällig. (In Frankreich hat sich das Parlament übrigens, nach langen Wehen, eben zur Korrektur durchgerungen - wirksam allerdings erst ab 2012.)

Vollends verrückt wird es bei Starksellern vom Kaliber eines Ken Follett, dessen neuester "Sturz der Titanen" digital für 19,99, gedruckt für 28,00 sowie im englischen Original für 10,49 Dollar (7,97 Euro) zu haben ist.

Natürlich kann mir jetzt jeder Buchhandels-Azubi ab dem zweiten Lehrjahr die Unterschiede zwischen gebundener und Taschenbuchausgabe vorrechnen sowie auf den Wert einer Neuerscheinung und die Übersetzungskosten verweisen.
Das Problem ist nur, dass beim eBook viele dieser Unterschiede aus der Perspektive der Leser kaum nachzuvollziehen sind. Denn es gibt im Digitalen keine Differenz zwischen "gebundener Ausgabe" und "Taschenbuch".

Das Dilemma ist nicht ganz neu. Erst vor wenigen Jahren haben erst die Süddeutsche Zeitung mit ihrer Bibliothek, und dann fast alle Printmedien, die auf sich und ihre Leserbindung was hielten, vorgehüpft wie sich auch mit Volksausgaben für 4,99 Geld verdienen lässt, wenn man nur gute Auflagenhöhen bei hart kalkulierten Kosten anpeilt. Mit dem eBook radikalisiert sich der Prozess nun, denn bei den Kosten lässt sich hier erheblich drehen, und spätestens mit dem Wegfall der Differenz bei der Mehrwertsteuer wird das auch hierzulande noch einmal kräftig schlagend werden.

Aber viel wichtiger erscheint mir, dass sich die Leser (und Käufer) sehr rasch daran gewöhnen werden, wie vielfältig diese neuen digitalen Lesewelten sind.

Nicht nur das Angebot an Titeln wird sich innerhalb kürzester Zeit explosionsartig vermehren. Google hat jetzt schon mal 3 Millionen Titel bereitgestellt. Amazon wird Anfang 2011 wohl, nach langem Pokern mit den Verlagen um Preis und Preisbindung, auch in Deutschland die mächtige Kindle-Maschinerie anwerfen. Und wer ein Lesegerät besitzt, wird erst einmal zugeschüttet mit Gratis-Angeboten, und das umfasst nicht nur Karl Marx, das Kamasutra und, aus geheimnisvollen kulturellen Verwerfungen heraus, stets auch die ebenso großartige wie modern lesbare "Kunst des Kriegs" von Sun Zi, sondern auch die gesamte Klassik ("Wollte ich ohnedies schon immer mal nachlesen?").

Neben dem Angebot vervielfältigen sich überdies auch die Bezugskanäle. Wo es bislang ein ebenso weitgehend geschlossenes wie überschaubares Feld aus "Sortimentsbuchhandel plus Amazon" gab, sind nun bei den Anbietern, neben Google, iTunes, der Tanke von nebenan oder dem Baumarkt, keine Grenzen mehr gesetzt.

Zum Dritten stehen auch eine Flut neuer Titelangebote ins Haus, von außerhalb der traditionellen Verlagswelt organisiert und verstärkt durch "Von-Ohr-zu-Leser" Flüstermedien, also Facebook plus Blogs plus Buchhändlerinnenempfehlungen, alles miteinander verdrahtet und durchsuchbar gemacht mittels Twitter.

Kurzum, auch ohne Katastrophenszenarien auszumalen ist es nur allzu plausibel, dass den wohl sortierten Buchlandschaften, zwischen ungewohnten Preis-Schlachten, neuen Vertriebskanälen und neuen Nischenangeboten in sehr absehbaren Zeiträumen ein wenig Bewegungsraum abhandenkommt - und dies gerade nicht, weil weniger gelesen, sondern weil die Welt vielfältiger wie auch turbulenter wird.

Wie aber sieht der deutsche Buchmarkt aus, wenn innerhalb von, sagen wir sehr vorsichtig: drei Jahren zehn oder zwölf Prozent an Umsätzen verloren gehen, und gleichzeitig die Gestaltungsmacht der traditionellen Akteure schmäler wird?

Die paar Großen - Verlagsgruppen, Handelsketten wie auch Autoren - werden sich auf die neuen Wege als zusätzliche Optionen erst einmal gut einstellen können, umso mehr als sie schon aus den Erfahrungen in den USA am besten werden lernen können. Sie sind auch jetzt schon digital am besten präsent. Die eingangs in Augenschein genommenen Beispiele waren nicht ganz zufällig gewählt, sondern spiegeln, ex negativo, welche Autoren und Titel nicht verfügbar sind. In meiner persönlichen Suche nach Lesestoff für die Feiertage etwa Mircea Cartaresu, oder von Paulus Hochgatterer die Titel, die keine Krimis sind, oder Jachym Topol.

Kurzum, selbst erst einmal ganz kleine Verschiebungen via eBook und thematisch verwandte Dynamiken werden rasch sehr erhebliche Wirkungen entfalten und in einem ohnedies schon angestrengten Umfeld für heftige Turbulenzen sorgen. Darüber sollte nachgedacht, gestritten und vorbereitend gehandelt werden. Einzelne Verstöße gegen Urheberrecht oder Preisbindung, ja selbst Piraterie oder das viel geschmähte, beinahe schon vergessene "Google Settlement" sind dagegen alte Hüte, oder bestenfalls - erinnert sich noch jemand daran? - "Peanuts"!

Rüdiger Wischenbart

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