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Virtualienmarkt
Ebooks unterm Weihnachtsbaum
Von Rüdiger Wischenbart
09.12.2010. Der Markt für digitale Bücher ist immer noch chaotisch. Und er kompliziert sich, weil zwischen Buchhandel, Antiquariaten und Bibliotheken kaum mehr zu unterscheiden ist. Der Google Bookstore bietet drei Millionen Titel!
"Schatz, legst Du schon mal die eBooks unter den Weihnachtsbaum?" Der Satz wird diesmal noch nicht ganz so häufig ins Wohnzimmer gerufen werden, aber es wird ihn geben. Er wird sich diesmal noch eher auf kleine Kartonschächtelchen mit den Lesegeräten darin beziehen, denn die Bücher selbst, jeweils gerade mal eine kleine elektronische Datei, in ein paar Sekunden aus dem Netz geladen, benötigen keine Verpackung, sondern nur ein Preisschild - zum Beispiel für einen Weihnachtsgutschein.
Aber das Preisschild wird verwirrend sein und vielen aus der Branche erhebliches Kopfzerbrechen bereiten. Und das hat erst einmal gar nichts mit den festen Buchpreisen zu tun, sondern mit der neuen digitalen Welt.
Wer etwa beim Großhändler Libri auf nach einem der absoluten Jahreshits, "Eat, Pray, Love" von Elisabeth George sucht, einem perfekten Buch für den Gabentisch, wird unter der harmlos klingenden Hinweiszeile "Entdecken Sie mehr" auf eine kleine Liste verwiesen, auf der nicht weniger als zehn verschiedene Ausgaben für diesen einen Titel verzeichnet sind, mit Preisen zwischen 6,20 Euro (für eine englischsprachige Taschenbuchausgabe) bis 26,90 Euro (für die englische Hörbuchfassung). Dazwischen liegen das deutsche Hörbuch für 24,90 Euro, die deutsche gebundene Ausgabe um 19 Euro sowie zum sofortigen Download ein deutschsprachiges eBook mit der Ausgabe zum Film für 9,99 Euro.
So manch anderes zurzeit beliebte Geschenkbuch gibt es zum Download auf English zu einem Bruchteil der ausschließlich auf Papier verfügbaren deutschen Übersetzung. So kaufte ich mir unlängst Sofi Oksanens beeindruckenden Roman "Purge" für 9,95 Dollar von Grove Atlantic, USA, weil es die deutsche Übersetzung "Fegefeuer" bei Kiepenheuer & Witsch nicht digital gab, sondern nur auf Papier für 19,95 Euro. Ob ich nun ein auf Finnisch geschriebenes Buch, das in Estland und in der untergegangenen Sowjetunion spielt, in der einen oder der anderen Übersetzung lese, macht keinen so großen Unterschied.
Auch bei viel diskutierten Romanen wie Jonathan Franzens "Freedom" dürfte es zunehmend verlockend sein, sich gleich das Original runter zu laden (für 17,29 Dollar bei Kobobooks), statt die stattlichen 736 Seiten auf Papier für 25,70 Euro nach Hause zu tragen.
Der Versuch herauszufinden, ob es auch die deutsche Übersetzung als eBook gibt, scheitert auf der Website des Rowohlt Verlages daran, dass es keine klare Fehlermeldung gibt, sondern den vielleicht etwas willkürlich anmutenden Verweis auf "Dr. Ankowitschs Kleinen Seelenklempner", den der Verlag neuerdings endlich auch digital anbietet.
Wenigstens zwei fundamentale Dinge sind im Zeichen der digitalen Bücher radikal neu zu verstehen: Das Angebot an Büchern richtet sich nicht entlang der Grenzen aus, die der Buchhandel im eigenen Land gerade für angemessen hält. Vielmehr konkurriert jede einzelne Ausgabe direkt - über nur einen Mausklick - mit allen anderen, in allen Sprachen erschienenen Ausgaben eines Buchs. Das beschränkt sich nicht allein auf eBooks, sondern gilt längst auch für Papierbücher, wie Leser, Verlage und Buchhändler in Ländern wie den Niederlanden, Schweden, aber auch Slowenien oder Rumänien längst herausgefunden haben. Ein erfahrener Freund und Verleger aus Slowenien, Miha Kovac, sieht jetzt schon einen ganz normalen Zug zur Zweisprachigkeit beim gebildeten Lesepublikum, das locker und entspannt zwischen der Muttersprache und dem englischen Angebot hin und her wechselt.
Zum anderen explodiert das Angebot verfügbarer Titel nach allen Richtungen. Google hat nun den Auftakt für sein eigenes digitales Buchvertriebsprogramm "Google eBookstore" (zuvor unter dem Titel "Google Editions angekündigt) mit der satten Ansage lanciert, dass hier 3 Millionen Bücher zur Auswahl stehen. Die enorme Startzahl resultiert aus den umfangreichen rechtefreien Bibliotheksbeständen, die Google seit Jahren einscannt. Für die Leser (und den Buchhandel) aber bedeutet dies, dass mit einem Schlag eine Buchhandlung den (Internet-) Marktplatz betritt, die gleich auch eine der größten Bibliotheken mitbringt, für die Konsumenten großteils auch noch zum Nulltarif.
Aus bislang einigermaßen fein säuberlich getrennten Bereichen, also Buchhandel, Antiquariate und Bibliotheken, ist mit einem Schlag ein ebenso großes wie erst einmal ziemlich verwirrendes Spielfeld geworden. Ein denkwürdiges Weihnachtsfest!
Rüdiger Wischenbart
Archiv: Virtualienmarkt
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