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Im Kino

Zweimal als Farce

Von Thomas Groh, Nikolaus Perneczky

06.03.2013. Pablo Larraíns "No" erzählt davon, wie ein Werbefachmann das Pinochet-Regime zu Fall brachte und leistet dabei historische Rekonstruktionsarbeit an der filmischen Oberfläche. In Sam Raimis Klassiker-Wiederaufnahme "Die fantastische Welt von Oz" fängt man sich derweil Digital-Diabetes ein.

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Mit "No" beschließt Pablo Larraín seine lose Trilogie zur Geschichte der Ära Pinochet auf einer vermeintlich heiteren Note. Zumal in Vergleich zum ersten Teil, dem sehr düsteren Serienmörderfilm "Tony Manero" von 2008, der staatliche mit psychischer Repression engführt, erscheint "No" beinahe harmlos. Die dunkle Skurrilität von "Tony Manero" ist einer lichten Albernheit gewichen, die nur widerwillig, dann aber umso nachdrücklicher Ernst macht. (Den zweiten Teil der Trilogie, "Post Mortem", habe ich nicht gesehen.)

In den ersten Einstellungen deutet sich eine Wahlverwandtschaft mit der britischen Fernsehserie "The Thick of It" an. An die Stelle der Einpeitscher und Spindoktoren des englischen Parlamentarismus tritt der Werbefachmann René Saavedra (Gael García Bernal), der sich Ende der 1980er Jahre für eine demokratische Öffnung Chiles einsetzt. Das klingt zwar ehrbarer als die im schieren Selbsterhalt sich erschöpfende Agenda des Stabs von "The Thick of It"; schnell und ohne Rücksichten auf politische Ideale bzw. höfliche Umgangsformen gesprochen wird da wie dort. Auch in der erratischen, dem hektischen Betrieb angemessenen Fahrigkeit der Kamera kommen die Serie und der Film überein: Hinterzimmerpolitik als Taktieren ohne klare Strategie, in einem Dickicht ohne Überblick.

Renés Aufgabe ist es, ein unter internationalem Druck von Pinochets Regierung ins Leben gerufenes Plebiszit über die Alleinherrschaft des Generalissimo zugunsten der Opposition zu entscheiden. Mittel zum Zweck sind Werbeeinschaltungen, die dem Mehrparteienbündnis aus Sozialisten, Christdemokraten und anderen von der chilenischen Militärjunta im Vorfeld der Abstimmung zugestanden werden. Das Motto der Werbekampagne ist auch der Titel des Films: "No". Larraíns Film basiert auf einem Theaterstück von Antonio Skármeta, leistet zugleich aber akribische historische Rekonstruktionsarbeit vor allem an der filmischen Oberfläche, die wie kontaminiert ist von einer Achtzigerjahre-Prosumer-Videoästhetik. Der verwaschene und an den Konturen farblich ausblutende Film sieht auf überzeugende Weise aus wie die historisch verbürgte Werbekampagne und teilt mit dieser auch das Fernsehformat 4:3. Für die Szenen, worin die Dreharbeiten zu den fünfzehnminütigen Clips nachgestellt werden, hat Larraín zudem dieselben Schauspieler und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gecastet, die schon damals darin zu sehen waren. Ein formidabler Verfremdungseffekt: In den echten Werbespots begegnen wir ihrem zwanzig Jahre jüngeren Selbst.

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Ein wenig retro-schwelgerisch muten diese Einfälle im Ergebnis bisweilen schon an, was ihrer präzisen weltenbildnerischen Funktion aber keinen Abbruch tut: Weil sich die historischen Archivaufnahmen nahtlos ins Bild fügen, gibt es in "No" kein Außen der medial vermittelten Welt mehr. Aber keine Angst, diese mediale Immanenz zielt nicht auf irgendwelche Simulationstheorien, sondern auf eine andere Art von Welt- bzw. Geschichtsverlust. René ist weder Held noch Mitläufer. Immer wieder wird er sagen, dass er die politische Situation nicht vollkommen durchschaut. Aber dass Pinochets Schergen im Laufe der Jahre tausende Oppositionelle folterten oder verschwinden haben lassen, das weiß er. Die bleierne Zeit, die auf ihm und seinen Landesgenossen lastet, als solche wahrzunehmen, dazu fehlt ihm jener Überblick, den "No" uns auf allen Ebenen versagt. Wie die meisten Menschen die meiste Zeit, ist auch René so sehr Teil der falschen Welt, in der er lebt, ist er so vollkommen von ihrer scheinbar ahistorischen Tatsachenförmigkeit durchdrungen, dass eine andere Welt sich vorzustellen große, gar unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet.

Auf dieses Unvermögen spielt ein running gag des Films an, der am Anfang, in der Mitte und am Ende von "No" vorkommt. Jedes Mal sehen wir René beim Pitch eines in Arbeit befindlichen Werbeclips, erst für eine chilenische Cola, dann gegen Pinochet, und schließlich für eine offensichtlich unterirdische Telenovela - die erste des demokratischen Chile. In allen drei Fällen, die zugleich unterschiedliche Zustände der chilenischen Gesellschaft - von der Diktatur über das Aufbegehren bis zur Normalisierung - markieren, ist Renés Pitch derselbe, bis hin zum Wortlaut: "First of all, I'd like to say that what you're about to see fits with the current social context. We believe the country is ready for communication like this. Remember, the citizens have increased demands about the truth, and what they want. Let's be honest: Today, Chile is thinking of its future."

Wenn wir ehrlich sind, bedeutet uns Larraín hier, dann ist genau das Gegenteil wahr: Wir haben keine Ahnung, welche Formen unsere Zukunft annehmen wird - mit einer Ausnahme: der Warenform. Das ist nicht besonders subtil. Nach dem historischen Bildmaterial zu urteilen, an dem "No" sich abarbeitet, war es dies aber auch in Wirklichkeit nicht. Larraín unterminiert das Marx'sche Diktum von der Wiederholungsstruktur der Geschichte: "No" wiederholt als Farce, was immer schon eine war.

Nikolaus Perneczky

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Wir erinnern uns: Der Zauberer von Oz aus dem gleichnamigen Technicolor-Hollywood-Klassiker (respektive dem Kinderbuchklassiker von L. Frank Baum) war ein Scharlatan, ein Mann des faulen Budenzaubers, der hinter Vorhängen für den maximalen Effekt an Drehrädchen kurbelte, auf Knöpfchen drückte und sich von avancierter Technik sein an sich recht umgängliches Stimmchen böse aufblasen ließ. Der neueste "Oz"-Film - bereits in den 80ern drehte Disney eine Art Sequel, an das sich heute allenfalls von dessen düsterer Atmosphäre traumatisierte Kinder erinnern - erzählt nun die Vorgeschichte: wie der Scharlatan wider Willen zum Helden wurde, im Grunde seines Herzens aber Scharlatan blieb.

Der Beginn erfolgt stilecht in Schwarzweiß mit leichtem Sepia-Stich und im (zumal für einen 3D-Film) beengten 4:3. Wie im "Zauberer von Oz" ist Kansas bildästhetisch als Residuum einer Unzeitgemäßheit gekennzeichnet, zu dem die (auch hier nur im fürchterlichsten Sturm betretbare) Zauberwelt von Oz einen bonbonfarbenen Gegenentwurf bildet - allein aus Technicolor ward Digitaleffekt im Breitbildformat. Der Zirkus-Illusionist Oscar Diggs (James Franco) flüchtet sich vor allerlei Ärger in einen Ballon und gerät in jenen Zaubersturm, der die hiesige von der fantastischen Domäne trennt: In Oz angekommen, gesellt sich ihm nicht nur ein leicht deppertes Pixel-Affenvieh zur Seite, sondern er gerät auch zwischen die Fronten eines Kriegs jener Hexen, die sich schon im "Zauberer von Oz" nicht leiden konnten. Und folgt man einer Prophezeiung, so handelt es sich in seinem Fall um den großen Zauberer, der da einst kommen und die kleinen Munchkins von ihrem Joch befreien soll.

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Dass es sich bei "Die fantastische Welt von Oz" um ein eher zynisches Projekt handelt, liegt einigermaßen auf der Hand: Der so überragende wie überraschende Erfolg von Tim Burtons "Alice im Wunderland" aus dem Jahr 2010 dürfte bei Disney Begehrlichkeiten ausgelöst haben, den Fundus nach weiteren quirlig in Szene setzbaren Fantasiewelten abzuklopfen. Burton-Stammkomponist Danny Elfman konnte zudem verpflichtet werden, sodass der Film bereits im Vorspann klar die Richtung weist: We're not in Kansas anymore, this is Burton County. Ganz ähnlich wie im zugemüllten "Alice im Wunderland" fängt man sich auch in "Die fantastische Welt von Oz" an den überzuckerten Bildern im Nu Digital-Diabetes ein. Hinzu kommt, dass Regisseur Sam Raimi - dessen Verdienste um den Splatter- und den Superheldenfilm unbestritten sind - als guter Erzähler bislang wahrlich noch nicht in Erscheinung getreten ist. "Die fantastische Welt von Oz" manövriert sich ungelenk bis plump durch fad konstruierte Konfliktlinien: Hier also die gute, dort dann auch die böse Hexe, drüben die Munchkins - beim Blechmann und der Vogelscheuche, ist das alles wurscht.

Charmant geraten immerhin die Volten des Zauberers gegen die böse Hexe: Die große Dialektik der Technikgeschichte, die gerade an jener Kippstelle zwischen 19. und 20. Jahrhundert, an der sie im Zusammenspiel der Wissenschaften zutiefst rational die Welt zergliedert, in Form des Kinos zumindest einen magischen Abglanz rettet und das Zauberhafte in die fast haptische Konkretion holt, gipfelt hier in der Pointe, dass ein Verbund aus Laterna Magica, früher Tontechnik und Proto-Fernsehliveübertragung den bösen Hexen endgültig das Fürchten lehrt. Indessen, man wird von diesem Scharlatan-Kino selbst betrogen: Der Qualm, auf dem James Francos Antlitz ins Monströse projiziert wird, stammt allein aus überhitzten Chips, die Laterna Magica wird um ihr Recht gebracht.

Thomas Groh

No - Chile 2012 - Regie:
Pablo Larraín - Darsteller: Gael Garcia Bernal, Alfredo Castro, Antonia Zegers, Luis Gnecco, Marcial Tagle, Nestor Cantillana - Laufzeit: 118 min.

Die fantastische Welt von Oz - USA 2013 - Originaltitel: Oz the Great and Powerful - Regie: Sam Raimi - Darsteller: James Franco, Mila Kunis, Rachel Weisz, Michelle Williams, Zach Braff, Bill Cobbs, Joey King - Laufzeit: 130 min.

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