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Im Kino

Gründlich auf die Zwölf

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Thomas Groh
27.02.2013. Nick Loves Polizeifilm "The Crime" ist verliebt in die kraftmeierischen Posen seines bulligen Protagonisten. Mel Gibsons Karriere ist derweil, wenn man Adrian Grunbergs Actionkomödie "Get the Gringo" zum Maßstab nehmen kann, im Untotenstadium angekommen.


"The Sweeney" ist die Londoner Polizeieinheit fürs Grobe, ein Überfallkommando. Wenn sie zum Zugriff auf den Mob ansetzt, kommt keiner ohne Blessuren davon, am allerwenigsten die Tatverdächtigen: Fäuste, Baseballschläger sausen durch die Luft. Ein Schlägertrupp, bei dem - in Aktion mit dem Gegner - nicht mehr unterscheidbar ist, wer es wie mit Recht und Gesetz hält: Ein Überfall durch ein anderes Verbrechersyndikat sähe kaum anders aus. An der Spitze der Einheit steht der alte, bullige Jack Regan (Ray Winstone), der mit an der Grenze zur Unverständlichkeit gebrummten Satzfetzen, seiner wuchtig physischen Präsenz (einmal aalt er sich dickbewampt auf der Couch, beim Sex ist er animalisch gierig, bei den körperlichen Auseinandersetzungen so knorpelig rüstig wie agil) und der schwarzen Lederjacke selbst aussieht, wie das, was man in Mafiamob-Kreisen "muscle" nennt: Der Mann, der die Straße frei fegt.

"The Crime" (wie man den englischen Originaltitel "The Sweeney" blödsinnigerweise "eingedeutscht" hat) berührt damit einen zentralen Kino-Topos: Wenn Jack Regan in stählern blauen Bildern einen skrupellosen Überfall auf einen Juwelier ermittelt, der Kreise bis hin zur serbischen Mafia zieht und sich zur persönlichen Vendetta auswächst, nachdem Jacks Kollegin und Geliebte Nany Lewis (Hayley Atwell) zu Tode gekommen ist, denkt man an "Dirty Harry", "French Connection" und an die Serie "The Shield".  In der Tat ist Regisseur Nick Loves zentraler Stichwortgeber die britische Kultserie "The Sweeney" aus den 70ern, die hier ins Kino transferiert wird.



Das Problem dabei: Love will es nicht recht gelingen, dem Motiv des "Bad Cop" neue Facetten abzugewinnen. "The Crime" ist deutlich verliebt in die rüpeligen, kraftmeierischen Posen des Schlägers mit Polizeimarke, bleibt dabei aber aufgewärmte Kolportage. Auf dem Soundtrack wummern laute, pathetische Schläge und ein metallisches Pizzicato - beides Mittel zur Dramatisierung , die mit Hans Zimmers musikalischer Untermalung der letzten beiden Batman-Filme klangikonischen Charakter gewonnen haben und Loves Film damit eindeutig überformen: "The Crime" beansprucht mit diesen Allusionen ein episches Pathos, das der eher für einen kleiner, urbanen Thriller geeignete Stoff, trotz ähnlicher Motive wie in den Batman-Filmen - Selbstjustiz, Vigilantentum - eigentlich kaum hergibt. Immerhin teilt sich Love mit Nolans Superheldenfilmen, dass die Actionszenen teilweise sehr verschnitten und räumlich wenig plausibel sind.

Im Gegensatz zum Beispiel zu den Filmen von Alan Clarke, der um 1980 einen neuen, harten Sozialrealismus in die britische Filmlandschaft brachte, mangelt es "The Crime" schlicht an Welthaltigkeit. Nick Love, der sich auf Cops und Hooligans spezialisiert hat und lose in der Clarke'schen Tradition steht, möchte ebenfalls von einer Brutalisierungswelle im britischen Leben berichten. "The Crime" behauptet indessen eine Verbindlichkeit, die sich nicht einlöst: Seine narrative Struktur wechselt zwischen plot-erläuternden und Draufhau-Sequenzen. Man ahnt, dass erstere allein zur Legitimation letzterer dienen. Dieser dicke Jack Regan ist ein flaches Abziehbild.

Thomas Groh

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Im Jahr 2013 hat Mel Gibson, scheint es, seine Karriere trotz aller Anstrengungen, antisemitischer Tiraden und Morddrohungen noch nicht ganz gegen die Wand fahren können. Momentan scheint sie im Untotenstadium der mittleren Budgetgrößen und limited releases festzuhängen: Da bewegt sich zwar noch etwas, aber es riecht bereits komisch. Seinen letzten Film, Jodie Fosters "The Beaver", konnte man, wenn man denn wollte, noch als Therapieversuch lesen: Gibson streifte sich eine plüschige Handpuppe über und geriet in eine versöhnlerisch perspektivierte Familiengeschichte. Im neuen Film streift er sich eine Clownsmaske über den Kopf, zumindest in der ersten Szene. Da enden die Parallelen aber auch schon.

Mit "Get the Gringo" besinnt sich Gibson auf alte Tugenden: Es gibt vor allem gründlich eine auf die Zwölf. Die Clownsmaske trägt er wegen eines Raubüberfalls, nach dessen erfolgreichem Abschluss er versucht, mit der Beute aus den Vereinigten Staaten zu fliehen. Die Flucht gelingt, dennoch landet er im mexikanischen Knast. Dort, zwischen ohrenbetäubenden Mariachi-Klängen, bösartigen Gangland-Halsabschneidern, auch für Gringos verfügbaren Drogenkriegs-Witwen und deren pfiffigen Kindern, richtet sich der Film eine Weile lang häuslich ein.



"Get the Gringo", von Regieneuling Adrian Grunberg einigermaßen kompetent inszeniert, ist nicht völlig misslungen (Gibson-Fans werden ihren Spaß an der Sache haben, vermute ich mal), aber durchaus ein wenig anstrengend in seiner braven Durcharbeitung längst geläufiger post-Tarantino-Genre-Coolness. Vor allem, weil Gibsons ewig halbironischer Oldschool-Machismo, der ihn schon in seinen Hochzeiten zu einem eher handzahmen Actionhelden hatte werden lassen (von einigen wenigen, mutigeren Ausnahmefilmen wie "Tequila Sunrise" abgesehen), diesmal noch unterfüttert wird von seinem eigenen penetranten Voice-Over-Kommentar. Die Gibson-Stimme distanziert einen nicht nur noch ein wenig weiter vom bunten, hektischen Treiben auf der Leinwand, sie erzählt einem außerdem immer wieder genau das, was man ohnehin sieht.

Und was man sieht, das ist vor allem: Dreck, Schmutz, Bäh. Der mexikanische Knast ist ohnehin ein "shithole", klar. Doch wenn gleich die erste Einstellung des Films einen urinierenden Hund zeigt, kann man auf den Gedanken kommen: Da steckt mehr dahinter. Später einmal ist die Kamera im Inneren einer Toilettenschüssel positioniert. Mel Gibson ist in seiner Kloakenphase angekommen. Nächste Ausfahrt: Direct to video.

Lukas Foerster


The Crime - GB 2012 - Originaltitel: The Sweeney - Regie: Nick Love - Darsteller: Ray Winstone, Ben Drew, Hayley Atwell, Steven Mackintosh, Paul Anderson, Alan Ford - Laufzeit: 112 min.

Get the Gringo - USA 2012 - Regie: Adrian Grunberg - Darsteller: Mel Gibson, Daniel Giménez Cacho, Jesús Ochoa, Kevin Hernandez, Dolores Heredia, Peter Gerety - Laufzeit: 96 min.

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