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Fallende Blätter

Der Verrat am Leser

Von Burkhard Müller
21.09.2003. Das Feuilleton schreibt nur noch für eine inzestuöse Öffentlichkeit: die Kollegen. Wer jedoch ohne Kenntnis des Milieus für seine Lektüre die Kosten eines Zeitungskaufs auf sich genommen hat, wird in vielen Fällen gar nicht verstehen, worum es im Einzelnen geht. Das ist Verrat am Leser.
Vor einigen Wochen, mitten im Sommerloch, erhielt ich, als freier Mitarbeiter im Feuilleton einer großen deutschen Zeitung, ungefähr um zehn Uhr früh einen Anruf: ob ich nicht für den nächsten Tag einen Artikel schreiben wollte, Thema: die Macht der Alten. Natürlich wollte ich. Bis 16 Uhr sollte er fertig sein. Ich hatte über das Thema noch nie im Zusammenhang nachgedacht. Dennoch lieferte ich bis 16 Uhr etwas ab.

Ich glaube, die Fallstricke eines solchen Auftrags sind deutlich zu sehen. Es war eine ehrenvolle Herausforderung, aber auch eine, die an einen gewissen Spieltrieb appellierte. Die Hauptregel des Spiels lautet: Mach was aus dem, was Du hast und weißt, und wenn das nicht viel ist, improvisiere. "Bricolage" nennen das die Ethnologen und Mythenforscher. Höchstes Ziel unter solchen Arbeitsbedingungen muss es sein, einigermaßen elegant die Kurve zu kratzen. Verschiedenes Anderes, was ein unbefangener Leser von einem solchen Meinungsartikel vielleicht erwarten würde, musste auf der Strecke bleiben: die profunde soziologische Kenntnis, die gründliche Analyse und vor allem: der Ernst, der die Wahrheit will und sonst nichts. Ich habe in diesem Artikel nichts wissentlich Falsches geschrieben; aber es war doch die gute Figur unter den erschwerten Bedingungen mein sozusagen sportliches Hauptanliegen.

So, denke ich, geht es im Feuilleton generell zu. Der Wirtschaftsjournalist versteht etwas von der Wirtschaft, der Autojournalist was von den Autos. Wovon versteht der Feuilletonist etwas? Der Intellektuelle (und als einen solchen muss man den Feuilletonisten doch wohl ansprechen), sei, heißt es, der Spezialist fürs Allgemeine. Das ist eine ehrende Definition, und ich wäre stolz, sie auf mich beziehen zu dürfen. Sie verdeckt allerdings gewisse Schwächen seiner Voraussetzungen und seiner Verfahrensweise. Seit das Feuilleton sich nicht mehr als Sparte begreift, wie eben Auto und Wirtschaft es sind, nicht mehr als Kulturberichterstattung; sondern als umgreifendes Medium der Weltmeinung, als den Teil der Zeitung, der alle deren andere Teile sozusagen einhüllt und überwölbt: fällt das methodisch Zweifelhafte an ihm doch sehr ins Auge. Was das Feuilleton tut, besonders auf seiner ersten Seite, läuft häufig auf eine Verdoppelung des Leitartikels mit unzulänglichen Mitteln hinaus, auf eine Art Echo. Nun hat gewiss auch der Leitartikel seine fragwürdigen Seiten. Aber er ist doch in gewisser Weise durch die vorgegebene politische Form seines Denkens verankert. Im Feuilleton jedoch bewirkt das nicht Vorgegebene der Form und sogar der Thematik eine Luftigkeit des Diskurses, die einerseits zu einer unkontrollierten Willkür der angezettelten Debatten, andererseits zu Ratlosigkeit und manchmal selbst Leichtsinn vor den wirklichen Aktualitäten führt.

Für das Zweite stellt der Irak-Krieg das gegenwärtige Exempel schlechthin dar. Seit einem Jahr beherrscht er, in seinen drei Phasen der Anbahnung, Durchführung und Folgenbewältigung das globale Blickfeld. Jedem ist das Maß seiner Bedeutung klar, der unmittelbaren wie der als Präzedenzfall. Warum hat das Feuilleton darauf nicht angemessen reagieren können? Und wenn ich sage, es habe nicht angemessen reagiert, dann meine ich keineswegs, dass nicht zahlreiche intelligente Ansichten zu ihm vorgetragen worden wären. Aber das ist für das Gesamtbild fast gleichgültig. Die Tatsache bleibt, dass von den Verfassern der Begleit-Artikel jeder jeden Tag neu ansetzen muss; dass es nichts gemeinsam Erarbeitetes gibt, auf das aufgebaut werden könnte, keinen Stand der Diskussion. Um hier etwas zu schaffen, hätte das Feuilleton entweder einem energischen Einzelnen, der weiß was er will und es sagen kann, den nötigen Raum zu geben (wie ihn etwa George Orwell während des Zweiten Weltkriegs mit seiner Kolumne "As I see it" in der "Tribune" hatte), oder seine Beiträger müssten in irgendeiner Form eine Gruppe bilden. Diese Gruppe bräuchte gar keiner bestimmten Linie zu folgen; die Minimalanforderung an sie wäre bloß, dass sie sich einig wären, worüber es sich zu streiten lohnt. So aber bleibt jeder Individualvirtuose auf sich gestellt. Der eine grübelt über das Völkerrecht nach, der andere über Analogien der Pax Americana zur Pax Romana, jeder bringt sein eigenes Schatzkästlein von Lieblingsassoziationen, Metaphern mit begrenzter Reichweite und Bildungsbruchstücken herbei. "Wie schon Polybius erkannte-", und am nächsten Tag Saddam Hussein als neuer Kyffhäuser (den Artikel kenne ich genau, der war von mir). Fragen werden nicht in ein Bezugsfeld und eine Reihenfolge gebracht, sondern wirr durcheinander vorgetragen, grundsätzlich die zweite vor der ersten; also nie: Was ist hier los?, die sich meistens präzisieren lässt zu: Wer hat woran Interesse?, sondern immer gleich: Was sollte man tun?, am liebsten: Was sollten wir tun?, dieses klebrige Personalnomen, das sich wie kein anderes Wort der deutschen Sprache eignet, jede klare Besinnung im Keim zu ersticken. Moralisten und Realpolitiker laufen sich gegenseitig zwischen den Füßen herum, ohne sich je auf eine gemeinsame Grundlage zu verständigen, auf der sie sich auch nur fruchtbringend attackieren könnten.

Als Beispiel für das Erste, den feuilletonistischen Willkürakt, erinnere ich an die Walser-Debatte von vorigem Jahr. Das Buch, um das es ging, lag dem Publikum gar nicht vor; wer über ein derartiges Gebilde überhaupt in einer Zeitung spricht, verletzt die Schamgrenze, die zwischen Kritik und dem bloßen Tratsch gezogen ist, nämlich die zwischen öffentlich und privat. Durch einen Publicity-Trick wurde das Manuskript arbiträr zum Stein des Anstoßes gemacht, und es gab ein Hickhack, bei dem absolut nichts herauskam, was ein interessierter Zeitgenosse als Zugewinn an Einsicht und gesellschaftlicher Bewusstheit hätte buchen können. Die "Debatte" blieb in jener vollkommenen Unfreiheit gefangen, die immer noch bewirkt, dass derjenige, der als Erster "Antisemitismus!" ruft, der Handlungsmächtige bleibt, der allen Anderen die Bewegungslinien vorgibt. Zu besichtigen war die Unmöglichkeit, aus einer falschen Frage die richtige zum Vorschein zu bringen. Und hätte es selbst Einer getan, seine Stimme wäre im Chor untergegangen, ehe sie noch als Misston hätte geächtet werden können.

In zehn Minuten bleibt kein Platz für ausgewogene Differenzierungen, und so sage ich einfach: Das Feuilleton konstituiert sich und operiert im Raum einer defekten Öffentlichkeit. Die isolierte Beliebigkeit, mit der die Meinungen und selbst die Themen da stehen und als schief zueinander verlaufende Vektoren sich gegenseitig zu plus minus Null aufheben, ist deren einer Aspekt: es hat keine klare Vorstellung, wozu geschrieben wird, was es durch den täglichen Akt der Füllung eines vorgegebenen Rahmens eigentlich erreichen will. (Ich betone noch einmal, das betrifft nicht die Qualität des einzelnen Artikels, sondern die Gesamtheit dieses Rahmens: Er zuletzt bestimmt, was jeder Artikel in ihm wert ist.)

Innig damit verschränkt sich der andere Aspekt: Das Feuilleton weiß nicht, oder es gibt sich keine Rechenschaft darüber, für wen eigentlich es schreibt. Man sollte meinen, für eine Gemeinde von doch einigen Zehn- oder sogar Hunderttausend Menschen, die es jeden Tag oder gelegentlich in die Hand nehmen. Aber wer genauer hinsieht und sich nur ein bisschen auskennt, wird feststellen, dass die regulierende Größe, die kritische Instanz, an der die Produzenten ihr Produkt faktisch messen, in einer sehr viel intimeren, um nicht zu sagen inzestuösen Öffentlichkeit besteht: der Schar der Kollegen. Sie sind greif- und vorstellbar, der eigentliche Leser ist es nicht. Auf ihren Beifall ist es abgesehen, auf ihre Tücken muss reagiert werden, was sie gehabt haben, müssen wir auch bringen. Wer ohne Kenntnis des Milieus für seine Lektüre die Kosten eines Zeitungskaufs auf sich genommen hat, wird in vielen Fällen gar nicht verstehen, worum es im Einzelnen geht. Er erlebt die Mitwirkenden sozusagen nur mit dem Oberkörper über der Tischplatte und sieht nicht, wie sie sich darunter gegenseitig ans Schienbein treten; darum wird es ihm oft schwer, ihren physiognomischen Ausdruck zu deuten. Das Feuilleton ist auf eine ungesunde Weise zwie-codiert: Es transportiert, nicht in jedem einzelnen Text, aber doch als Institution zwei verschiedene Botschaften, eine offene, die Erörterung eines bestimmten Themas, und darunter eine zweite, eingekapselte, die welches Thema auch immer als Anlass für etwa ganz Anderes verwendet. Wo der naive Leser einen sachlichen Ernst am Werk glaubt, ist in Wahrheit ein Spiel im Gange. Am ehesten wird er dessen noch bei den Überschriften inne: Deren ungute Leichtigkeit, die sich vom Gehalt der Stücke so gleichgültig abkehrt und mit ihren gewendeten und gebrochenen Zitaten immer dieselben paar Bälle herumschiebt, lässt das Spielhafte des Ganzen auch dem Außenstehenden erahnbar werden. Ich habe einmal, bei einer anderen Gelegenheit, die Überschriften der führenden deutschen Feuilletons nur einer einzigen Woche zusammengestellt - das brauche ich hier nicht zu wiederholen, Sie alle kennen diesen Typus der sterilen Geistreichelei.

Mit all dem meine ich nicht, dass es unter Feuilletonisten keinerlei Zunftgeist geben sollte, der ihrer Tätigkeit einen Maßstab setzt und die eigene Ehre von der Achtung der Kollegen abhängig macht. Jedes Handwerk braucht ihn. Auch eine Klempnerinnung funktioniert auf diese Weise, und das ist gut so, denn nur so wird ein Standard der Klempnerei gewahrt; der Kunde kann sich einigermaßen sicher sein, dass ein Rohr, das repariert wurde, hinterher nicht mehr tropft. Aber bei den im Feuilleton Tätigen gibt es, so scheint mir, keine völlige Einigkeit, wer der Kunde ist und was überhaupt ein Rohr wäre; sie sind, statt mit diesen zwei grundlegenden Außengrößen, vorzugsweise mit einem abstrakten Begriff des Zünftigen beschäftigt; sie befinden sich in Gefahr, zu Geisterklempnern zu werden.

Das Feuilleton hat in den letzten Jahren nach Anspruch und Umfang stark expandiert und ist jüngst in eine Krise geraten, die sich zunächst als eine ökonomische darbietet; man muss sie jedoch ebenso als verzögerte Folge eines unterstrukturierten Zuwachses begreifen. Keineswegs sollte das Feuilleton sich aus lauter Katzenjammer kleinmütig auf sein altes Kerngeschäft, die Besprechung von Premieren und Neuerscheinungen und höchstens noch ein bisschen Kulturpolitik, zurückziehen. Auch ich schreibe ja fürs Feuilleton und empfinde die neuen Möglichkeiten, die sich bieten, als Gewinn, den man nicht aufgeben darf. Es sollte Zähne zeigen. Dies aber setzt voraus, dass es nachdenkt, für wen es eigentlich da ist. Es sollte dem kollegialen Spiel etwas wie den Ernst der Zeitgenossenschaft entgegenzustellen haben. Was ihm nottut, ist die Phantasie, sich seine Öffentlichkeit als Raum, als Zweck und als Publikum zu imaginieren.
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