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Fallende Blätter

Der Feuilletonkongress in Halle: Ein Fazit

Von Thierry Chervel, Anja Seeliger
21.09.2003. Die Krise des deutschen Feuilletons ist nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine inhaltliche. Das zeigte die Reaktion der Leser am letzten Tag. Ein Fazit der Konferenz in Halle.
Am Ende hat's dann doch mal geknallt. Eine Studentengruppe der Universität Chemnitz, deren Vortrag vor einer müden Versammlung am Samstagnachmittag recht ungünstig platziert war, hatte den deutschen Feuilletons in einem messerscharf ziselierten Papier ein "waffenstarrendes Vielleicht", eine durch Zynismus verbrämte Standpunktlosigkeit, einen Hang zur von Außenstehenden kaum noch nachvollziehbaren Selbstinszenierung vorgeworfen. Wie in den Debatten zuvor versuchten die hohen Herrn, meist Ex-FAZler an den Schaltstellen der Feuilletons von Zeit und SZ, und FAZler aus der FAZ, die Kritik an sich abtropfen zu lassen, aber diesmal gelang es nicht. Der Schriftsteller Georg Klein fuhr dazwischen und erhielt Unterstützung von einem Publikum aus weniger zentralen Feuilletons und Interessierten, die einfach als Zuhörer gekommen waren.

Nicht dass zuvor nicht auch schon Selbstkritik geäußert worden war. Lothar Müller von der SZ hatte in einem freundlich-differenzierten Beitrag einen ebenfalls recht harten Befund vorgestellt: Freunde, so warf er in die Runde, wir haben Aufmacher über die Tour de France, aber wir haben keine Aufmacher über den gegenwärtigen Stand der Schauspielkunst in Deutschland oder über die Loslösung der Fotografie von chemischen Prozessen und deren Auswirkung auf die fotografische Ästhetik. Kulturvergessen sind unsere Feuilletons: Wo bleibt der Gegenstand?

Die Zerknirschung der Anwesenden hielt sich in Grenzen. Allzu sehr sonnte man sich noch immer im Glanz der eigenen Bedeutung, der akademischen Würden und spitzen Formulierungen: Man ist im Amt, ein weiterer Beweis dafür, dass an sich alles gut und richtig ist. So würdigte man die Bedeutung des politischen, des wissenschaftlichen, des geisteswissenschaftlichen Feuilletons, die Verdienste um neue Themenfelder und um gesellschaftliche Debatten wie die Bioethik. Nur momentweise erinnerte man sich wie an einen halb vergessenen Schmerz, dass man in der Krise ist und diese Krise vielleicht nicht nur der ökonomischen Misere geschuldet ist.

Darüber, dass eine gewisse Unverbindlichkeit herrscht, eine von außen nicht recht glaubhafte Zuständigkeit des Feuilletons für alles und jedes, war man sich halbwegs einig. Nicht dass das politische Feuilleton abgeschafft werden soll. Patrick Bahners von der FAZ verteidigte gar ein Recht auf Rechthaberei, aber ein allzu krampfhafter "Reaktionszwang" - so Ursula März von der FR - sollte künftig wohl unterbleiben.

Laut dem Soziologen Heinz Bude ist es mit dem Kairos ohnehin vorbei. Er schildert die Zeit des politischen Feuilletons - von der Historikerdebatte über Stasi- und Walser-Bubis-Streit - als eine Zeit der günstigen Gelegenheit, die dann auch beim Schopfe ergriffen worden war, und zwar - geben wir es doch zu: von Frank Schirrmacher, denn diese Konferenz war auch eine Konferenz über einen allzu häufig ungenannten großen Abwesenden. Aber die Zeit des politischen Feuilletons ist für Bude vorbei. Und was bleibt? "Nüscht", rief Jens Jessen von der Zeit, der zugleich seinen "Hass, Abscheu, Ekel" für die Bundesrepublik bekannte.

Viele Fragen, die auf die Konferenz gehört hätten, wurden leider nicht gestellt: Wie ist das Verhältnis zu den anderen Ressorts, gar zu den Chefredaktionen? Wie positioniert sich ein Ressort, das kein Geld bringt, aber viel Geld kostet, in einer ökonomischen Krise? Wie ist das Verhältnis zur ebenfalls in der Krise befindlichen Kultur- und Buchindustrie? Man vermied es, allzu konkret zu werden. Politische Redakteure oder Abgesandte des Geschäftsführungen der Zeitungen waren leider nicht geladen.

Johan Schloemann von der Werbeagentur Scholz & Friends, der die Versammelten höflich bat, doch auch mal ein kleines bisschen ans Publikum zu denken, warf man die falsche Verwendung eines Aristoteles-Zitats vor. Anschließend wurde sein Vorschlage von Zeit-Literaturchef Ulrich Greiner auch inhaltlich abgeschmettert: Ans Publikum denken, damit assoziieren die traumatisierten Feuilletonredakteure gerade in der Zeit knallige Layoutreformen, Vergrößerung des Druckbilds, kurze Info-Elemente. Auf die Idee, dass es darum gehen könnte, den Duktus und Inhalt der Artikel selbst in Frage zu stellen, kam aber nur das Publikum, die Studenten der Uni Chemnitz etwa oder die Kulturministerin Weiss, die in einem Grußwort eine größere Lesbarkeit eingefordert hatte.

Als Fazit ließe sich vielleicht festhalten, dass ein Weg aus der Orientierungslosigkeit und immer stärker empfundenen Irrelevanz der Feuilletons über die Rückkehr zum ästhetischen Gegenstand führen könnte, allerdings keinesfalls in Form eines routinegrauen Rezensionsfeuilletons. In Artikeln wie den von Lothar Müller vorgeschlagenen, in Porträts und Hintergrundartikeln - gar in Recherchen, einer in den Feuilletons bisher verschmähten Praxis - könnte man sich ihm schüchtern wieder annähern. Politisch wird das Feuilleton bleiben, allerdings muss es sich, wie Burkhard Müller von der SZ eindringlich forderte, davon lösen, die Öffentlichkeit als seine Privatangelegenheit zu betrachten: Er sprach von den Feuilletons als "defekter Öffentlichkeit", weil sie die Debatten immer nur selbst inszenieren wollen, ohne explizit aufeinander Bezug zu nehmen. Ein Gespräch kommt so nicht zustande. Daniela Langer von der Uni Kiel brachte es später mit ihrer Frage auf den Punkt: Auf welche Leser zielt eigentlich ein Feuilleton, das nicht einmal Akademiker verstehen?

Ob sich jetzt etwas ändert? Die Reaktionen auf das Papier der Studenten machten wenig Hoffnung. Sie hatten anhand zweier Artikel aus FAZ und SZ (der eine von Niklas Maak, der andere von Karl Bruckmaier) ganz konkret aufgezeigt, woran es ihrer Ansicht nach hapert: Der Artikel von Niklas Maak etwa war in der Zeitung präsentiert als Besprechung von Francois Ozons Film "Der Swimmingpool". Darum ging es gerade mal einen Absatz lang. Danach räsonierte Maak über die Bedeutung von Swimmingpools im Besonderen und Allgemeinen. Dieses Segeln unter falscher Flagge, der fast schon üblich gewordene Betrug am Leser, dem Unterzeile oder ein Foto versprechen, es gehe um einen Film, während es in Wirklichkeit um nichts geht, fanden die Studenten unseriös. Artikel, die ihrem Gegenstand weniger Bedeutung beimessen als der Schreibe des Autors, nannten sie zynisch. Die Antworten der eloquenten Kritikerschar, die Georg Klein mit einem Wutausbruch geradezu erzwingen musste, waren jämmerlich. Stephan Speicher entgegnete entschuldigend, es sei ein sehr schwieriger Film gewesen. Da könne eine Kritik auch mal daneben gehen. Gustav Seibt fand den Vorwurf des Zynismus langweilig. Und später am Bahnhof erklärte ein Journalist, die Ansicht von Leuten, die zugeben, nicht täglich die Feuilletons zu lesen, interessiere ihn nicht. Auf die Idee, dass sein Job davon abhängen könnte, dass diese jungen Leute von sporadischen zu regelmäßigen Feuilletonlesern werden, kam er nicht.


Eine Übersicht mit allen Artikeln und Vorträgen im Perlentaucher zur Konferenz über die Zeitungskrise in Halle finden Sie hier.
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