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Essay

In hoc signo vinces!

Von Daniele Dell'Agli

03.08.2011. Die nach Utoeya kursierende Kritik an "Islamkritikern" verdrängt den gefährlichsten Aspekt an Breiviks Tat: Sie ist selbst infiziert vom Gift, das sie bekämpft

Viele Texte berühmter Autoren sind in das Sammelsurium des Anders Breivik eingegangen, doch von seinen Lieblingslektüren (Hobbes, Locke, Burke, Mill und andere) führt kein Weg zum Massenmord. Das Verstörende am Phänomen des norwegischen Attentäters ist gerade das missing link zwischen dem intellektuellen Aufwand und der entsetzlichen Tat. Das Böse aber verlangt ultimativ Erklärungen, und diese werden wie immer unbefriedigend bleiben. Das in solchen Fällen reflexartig bemühte Argument vom geistigen Inkubationsmilieu einer Tat führt sich selbst ad absurdum, da es nicht zu erklären vermag, wieso nur einer zur Tat schreitet und zigtausend andere, die genauso "ticken", nicht. Auch die psychiatrischen Gutachter werden sich an einem harten Kern kontingenter Grausamkeit die Zähne ausbeißen, für den Konstrukte wie "paranoide Soziopathie" dann herhalten müssen. Einen Hinweis kann man aus der Sichtung des Materials indes doch gewinnen, doch der wird niemandem gefallen. Er sei auf einem kleinen Umweg dennoch mitgeteilt.   

Mit einem an der Bild-Zeitung geschulten Instinkt für die günstigste Gelegenheit, Stimmung gegen unliebsame Andersdenkende zu machen, versuchen nun die vermeintlich abwägenden Kritiker der vermeintlich hetzenden Islamkritiker diese, namentlich und stellvertretend Henryk M. Broder, durch Zitatnachweise mit dem Massaker in Norwegen in Verbindung zu bringen. Sie tun dies wider besseres Wissen, denn sie unterschlagen dabei bewusst (und nicht zum ersten Mal) die entscheidende Frage, in wessen Namen jeweils kritisiert wird. Es ist ein Unterschied ums Ganze, ob Rechtspopulisten den Islam bekämpfen, um eine davon gar nicht so verschiedene Version des christlichen Abendlandes zu reanimieren, oder ob der kritische Impuls von politisch liberalen, säkular-skeptischen Intellektuellen ausgeht, die jede Form religiöser oder sonstwie ideologischer Einmischung in Fragen des Lebensstils, der Weltanschauung, der pädagogischen und medizinischen Kultur und somit auch in Fragen der Ethik ablehnen.

Dass es anlässlich prominenter Islamkritik hin und wieder zu paradoxen Allianzen kommt, wenn etwa ausgerechnet ein dissidenter Muslim und Begründer des Institute for the Secularisation of the Islamic Society wie Ibn Warraq einem Geert Wilders publizistische Rückendeckung geben muss [so in der Welt vom 14.3.2010], steht nicht in Widerspruch zu der Abgrenzung der beiden Positionen, sondern offenbart lediglich die ganze Misere einer sich mit Diskurstabus kastrierenden öffentlichen Meinung. Wenn man sich diese Konstellation vergegenwärtigt, ahnt man, dass es in der neuerlichen Diffamierungskampagne um weit mehr als um die Marginalisierung von Islamkritikern geht. Im Fahrwasser eines politisch korrekten Multikulturalismus wittern immer mehr Konservative die Chance, jede Form von Religionskritik zu desavouieren.

Das Verlogene an der ursprünglich linksalternativen Utopie des (von Breivik obsessiv gegeißelten) Multikulturalismus war von Anfang an die unterschiedslose, also gerade nicht differenzierende Anerkennung von Andersartigkeit und Fremdheit als solche, wobei Anerkennung sich nie aufs Formalrechtliche beschränkte, sondern immer inhaltlich bestimmt war als kritiklose Feier des Fremden und Unbekannten - Hauptsache nicht deutsch, am besten auch nicht europäisch. Aus dieser Voraussetzung ergab sich unter dem Deckmantel des tolerant klingenden "Multikulturalismus" eine Verpflichtung zum Omnikulturalismus, die selbst totalitäre Züge trägt, weil sie jede Freiheit der Wahl und der Differenzierung untersagt. Jemanden, der habituell alles "gut findet", was irgendwie anders daherkommt, als "Gutmensch" zu bezeichnen, war und ist daher keine Verhöhnung philanthropischer Neigungen, sondern die spöttisch-treffende Charakterisierung einer Allüre der Selbstgerechtigkeit, deren Inhaber aufgehört hat, sich seines kritischen Verstandes zu bedienen. Umgekehrt muss jemand, der multikulturell bekennt, etwa die japanische Kultur zu bewundern, gewisse archaische Züge der islamischen Kultur jedoch zu verabscheuen, nach wie vor damit rechnen, an den Pranger des Rassismus gestellt zu werden, ganz gleich wie schlüssig er seine Differenzierung vorträgt.


Genau diesen ehemals linksalternativen Pranger benutzt mittlerweile eine Ökumene aus Retropatriarchen, Krisenseelsorgern und Generalstäben der industriellen Reservearmee, um ihrem Unbehagen an der Auflösung traditioneller Strukturen wie Familie, Geschlechterrollen, Firmen- und Betriebszugehörigkeit, politische und last not least religiöse Bindungen eine unverdächtige Plattform zu verleihen. Nur so ist der scheinbar paradoxe Schulterschluss von christlichen Würdenträgern und weiten Teilen des konservativen Establishments in Politik, Wirtschaft und Medien zur Akzeptanzsicherung islamischer Gepflogenheiten in Deutschland und in Europa zu verstehen. Aus der Mitte dieser Gesellschaft und nicht aus den Reihen neohumanistischer Religionskritiker aber kommt der norwegische Attentäter, daran lässt die Stoßrichtung seiner Pläne für ein anderes Europa ebenso wenig einen Zweifel wie der doch erstaunliche - und in den Reaktionen auf das Massaker erstaunlich schnell verdrängte - Umstand, dass er sich nicht eine Moschee beim Freitagsgebet, sondern Regierungsgebäude und ein sozialdemokratisches Jugendcamp als Ziel ausgesucht hat.

Insofern verschleiert seine ostentative Beschwörung der Gefahren, die vom Islam ausgehen, sowohl die soziale Konfiguration seiner Ansichten als auch die Affinität seiner Motive mit dem Kritisierten selbst: Bekämpft wird mit dem Islam nicht ein Weltanschauungsgegner, sondern der mächtigste Konkurrent des Katholizismus um die autoritäre Orientierung zurück in die Prämoderne. Die Versatzstücke seiner "Conservative Revolution" hätte Breivik genauso gut aus Schriften Moeller van den Brucks, Carl Schmitts oder Armin Mohlers kompilieren können.

Insofern kommt die Entwarnung, der norwegische Attentäter sei kein Angehöriger einer christlich-fundamentalistischen Sekte - wie beispielsweise die Verantwortlichen für den Bombenanschlag in Oklahoma City 1995 - etwas verfrüht. Abgesehen davon, dass ihm die evangelikalischen Massenmörder als direktes Vorbild dienten, lässt er an seiner christlichen Gesinnung keinen Zweifel: "I fully support" - heißt es in der "Christian Justification of the Struggle" (S. 1405) - "that the Church gains more or less monopoly on religion in Europe (government policies, school curriculum etc. at least) in addition to granting the Church several concessions which have been taken from them the last decades." Das Ziel der Mission - die Säuberung Europas von Moslems, "Kulturmarxisten", Multikulturalisten und "staatszersetzenden Liberalisten" - fügt sich nur zu gut in die Tradition der Militia Christi; sein Selbstverständnis als Kreuzzügler und Märtyrer (er hatte durchaus damit gerechnet, von "Systemschützern" getötet zu werden) lässt keinen Spielraum für abwiegelnde Konnotationen des Typs "Fanatische Fantasy" [so in der FAZ vom 26.07.]. Man könnte des weiteren daran erinnern, dass die ersten Massenmorde im Namen der Religion von Moses befohlen wurden (lesenswert hierzu das instruktive Gespräch mit Jan Assmann in Lettre 92, Auszug) und dass eine Rhetorik kriegerischer Gewalt die Bibel ebenso wie den Koran durchzieht (vom "Waffenarsenal der Heiligen Schrift" hat Gerd Lüdemann unlängst einige Kostproben gegeben und vorgeschlagen, endlich über Maßnahmen zu ihrer Ächtung nachzudenken [so in der Berliner Zeitung vom 28. Juli]. Mindestens genauso wichtig scheint mir noch ein anderer Aspekt zu sein, der notorisch übersehen wird.

Ein Zitat hat der fleißige Kompilator verfälscht und zwar ausgerechnet jenes, das er an exponiertester Stelle platzierte, um es als erste und einzige Nachricht von seinem Twitter-Account unmittelbar vor dem Massaker zu versenden: "One person with a belief is equal to the force of 100.000 who have only interests." Als Urheber dieses Spruchs wird John Stuart Mill angegeben. Der englische Philosoph und Nationalökonom war ein Vordenker des modernen Liberalismus, sein Name verbindet sich mit einem emphatischen Begriff individueller Freiheiten im Dienste dezidiert diesseitigen Glücksstrebens. Er stritt für das Humboldtsche Bildungsideal, für Meinungsfreiheit und, was weniger bekannt ist, als einer der ersten für die Gleichstellung der Geschlechter.

Im ersten Kapitel seines Essays Considerations On Representative Government (1861) findet sich die Stelle: "One person with a belief is a social power equal to ninety-nine who have only interests?. Das vergleichsweise bescheidene Äquivalent dürfte den Dimensionen des englischen Parlaments angepasst sein, wo es Mill unter anderem 1865 gelingen sollte, kraft seines Einsatzes ein Drittel der Abgeordneten für das Frauenwahlrecht zu gewinnen. Während "belief" hier im Sinn von "fester Überzeugung" verwendet wird und im Kontext einer utilitaristisch verstandenen social power noch keine religiöse Selbstermächtigung zum Massenmord hergibt, verweist Mill zwei Sätze weiter auf die besondere Kraft religiösen Glaubens, ohne sie näher zu bewerten.

Wenn der twitternde Terrorist die Vergleichsgröße um den Faktor 1000 multipliziert, so dürfte er genau die Differenz zwischen politischem Engagement und religiösem Eifer, zwischen korrigierbaren Überzeugungen und unbedingtem Glauben, zwischen sozial verträglichem und gemeingefährlichem Charisma markiert haben. Er erinnert daran, dass ausnahmslos alle Religionsstifter, Führer und Massenmörder Megalopathen gewesen sind. Der Wille, andere zu manipulieren, um die eigene Vision zu verwirklichen, tritt als autohypnotisch induzierter Größenwahn in die soziale Arena, um auserwählte Befehlsempfänger glaubwürdig mit dem Glauben zu infizieren, Berge versetzen zu können (Mt. 21, 18-22).

Wem es an Charisma für solche Übertragung mangelt, der muss - im Bewusstseinsrausch, 100.000 andere aufzuwiegen - wohl oder übel selbst zur Waffe greifen. Von einem kaltäugigen Heringsgesicht hätte sich schließlich niemand verführen lassen; auch standen Breivik nicht wie Osama Bin Laden Legionen bereits von Kindesbeinen für den Märtyrertod präparierte "Jünger" zur Verfügung. Insofern kann man sich nur wundern, mit welcher Ahnungslosigkeit in westlichen Gesellschaften Metaphern wie die vom Berge versetzenden Glauben, die beim Anschlag auf die Twin-Towers ihre realgeschichtliche Wirkungsmacht unter Beweis gestellt haben, weiterhin kursieren. Immerhin handelt es sich bei dieser unheimlichen Dimension des Religiösen um das gefährlichste Aufputschmittel, das die Menschheit kennt. Offensichtlich ist man immer noch nicht bereit, die Lektionen der Geschichte zu lernen. Auch Olof Palme ist Opfer seiner maßlosen Selbstüberschätzung geworden - seines Siegfried-Komplex' sozusagen -, als er meinte, Waffenlobbys und Geheimdienste dieser Welt gegen sich aufbringen und trotzdem ohne Bodyguard herumlaufen zu können. Ein Quäntchen Paranoia hätte ihm wahrscheinlich das Leben gerettet oder zumindest verlängert. In Jugoslawien hat umgekehrt von Anbeginn die Paranoia das Charismatische instrumentalisiert. Sätze wie "Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich" (Mt. 12,30) gehören ins Wörterbuch des Unmenschen. Hitler und Stalin haben so gedacht. Wie lange will man einer breiten öffentlichen Diskussion über das Verhältnis von Charisma und Paranoia - sozusagen als Einstieg in einen langwierigen Entwöhnungsprozess - noch ausweichen? Fest steht  nach dem Blutbad in Oslo nur eins: eine freie und offene Gesellschaft, wie die Norweger sie jetzt herbeisehnen, also eine, die durch ihre Freiheit und Offenheit nicht zugleich die Bedingungen des Terrors reproduziert, wird eine der Skeptiker, Ironiker und der religiösen Indifferentisten sein - oder sie wird nicht sein.  

Daniele Dell'Agli

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