ein wort gibt das andere

Mau empfiehlt Zirkuszelte

Exkurse ins Berliner Geistesleben. Von Elke Schmitter
28.04.2026. Auf der Bühne sitzen an diesem Nachmittag zwei ehemalige Einzelhäftlinge aus Belarus. Sie heißen Maria Kolesnikowa und Maxim Znak. Sie war, vor ihrem Verschwinden in der Frauenstrafkolonie IK-4, für viele "das Gesicht" der belarussischen Opposition. Ein herzförmiges, ein geradezu strahlend herzliches Gesicht, das noch beim Prozess gegen sie, im Herbst 2021, zu leuchten schien vor Zuversicht und moralischer Klarheit. Nun sitzt sie da, weiß geworden unter der jahrelangen Tortur, die Lippen rot, das Lächeln unbegreiflich unverändert. Über das taz-Lab. Und über das Überleben mit Prada.
Etwas Woodstockhaftes eignet dem taz-lab ja von jeher. Wetterglück kommt eigentlich immer hinzu, Musik & Mescalin werden vermisst. Doch Reden, Schlendern, Kaffee trinken; Hören, Schweifen, irgendwas essen; Denken, Sitzen, in die Wolke blinzeln: all das ist verlässlich geboten an diesen Samstagen in Osternähe. Und jedes Jahr wird das Programm größer, das Publikum dichter, diverser, duldsamer. Eine Schlange war so lang, dass man hinten nicht mehr zu sagen wusste, wofür man eigentlich anstand. "Es wird sich schon lohnen", das war die Logik der Mangelwirtschaft, die man aus der sowjetischen Zone kennt (Vladimir Sorokin hat einen sehr lustigen Roman darüber geschrieben) und die in der Überfülle genau so gut passt. Das Dasein als da sein ist jedenfalls lässig erfüllt, insofern hier am Besselplatz in Kreuzberg eine Agora nicht nur beschworen wird, sondern tatsächlich: ist. Mit einem diskursiven Geschehen, das eher nach Euphonie klingt als nach Kakaphonie.

Frühling in der Friedrichstraße. Foto: elke Schmitter

Denn obwohl die Ansichten zur Wehrpflicht und zum Gummibärland Deutschland, zu female Rap und zur atomaren Aufrüstung (und zum Nahostkonflikt sowieso) so weit auseinandergehen, dass sich "die Linke" energisch über sich selber wundert, ergibt die maienhafte Umgebung (gebauschtes Grün in den Lindenkronen, Kinderspiel auf der hier gesperrten Friedrichstraße) in Verbindung mit einer trainierten Erschöpfung (denn man wundert sich schon so viele Jahre) eine Art genügsamer Humanität. "Die Lage wird immer schlechter, die Leute werden immer netter", fasst Irene die Sache treffend zusammen. Ziemlich viele nette Leute aller Altersklassen und Geschlechter, füge ich aus Beobachtung hinzu, tragen die drei-Streifen-Sachen einer Modefirma, der sowohl ihre finstere deutsche Vergangenheit als auch ihre fortgesetzten ausbeuterischen Praktiken bei "der Linken" nicht im Geringsten zu schaden scheinen. Bei jeder Kaffeebohne schlägt das Gewissen. Hier guckt es dreimal straight woanders hin.

Prof. Mirjam Schaub, mit der ich (schon morgens um 10!) über ihr grandioses Buch über Radikalität sprach, plädiert ohnehin für Entspannung, eine "Teilzeit-Radikalität" - die wir Demokraten uns ja leisten können. Und die vielleicht davor bewahrt, irgendwann brüchig zu werden, aus dauerhafter Überanspannung des moralischen Materials, oder auch zynisch, weil - ja, warum wird man eigentlich zynisch, zumal als Privilegierter? Dazu soll es eine Veranstaltung mit Ulf Poschardt geben. Ich war bei Nils C. Kumkar und Steffen Mau, zwei Professoren (Politologie, Soziologie), die mit Jan Feddersen (taz-lab-Generaldirektor in seinem, seufz!, letzten Jahr) darüber sprachen, was es denn nun mit der Spaltung der Gesellschaft auf sich hat. Das kühlend-beruhigende Ergebnis, in der Wirkung einer Brandsalbe vergleichbar: die bundesrepublikanischen Deutschen sind viel weniger polarisiert, als sie meinen. Und sie sind auch progressiver, als sie denken. So sagen es die Daten (Meinungsumfragen) unmissverständlich.

Die "schweigende rechte Mehrheit", die freie Fahrt für blonde Bürger wünscht, welche in ölbeheizten Einfamilienhäusern unter sich bleiben wollen: Fiktion. Doch wie diese Fiktion - die ja wirksam ist, insofern die gegenwärtige Regierung sich nach dieser Mehrheit zu richten scheint - zustande kommt, das lässt sich nicht so ohne weiteres ändern. "Politik macht sich verstehbar durch Konflikte", so Mau, und den größten Effekt machen solche, in denen die Aufregung praktisch folgenlos ist, die aber moralisch "maximal anschlussfähig" sind (ich höre den Porsche aufheulen). Während wirklich schwierige Sachen wie beispielsweise die Wehrpflicht von den Parteien oft nicht angefasst werden, da sie da nichts zu gewinnen haben. Jede Positionierung könnte am Ende zu Wählerverlusten führen. Da müsste die viel zitierte Zivilgesellschaft ran. Mau empfiehlt Zirkuszelte, in denen man diskutiert: Experten von der Verteidigung wie Pazifisten, Dienst tuende Soldaten wie junge mögliche Wehrdienstpflichtige, Betroffene, Erfahrene und mögliche Betroffene. Das würde der Komplexität der Sache gerecht und uns, Sinn jeder Agora, zu reflektierten Bürgern machen. Die aushalten, dass der Nachbar was anderes denkt - oder, obwohl er dasselbe will, zu anderen praktischen Schlüssen kommt.

Worüber man wiederum einig ist, das kann man im Maxim-Gorki-Theater erleben, nur ein paar Mahnmale entfernt: Dort feiert man so etwas wie ein Wunder, in ganz unambiguer Seligkeit. Auf der Bühne sitzen an diesem Nachmittag zwei ehemalige Einzelhäftlinge aus Belarus. Sie heißen Maria Kolesnikowa und Maxim Znak. Sie war, vor ihrem Verschwinden in der Frauenstrafkolonie IK-4, für viele "das Gesicht" der belarussischen Opposition. Ein herzförmiges, ein geradezu strahlend herzliches Gesicht, das noch beim Prozess gegen sie, im Herbst 2021, zu leuchten schien vor Zuversicht und moralischer Klarheit. Nun sitzt sie da, aus einem gewissen Abstand Isabella Rosselini ähnlicher denn je, weiß geworden unter der jahrelangen Tortur, die Lippen rot, das Lächeln unbegreiflich unverändert. Martin Znak ist ihr Anwalt. Er war 1.038 Tage noch mehr verschwunden als Maria Kolesnikowa, insofern man nicht einmal wusste, ob er noch lebt. Mangelernährung und Hunger, das Verbot, am Tage zu sitzen, kein Sonnenlicht über Jahre, keinerlei medizinische Versorgung, psychischer Terror sowieso: das sind so Einzelheiten, welche die beiden eher fürs Protokoll erwähnen. Gewicht messen sie dem bei, was sie hierher gebracht hat: die, manchen ist das lange a darin noch im Ohr, internatio-na-le Solidarität. Briefe, Proteste und Unterschriften, all das, bei dem man immer wieder fragt: hat's Sinn? Ja, es ist neben der Diplomatie das Wichtigste.

Herta Müller sitzt neben den beiden auf dem Podium. Sie ist da, wenn es darauf ankommt. Wenn es um Solidarität geht, mit den Lebenden wie mit dem Andenken an jene, die ihre Diktatoren und Gefängniswärter nicht überlebten. Im Februar war das der Dichter Rolf Bossert, der vor vierzig Jahren in den Tod gesprungen war. "Er war so weit", sagte sie in ihrer Rede auf den Freund in der, kurz Luft holen, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, auch hier in Berlin-Mitte, "er tat es allein. Aber verursacht hat dieses Sterben der rumänische Geheimdienst, durch alles, was er in seinem Leben verwüstet hatte."

An diesem Abend liest Müller aus "Zekamerone", Znaks Geschichten aus dem Gefängnis, die herausgeschmuggelt wurden, bevor der Anwalt und Autor in der Isolationshaft verschwand. Müller liest zum zweiten Mal aus diesem Buch, zum ersten Mal war das im Frühjahr 2023, auf dieser Bühne im Gorki, zu einer Zeit, da Kolesnikowa wie Znak in ihren Einzelzellen standen. Müller liest, wie sie schreibt, luzide, ein wenig kantig, was passt zu diesen hundert Miniaturen, die, wie damals Solschenizyns Aufzeichnungen des Häftlings Denissowitsch, durch äußerste Lakonie eine Art Bannmeile schlagen zwischen drinnen und draußen, zwischen dem Leben in der Haft und dem Lektüreleben.

Müllers durchgehende Präzision nimmt man bei ihren öffentlichen Auftritten zunächst an ihrer Erscheinung wahr, in den entschiedenen Linien, die ihre Frisur ausmachen, ihr Profil, ihre Gesten und ihre Kleidung. Das Nähen und die Mode haben in ihren Leben vielfache Bedeutung. "In die Stadt aufs Gymnasium", sagte sie in ihrer Stockholmer Tischrede zur Verleihung des Nobelpreises, "kam ich nur gegen den Willen meiner Mutter. Sie wollte, dass ich im Dorf Schneiderin werde. Sie wusste, dass ich in der Stadt verdorben werde. Und ich wurde verdorben. Ich fing an, Bücher zu lesen."

Von der Zeit-Journalistin Alice Bota, die durch diesen besonderen Nachmittag so souverän wie anrührend führt, nach ihrer Lektüre in der Haft gefragt, sagt Kolesnikowa: "Der Teufel trägt Prada" war dabei, und "ich habe jedes Wort genossen. Diese Marken, wie man sie trägt, diese Schönheit…" Und sie erzählt von der Uniform, die in der Haft Vorschrift war, "ein schrecklicher Schnitt, und wir Frauen mussten das Haar bedecken" -

"Prada", fällt Müller ein, "bedeutet im Rumänischen das Wort 'Beute'." Nach einer kleinen, sinnierenden Pause fährt sie mit einem Müller-Satz fort, der das Wunderliche dieses Nachmittags der Wunder anmutig zusammenfasst: "Aber das wusste das Wort ja nicht."

Elke Schmitter

taz lab "Jetzt mal Tacheles", Friedrichstraße/Besselplatz; "Zekamerone. Geschichten aus dem Gefängnis", Maxim Gorki Theater; 25. April.