Slade Morrison, Toni Morrison

Die Kinderkiste

(Ab 4 Jahre)
Cover: Die Kinderkiste
Rowohlt Verlag, Reinbek 2000
ISBN 9783499211324
Gebunden, 48 Seiten, 15,29 EUR

Klappentext

Illustrationen von Giselle Potter. Aus dem Amerikanischen von Thomas Piltz. Zusammen mit ihrem Sohn Slade schuf Toni Morrison eine Geschichte über Freiheit und Zwänge. Drei Kinder, voller Lebenslust, Bewegungsdrang und Phantasie, ecken an in der Welt der Erwachsenen. Man sperrt sie in eine große Kiste, deren Tür nur von außen geöffnet werden kann. Doch wer Freiheit sucht, der findet sie ... Das erste Kinderbuch von Toni Morrison.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.05.2001

Ein politisches, ein kritisches Buch über das Leben von Kindern in Wohlstandsgesellschaften nennt der Rezensent das Werk der Nobelpreisträgerin Tony Morrison. Und Jens Thiele weiß, worum es sich bei der Kinderkiste handelt: Die Kinderkiste, schreibt er, das ist der goldene Käfig, vollgestopft mit "all den Waren und Medien, welche die Gesellschaft im Namen der Kinder produziert". Damit aber ist sie zugleich "Metapher für den Verlust an Zuwendung und Liebe" und für die Ersatzhandlungen der Erwachsenen gegenüber Kindern. Die Erziehungsrituale unserer Zeit ins Visier zu nehmen und für die Kinder Partei zu ergreifen, meint Thiele, das sei ja nicht gerade populär. Um so wichtiger findet er dieses Buch mit seiner in ihrer Naivität "an David Hockneys frühe Märchenillustrationen" erinnernden Bebilderung von Giselle Potter. Für das Ende der Geschichte hätte er sich allerdings eine weniger weltfremde Lösung gewünscht als die Utopie einer intakten, unberührten Natur: "Warum verschweigen, dass außerhalb der Kinderkiste keineswegs nur Milch und Honig fließen?"
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.01.2001

In einer Sammelrezension bespricht Elisabeth von Thadden vier Bücher, die sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit den Bedürfnissen von Kindern befassen und die die Rezensentin alle für durchaus empfehlenswert hält.
1.) Unicef (Hrsg.): "Der Start ins Leben" (Fischer)
Dieses Buch hat vor allem die "vergessenen" Kinder der ärmeren Länder im Blick, so die Rezensentin, die hier weniger das Buch bewertet als vielmehr die Hauptforderungen der Autoren wiedergibt. So sei die Entwicklung des Gehirns in den ersten drei Jahren von besonderer Bedeutung, weshalb gerade den Bedürfnissen von Kleinkindern in Entwicklungsländern - etwa durch bessere Ernährung - stärker Rechnung getragen werden sollten. Zwar sind diese Forderungen nicht neu, so Thadden. Doch ihrer Ansicht nach kann es durchaus nicht schaden, immer wieder daran zu erinnern. Insgesamt handelt das Buch nach Thadden jedoch nicht ausschließlich von Kindern, sondern auch vom "losen Zusammenhang aller Weltbürger", was gerade beim Thema AIDS ganz deutlich werde.
2.) John T. Bruer: "Der Mythos der ersten drei Jahre" (Beltz)
Der These, dass die ersten 36 Lebensmonate eines Menschen für die Entwicklung des Gehirns entscheidend sind, widerspricht der Autor hier vehement, betont von Thadden. Diese These führe nach Bruer lediglich zu einer starken Verunsicherung bei Eltern, doch Kinder bräuchten keine Unsicherheiten, sondern "vor allem emotionale Gewissheit". Bruer vertritt diesen Standpunkt in seinem Buch, so von Thadden, "fast liturgisch und mit feiner Ironie". Zuwendung ist das wichtigste für Kinder, referiert die Rezensentin weiter, doch mache der Autor bei seinen Ausführungen einen deutlichen Unterschied zwischen "Zuwendung und Überversorgung". Der Autor stelle sich in seinem Buch deutlich gegen die derzeit sehr populären Thesen von der Bedeutung frühkindlicher Hirnentwicklung und plädiert im Großen und Ganzen eher für eine stärkere Erwachsenenbildung, weil für ihn das lebenslange Lernen im Vordergrund steht.
3.) Toni und Slade Morrison: "Die Kinderkiste" (Rowohlt Taschenbuch)
Nach von Thadden ist das Thema dieses Kinderbuchs die "Käfighaltung von amerikanischen Mittelstandskindern". In ihrer Kiste haben die Kinder all die teuren Spielsachen, die ihnen ihre Eltern bei ihren mittwöchlichen Besuchen abliefern. Doch Freiheit haben diese Kinder nicht, und auch an Zuwendung fehlt es. Sie werden weggesperrt, um die Erwachsenen nicht zu stören. Von Thadden sieht in dem Buch eine "groteske Zuspitzung", bei der die "übersättigte Verwahrlosung" diese Mittestandskinder - wenn auch bisweilen etwas klischeehaft - aufgezeigt wird.
4.) Burkhard Spinnen: "Belgische Riesen" (Schöffling)
Eigentlich gehört Konrad, der Protagonist dieses Romans, zu den privilegierteren Kindern, stellt die Rezensentin fest: Er lebt in einer heilen Familie und hat einen Papa, der ihm abends selbst ausgedachte Geschichten von der Schlange Anabasis erzählt. Doch Konrads kleine Nachbarin Friederike hat weniger Glück, denn ihr Vater hat die Familie gerade wegen einer Geliebten verlassen. Von Thadden gefällt es sehr, wie die bei Konrad aufkommenden Trennungsängste nun Eingang in die abendlichen Erzählungen des Vaters finden, weil der Junge anfängt, Fragen zu stellen: Ob etwa der Schlangenforscher auch von der Familie getrennt lebt oder ob er eine Geliebte hat. Von Thadden sieht die Gefahr, dass dabei der Eindruck einer "neuen Vatersentimentalität" entsteht, doch würde man ihrer Ansicht nach damit dem Buch unrecht tun. Vielmehr steht für die begeisterte Rezensentin hier das Thema "Zuständigkeit füreinander" im Vordergrund.
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