Michaela Murgia

Accabadora

Roman
Cover: Accabadora
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783803132260
Gebunden, 173 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Julika Brandestini. Wie Mutter und Tochter leben Bonaria Urrai und die sechsjährige Maria zusammen. Die Bewohner des sardischen Dorfes sehen den beiden verwundert nach und tuscheln, wenn sie die Straße hinunterlaufen. Dabei ist alles ganz einfach: Die alte Schneiderin hat das Mädchen zu sich genommen und zieht es groß, dafür wird Maria sich später um sie kümmern. Als vierte Tochter einer bitterarmen Witwe war Maria daran gewöhnt, "die Letzte" und eine zuviel zu sein. Nun hat sie ein eigenes Zimmer in dem großen reinlichen Haus Bonarias, wo alle Türen offen stehen und sie jeden Raum betreten darf. Doch ein Geheimnis umweht die stets schwarz gekleidete, wortkarge Frau, die mitunter nachts, wenn Maria schlafen soll, Besuch erhält und dann das Haus verlässt. Es scheint, als würde Bonaria in zwei Welten leben. Das Mädchen spürt, dass sie nicht danach fragen darf. Erst sehr spät entdeckt sie die ganze Wahrheit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.07.2010

Diese "eigenwillige Variante des Entwicklungsromans" hat Maike Albath gut gefallen, und Michaela Murgia trägt damit aus ihrer Sicht weiter zur gegenwärtigen Renaissance der sardischen Literatur bei. Seine Sogkraft bezieht das Buch für die Kritikerin aus den Schilderungen der zahlreichen heidnischen Gepflogenheiten der sardischen Kultur, die ihr "einem ursprünglicheren Verhältnis zu Leben, Tod und Leid" geschuldet zu sein scheinen. Beeindruckt schildert sie eindringliche archaische Bilder aus dem "erzählerischen Universum" des Romans. Bei der Schilderung der Geschichte ihrer ungewöhnlichen Heldin folge die Autorin dem Muster der mündlichen Erzählung, deren Hauptmerkmale für die Kritikerin viele "Wiederholungen, Elemente aus Legenden und eine bildhafte Sprache" sind.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.05.2010

Wirklich gegeben hat es die "Accabadora" des Titels, also die Frau, die Sterbenden zum Tode hilft, mutmaßlich nie. Was Michela Murgia in ihrem Romandebüt erzählt, ist also eher eine sardische Legende. Daran, dass dieser Roman realitätsgesättigt und so "poetisch" wie "nüchtern" (lobt Jutta Person) von der italienischen Insel und ihren Bewohnern erzählt, ändert das freilich nichts. Um Adoption geht es, um das Verlassen der Insel und um die Rückkehr, aber an keiner Stelle werde daraus ein Stück Nostalgie. Kein Wunder auch, findet Person, bei einer Autorin, die sich auf ihrer Website heftig in die Gegenwart einmischt und mit einem Tagebuch ihres Leidens als Callcenter-Mitarbeiterin debütierte.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.04.2010

Reife attestiert Niklas Bender dieser Autorin. Wer derart abgeklärt, elegant und schlicht über das archaische Erbe Sardiniens zu schreiben vermag, meint Bender, der steht keinesfalls mehr am Anfang, auch wenn es sich bei diesem Roman von Michela Murgia um einen Erstling handelt. Ein wenig wundert sich Bender zwar, wie relativ heiter die Autorin ihre kleine Heldin, die sechsjährige Maria, in einem sardischen Dorf in den 50er Jahren mit dunklen archaischen Riten in Berührung kommen lässt und die so heikle wie zeitlose Frage nach dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben stellt. Weil es der Autorin so jedoch gelingt, Archaik nicht als Folklore, sondern als selbstverständlichen Teil eines Reifeprozesses zu zeigen, leuchtet es Bender schließlich ein.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.03.2010

Zwischen "Krimi und Gedankenspiel" changiert der unheimliche und manchmal beklemmende Roman der gebürtigen Sardin Michela Murgia, schauert es Nina Apin. Schon die auf Brauchtum beruhende Beziehung zwischen der kinderlosen Schneiderin Bonaria Urrai und der jungen Maria, die als "Tochter des Herzens", man könnte es aber auch  Altersversicherung nennen, adoptiert wird und Erziehung und Bildung genießt, mutet seltsam an. Bonarias zweiter, in der Dunkelheit ausgeübter Beruf tut es erst recht. Als Accabadora (als "Beenderin") hilft sie Sterbenden über die Schwelle zum Tod. Über diese Tätigkeit, die als "von der Gemeinschaft mitgetragener Akt der Barmherzigkeit" aufgefasst wird und zumindest in den Legenden und Sagen der Sarden noch in den fünfziger Jahren eine Rolle gespielt hat, kommt es zum Konflikt zwischen Maria und Bonaria. Die Autorin habe kein italophiles Wohlfühlbuch geschrieben, warnt die Rezensentin, sondern einen "harten Blick" auf eine archaische Kultur geworfen, "die in ihrer Kindheit noch von den Alten gelebt wurde".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 18.03.2010

Betörend, aber auch "verstörend" findet Elisabeth von Thadden den Debütroman der sardischen Autorin Michaela Murgia. Die Geschichte um das Mädchen Maria, das an Kindesstatt von einer Frau aus dem Dorf aufgenommen wird, der es obliegt, als "Accabadora" die Alten des Dorfes dem Tod zuzuführen und die Kinder auf die Welt zu holen, spielt in den 1950er Jahren und pflegt einen märchenhaften Ton, erklärt die Rezensentin. Den archaischen Zuständen im Dorf aber wird mit der jugendlichen Maria eine klug reflektierende Stimme entgegengesetzt, die ihre Pflegemutter liebt, aber Stück für Stück ihre "Abgründe" aufdeckt, so die Rezensentin weiter. Nachgerade "beunruhigend" findet Thadden die naive Haltung der Männer des Dorfes, die sich der "tödlichen Weisheit" der Accabadora überlassen, und demgegenüber "berückend schön", wie sich das Mädchen von ihrer Umgebung emanzipiert.
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