Deborah Levy

Der Mann, der alles sah

Roman
Cover: Der Mann, der alles sah
Kampa Verlag, Zürich 2020
ISBN 9783311100287
Gebunden, 288 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. London 1988. Der junge Historiker Saul Adler wird auf der Abbey Road angefahren. Nur leicht verletzt steht er auf und posiert für seine Freundin Jennifer Moreau auf dem Zebrastreifen, berühmt geworden durch das Beatles-Album. Das Foto nimmt er mit nach Ostberlin, wo er über den frühen Widerstand gegen den Nationalsozialismus forschen will. Dort begegnet Saul dem Übersetzer Walter Müller und dessen Schwester Luna, deren größter Wunsch es ist, endlich die Penny Lane in Liverpool zu sehen. Mit beiden beginnt Saul eine Affäre - und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Die Geschichte holt Saul ein, seine eigene und die Europas. Zeit und Raum lösen sich auf, Wahrheiten stehen auf schwankendem Grund, und keiner sieht, was der andere sieht. Bis Saul dreißig Jahre später wieder auf der Abbey Road steht - und allmählich begreift, was er, der so vieles zu sehen meinte, nicht erkannt hat, und was die anderen in ihm gesehen haben.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.01.2021

Rezensent Ulrich Rüdenauer rät zur Lektüre von Deborah Levys Roman - aber lieber im englischen Original, denn die Übersetzung scheint ihm die vielen schönen Doppeldeutigkeiten im Text einzuebnen und allzu "prätentiös" zu sein. Dabei bietet das Buch doch Verwirrung genug, sollte man meinen. Rüdenauer jedenfalls hat alle Mühe, die Erlebnisse der Hauptfigur, die er für eine gespaltene Persönlichkeit hält, und die munter durch die Zeit springende Geschichte, in der die Abbey Road, die Stasi, der Brexit ihre Rolle spielen, unter einen Hut zu kriegen. Für den Rezensenten dennoch ein höchst reizvolles Puzzle, das die Autorin einmal mehr als gewitzte Erbin der literarischen Moderne ausweist.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 27.10.2020

Wie Vergangenes und Gegenwärtiges ineinander wirken und so uneindeutig werden können, erfährt Sonja Hartl auf eindringliche Weise mit diesem Roman von Deborah Levy. Virtuos findet sie, wie die Autorin Vergangenheit und Gegenwart in einer Figur und ihrer Lebensgeschichte zur Koexistenz bringt. Das zu diesem Zweck eingesetzte Mittel der Variation von Figuren, Bildern und Motiven beherrscht Levy laut Rezensentin meisterlich. Für Hartl ein kluger, beeindruckender Roman mit einem fein gewobenen Netz aus Verbindungen.
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