Christof Wingertszahn

Anton Reiser und die 'Michelein'

Neue Funde zum Quietismus im 18. Jahrhundert
M. Wehrhahn Verlag, Hannover 2002
ISBN 9783932324598
Gebunden, 127 Seiten, 16,00 EUR

Klappentext

Karl Philipp Moritz stellt in dem autobiographischen Roman Anton Reiser (1785-1790) dar, wie sein Alter Ego Anton Reiser unter dem Einfluss einer religiösen Sekte zum "völligen Hypochondristen" wird. Moritz' Vater und sein Lehrherr, der Hutmacher Lobenstein, waren Anhänger des Quietisten Johann Friedrich von Fleischbein (1700-1774), dieser wiederum ein fanatischer Parteigänger der französischen Mystikerin Jeanne-Marie Guyon du Chesnoy (1648-1717). Der Alltag und das Umfeld des Quietisten Mitte des 18. Jahrhunderts in Deutschland waren bisher fast unbekannt. Nun erlaubt der neuaufgefundene Fleischbein-Nachlass eine neue Sichtweise auf den Roman Anton Reiser und das praktische Leben der deutschen Quietisten. Die vorliegende Studie dokumentiert Moritz' Aufenthalt bei Lobenstein durch bisher unbekannte Briefe des Hutmachers und entwirft zum ersten Mal anhand zahlreicher Funde ein realistisches Bild der Guyonisten um den "Seelenführer" Fleischbein.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.03.2002

Ist Karl Philipp Moritz' Roman "Anton Reiser" autobiografisch? Und wenn ja, gilt das auch für Moritz' Jugend? Es gilt, jubelt Rezensent Alexander Kosenina. Bisher hat man es nur vermutet, doch jetzt hat Christof Wingertszahn in Lausanne Briefe aufgestöbert, die es beweisen. Die Briefe stammen von dem Hutmacher Lobenstein, der im Roman seinen Lehrling Anton auf das schändlichste quält und demütigt. Den Herrn gab es wirklich, und er schrieb u.a. einen Brief an den "quietistischen Seelenführer" Johann Friedrich von Fleischbein, dem er detailliert beschreibt, wie er den 'kleinen Carl' bestraft hat, um ihm 'grim und bosheit' auszutreiben. Diesen und einen zweiten Brief, der an Fleischbeins Financier, den Freiherr von Klinckowström gerichtet war, hat Wingertszahn im Nachlass Fischbeins gefunden: ein "Triumph der Archivforschung", freut sich Kosenina. Ebenfalls im Buch finden sich "flankierende Zeugnisse", die zeigen, warum das Kind Karl so 'verstockt' war. Der Quietismus, dem Lobenstein anhing, war geprägt von "radikaler Lebensfeindschaft und Auslöschung der Individualität". Kosenina nennt das "quietistische Erziehungsdiktatur". Erst mit diesem von Wingertszahn dargebotenem Hintergrundwissen, erklärt der Rezensent, könne der Leser wirklich nachvollziehen, wie sehr Moritz gelitten haben muss und welch "bittere Rache" er in seinem Roman nahm.
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